Richard & Andrej

von kaetheknobloch

Es war zu meinen wildesten, ungebundenen Zeiten. Richard war der DJ in einer meiner Stammdiskotheken. Ein liebevoller, leicht linkischer Schlaks, dem man seine Männerschönäugelei gar nicht ansah. Gleich feinlächelnd begegnete er Frau wie Mann. Später, als er zu einem Lieblingsmenschen mir ward, erkannte ich es am Gefunkel in seinen schiefergrauen Augen, wenn ihm sein Gegenüber besonders gefiel. Mir verschaffte er durchtanzte Nächte. Manchmal erschien es mir, als legte er die Musik nur für mich auf. In diesen Nächten erlag ich der Tanzwut und begab mich vollends in Richards Hände. Er war es dann, der mich im Morgengrauen nach Hause brachte, in meine Dachkammer, die ich damals behauste, mich entkleidete und sich zur mir legte, nur um mich zu halten und zu beschützen. Nie zuvor hatte ich einen treueren Freund besessen. Von seinen Affären erzählte er nie. Ich wußte nicht mal von seinem Männergeschmack. Doch dieses Geheimnis sollte sich mir bald offenbaren.

Andrej begegnete mir auf den Fluren des Arbeitsamtes. Seine Aura von Traurigkeit, seine schulterhängende Hoffnungslosigkeit, der gebeugte Nacken, alles an ihm schrie um Hilfe. Ich sprach ihn an, lud ihn auf einen Kaffee ein. Was er mir radebrechend von sich stockendumworteringend berichtete, trieb mir die Tränen in die Augen. Ein Flüchtling aus dem Kosovochaos war er. Nicht da und nicht dorthin gehörend. Fast zerrieben an Fronten, die nicht die seinen waren. Verderbtliebend, so sei er. Sein Äußeres schien mir wie ein Abbild dieser Zerrissenheit. Wildblondverwegen mit Augen so dunkel wie ein Weiher in neumondiger Nacht. Sein Habitus entprach dem eines Clochards. Und so begegneten ihm auch in dem Land, in das er sich gerettet; die Menschen: kalt, argwöhnisch, randvoll mit Vorurteilen. Traurigerweise war ich die Erste, die ihm zuzuhören schien. Worüber ich den Tag und meine Pläne über den Jordan warf. Abendstundig fuhr ich ihn in seine Bleibe, ein Fünfbettzimmerloch in einem Ausländerheim. Er mußte sich als anwesend melden. Was er auch tat, nur um gleich darauf mit ein paar Habseligkeiten wieder in mein Auto zu steigen. Ich konnte ihn nicht dort lassen, in dieser nach Schweiß und Pisse und Testosteron stinkenden Bude. Wir fuhren schweigend durch die kaltstädtisch illuminierte Nacht hin zu meiner Dachkammer. Ich konnte nicht denken, geschweige denn reden, ich war zu entsetzt.

Aus der Gaube meines Dachkämmerchens schimmerte warmes Licht. Es schien, als würde jemand auf mich warten, was Andrej noch tiefer in den Autositz kriechen ließ. Ich versicherte ihm wieder und wieder, allesgutnichtböseichhelfedir; und brachte ihn dazu, mit mir die Stufen bis unter’s Dach zu erklimmen. Das Badezimmer, ach was, der Badeverschlag, der zu meiner Dachkammer gehörte, befand sich auf halber Treppe. Ich bugsierte Andrej da hinein, eine warme Dusche war dringend notwendig. Und während er brav dem Duschbefehl folgte, schaute ich, wer da in meinem Dachkämmerlein sein Unwesen trieb. Es konnte eigentlich nur einer sein. Natürlich war es Richard, der mich leise tadelnd, weil ich unsere Verabredung vergessen hatte, dennoch innig in die Arme schloss. Und derart warm umfangen berichtete ich ihm von meiner Begegnung. Erst das Knarzen der Wohnungstür unterbrach meinen Monolog. Es war Andrej, strubelignasshaarig, nur mit einem Handtuch um die Hüften, verlegen und entschuldigungsstammelnd. Ein Anblick, der sowohl Richard als auch mich tiefinnigst aufstöhnen ließ. Mein Augenmerk wieder auf Richard richtend sah ich in seinen Augen ein Feuerwerk auf grauschiefrigem Grund, ein Gefunkel und Geflimmer, so hell und rein aufleuchten, wie ich es noch nie gewahr wurde. Mühsam nur wandte ich meinen Blick von diesen Funkelzauber ab und drehte mich erneut zu Andrej um. In seinen tiefschwarzen Augen spiegelte sich das richard’sche Feuerwerk wieder und genau in diesem Moment schien die Welt stillzuhalten. So wie sie es glücklicherweise immer mal wieder tut.

Gestern Abend schrub ich diese Erinnerung, die lange verschütt‘ gegangen war, auf und heute Morgen wartet im Mailfache eine Nachricht von einem aus der vergangenen Diskobande um Richard und mich herum. Einer, von dem ich bestimmt fünfzehn Jahre nichts hörte. Ist das Leben nicht wundersam?!

Und ich verweise nochmal auf Campact. Damit das Leben für alle wundersam bunt werden möge.

Advertisements