Claras Chronik 17.02.2014

von kaetheknobloch

Mein lieber fernnaher Victor, jetzt hat auch dieser Hornung seinen Zenit bereits überschritten und noch immer läßt der Rauhwintergeselle auf sich warten. Langsam hege ich die Befürchtung, er wird mir den sonst so vergnügtbelebenden Bruder Märzen vergallen. Oder gar dem launigen April seine Scherze unter Wintertuchigkeit verstecken. Ich weiß, mein lieber Victor, Sie ermahnen mich immer wieder, nicht so arg zu grübeln, sondern die Dinge hinzunehmen. Ich versuche es ja. Ihnen zuliebe. Mein Blick fällt durch das große Fenster in den Garten, in dem sich bereits neues Werdenwollen regt. Wieder muß ich leise seufzen. Zu zeitig, dieses Ergrünenwollen. Das Vogelvolk hebt schon ab zum Balzgetanze und schmettert Frühlingsarien. Kommt aber trotzdem immer wieder hin zum Vogelhause, um schiefköpfig zu überprüfen, ob sich nicht doch ein von Menschenhand bereit gelegtes Körnchen als leichte Beute finden läßt. Lieber Victor, ich muß Ihnen gestehen, daß ich es nicht lassen kann, dem Flattervolke von meinem Überflusse abzugeben. Wer ist mir denn sonst noch geblieben, den ich verwöhnen könnte? Längst verlassen haben mich meine Lieblingsmenschen. Hund und Katzen folgten ihnen. Nein, ich wehklage nicht mehr. Zuviel Jahre sind schon in’s Land geflossen. Ich komme gut zurecht. Jeder Mond der vergeht, bringt mich näher zu Ihnen, mein lieber Victor. Immer öfter nehme ich den Bernstein in die Hand. Goldener und schimmernder erscheint er mir zu werden. Schwerer gar in meiner müden Hand. Ich habe mir ein Samtrotbeutelchen genäht, darin bewahre ich ihn auf. Um den Hals vermag ich ihn nicht mehr zu tragen. Zu oft bin ich des nächtens hochgeschreckt, weil er sich scheinbar glühend in meine Brust brannte. Vielleicht will er mir Signale senden, daß unsere Wege sich bald kreuzen werden, mein lieber Victor?! Jaja, ich hör‘ schon auf. Die Spatzenbande ruft eh krakeelend nach mir. Ich trete in den Garten hinaus und zwitscherlärmend zerteilt sich das Wolkengeschilpe. Eine graufeine Daunenfeder hinabschaukelt sich sanft auf meine verschränkten Arme und löst allein dadurch deren barmende Erstarrung. Victor, mein lieber Victor, ich habe Ihr federluftigleichtzartgraustreichelndes Luftpostgeschenk erhalten. Und danke aufbaldinnigst, Ihre Clara.

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