Claras Chronik 08.01.2014

von kaetheknobloch

Lieber Victor, waren Sie das? Woher kommt auf einmal diese Musik? In meine Ohren getropft wie einst weißgoldenes Baumharz zum Meeresgrunde sank, um alle Zeiten überdauernd feingülden zu werden, als Herz eingeschlossen ein Libellchen vielleicht. Wie eine sanfte Brise am feinkieseligem Gestade umhüllen mich die Töne, tragen meine Gedanken hin zu dem Orte, an dem ich Sie eines Tages erwarten werde. Ein Bernstein wird mein Gruß für Sie sein. Mit Salzwasser gewaschenes Kleinod, das den Weg einstmals in meine Hände fand, vor Jahrzehnten schon und das ich weiter innig mit Tränen benetze, damit es keinerlei Makel bekommt. Jahr um Jahr werde ich Sie erwarten, ich gelobe, ich werde nicht müde werden. Lieber Victor, es ist viel zu mild für diese Jahreszeit. Jetzt müßte Winterruhe sein. Zeit zum Ruhen und Kräfte bündeln. Stattsessen gieren die Menschen nach Frühlingszweigen und Tulpengeraschel. Haben Sie schon mal das ein Versprechen bergende Tuscheln von Tulpenstielen vernommen, die sich gegenseitig Lenzgeheimnisse erzählen? Es ist ein so wundervolles Lauschen dann in mir drin. Aber doch bitte nicht im Jänner. Jetzt muß weichtuchig Feld und Flur bedeckt sein und nur die Schnürspur von Herrn Reineke schlängelt sich über die ruhenden Ackerkrume. Ach, wie ich doch Sanftschneegeschwebe und Untersohlengeknirsche vermisse. Warm pulst der Bernstein in meiner Hand, vielleicht ist es das vergangene Sirren der Libelle Flügelschlag, der schlicht die Zeiten in golden gewordenen Uraltbaumtränen überdauert hat. Auch wenn ich mich manchmal ebenso uralt fühle, vermutlich bin ich es ja auch; ich werde es nicht überdrüssig werden, Ihnen meine Gedanken zum Troste zu schicken. Schicken Sie mir nur weiterhin Musik. Immer die Ihre, Clara.

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