Claras Chronik 01.02.2014

von kaetheknobloch

Oh, mein lieber Victor, heute weiß ich nicht, ob ich es denn vermag, dieses Notat an Sie abzusenden. Zu tief hat sich das Grauen in die Netzhaut eingebrannt und tropft nun, langsam wie das Gift des Fingerhutes durch meine müden Hände auf mühsam abgespartes Papier. Es ist ein fürchterlicher Ort, dieses Lazarett. Nie ist Ruhe, Frieden gar zu finden. Meine Ohren vernehmen das Stöhnen und die Schmerzensschreie als einen Klangteppich der Entsetzlichkeit. Es scheint, nur die in den letzten Atemzügen liegenden leisen Stöhntöne erreichen noch mein vom vielen geronnenen Blute verkrustetes Herz. Dann eile ich holzschuhklappernd durch die Gänge, um der jeweiligen armen Soldatenseele am Ende die Hand zu halten. So, wie es einst versprach, auch bei Ihnen zu tun, mein lieber Victor. Und dieses Versprechen gibt mir die Kraft, dieses Grauen hier durchzuhalten. Was hat dieser Krieg nur für Tiere aus uns allen gemacht? Den schwarzen Engel nennen sie mich. Ich habe meinen Kittel mit Ruß und Asche eingefärbt, es war vor lauter Blut, Schweiß und Fäkalien eh‘ kaum noch ein Zipfel Weiß zu finden. Und Wasser, um Kleidung zu waschen, ist viel zu kostbar. Das ist auch der Grund, warum ich mir das Langhaar schor. Ich habe ja nicht mal Zeit für die dreißig Bürstenstriche, die mich mein bisheriges Leben lang begleiteten. Lieber Victor, ich würde Ihnen so gerne noch etwas Schönes, Leichtes und Zartes anbey senden, doch all‘ dies ist mir derzeit verlustig gegangen. Allein das Wissen um bessere Tage an Ihrer Seite, die mich dereinst erwarten, hält meinen wehen Rücken gerade. Und meine raren Momente der Ruhe unten am Fluße, Gedichte lesend, die mir Genesende, die es durchaus auch gibt, als Danke aus dem Kopfe notierten. Dort, auf der jetzt graubraunmorastigen Wiese sollen im Lenze die Schlüsselblumen blühen. So erzählte es mir ein junges Mädchen aus dem Dorf. So leuchtend gülden, wie der Bernstein im fahlen Wintersonnenlicht, wenn ich ihn mal heimlich aus seinem Brusttuchverstecke geholt. Lieber Victor, ich verbleibe, erschöpft zwar, ausgedünnt ein wenig und dennoch hoffnungsschwanger ganz und gar die Ihrige. Clara.

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Léo Malet

Träumt davon schön zu sein

Schrei gewordene Kinnlade

über den Schandpfahl hinaus

Rothaariger Totenkopf fällt

auf die unschlüssigen Pfade

In den hohlen Händen ruhen

die uralten Stufen zum Scheiterhaufen.

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