Urbs

von Käthe Knobloch

Wenn feine Denkfäden gesponnen werden, weiß man plötzlich, warum man so gerne schreibt. Danke Ben.

Den Anblick der Sterne vermisste sie am meisten. Hustend und röchelnd erstickte sie fast unter ihrer Graudecke, die den Blick in die Unendlichkeit verhüllte und ihr das Gefühl des Eingesperrtseins vermittelte. Die Grünoasen, die ihr ab und zu ein wenig sauerstoffige Pausen verschafft hatten, waren mittlerweile arg geschrumpft. Und selbst dort verpesteten die Menschen die Luft mit Qualm und Lärm. Im Sommer war es fast unerträglich, Grillorgien und Stampfmusik allerorten. Autoschlangen quälten sich dreispurig durch ihre verstopften Adern. Ach, wie gerne hätte sie sich gehäutet und komplett neu erfunden – die Stadt.

Was war eigentlich mit den Tieren passiert? Die flinken Eichhörnchen, die sie so zum Schmunzeln brachten. Oder die krakeelenden Sperlingsbanden? Wo waren diese abgeblieben? Die Stadttiere, die sie kannte, die gab es kaum noch. Mit dem Verschwinden der Parks und Prachtalleen, umsäumt von Bäumen; waren auch diese verschwunden. Stattdessen streunten fremdartige Geschöpfe des nächtens durch die abgelegenen Gassen. Augenschwarzumrandete bärenartige Fauchtiere, die den Müll durchwühlten. Ein Reineke letzthin, was hatte der außerhalb des Waldes zu suchen? Oder gar die Schwarzkittelrotte, die karottenkatschend den Abfallberg des Discounters zerrüsselte. Ach, wie gerne hätte sie sich aufgebäumt und all den Unrat abgeschüttelt – die Stadt.

farbenfroehlich

Seit mehreren Jahren hatte sie kaum mehr als ein paar wenige Stunden in der Nacht geschlafen und auch heute kam sie kaum zur Ruhe. Viel zu hell und zu laut war es während der Nacht, daran konnte sie sich einfach nicht gewöhnen. An ihre Kindheit erinnerte sie sich kaum noch, hatte sie sich doch so sehr verändert. Mittlerweile war sie eine Meisterin darin, ihre Makel zu überdecken, welche ständig neu zu finden waren. Ihre Einsamkeit traf sie innerlich am meisten, trotz all des Lebens, das sie umgab. Letztes Jahr war sie fast ertrunken und spürte für kurze Zeit, dass man sie doch nicht vergessen hatte und von überall Menschen herkamen um sie zu retten. Mittlerweile jedoch hat man sie wieder vergessen und nimmt sie gar nicht wahr, obgleich sie ständig und überall ist – die Stadt.

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