Das Kind, das keines mehr sein wollte

von kaetheknobloch

„Ja, das könnte funktionieren.“, dachte das Kind, das keines mehr sein wollte und zog beherzt die Gürtelschnalle fest. Des Papas Gürtel diente ihm als Sicherungsgurt für die in einer Tasche gestapelten Töpfe mit Warmspeiseninhalt aus der dörflichen betriebseigenen Speiserey. Eigentlich nur dem dort arbeitenden Volke vorbehalten, hatte sich Mama mit ihrer gewohnten Verve durchgesetzt, eine Portion mehr zu erhalten, um dem einsamen, traurigen Hutzelopa hinterm Berg sein neufremdes Witwerleben zu erleichtern. Innigst verbunden, die Goldene Hochzeit hatte die Hutzeloma um ein Jahr überlebt, hatte er ihr beim Ausdünnen hilflos zusehen müssen. Und jetzt wollte er ihr eigentlich nur noch folgen. So wurde im Familienrate beschlossen: Wenn er nicht für sich allein kochen will, bringen wir ihm warmes Essen! Nur wie? Alle in ihr Tagwerk eingebunden, teils nicht im Orte, der große Sohn fort zum Weiterbilden. Das Kind, das keines mehr sein wollte, drängelte so lange, bis es die Erlaubnis auch des Papas bekam. Mit dem Moped des Bruders fuhr es fortan fünf Tage der Woche über den Berg. Schlang sich den selbstgebastelten Sicherungsgurt um den Hals, stülpte sich den viel zu großen Helm des Bruders auf den kopftuchig aufgepolsterten Kopf und schlingerte los, die gutbefüllten Töpfe tankwärtsbeinebalancierend. Und sagte sich: Hutzelopa, dein Schwarzhelmchen kommt, scheiß auf Rotkäppchen. Und sprach laut aus den täglichen Wunsch: „Bitte, mein Opapa, laß mich nicht nur deine vollends ausgedünnte Hülle finden!“

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