Wintermädchenrotwangenlächeln

von kaetheknobloch

So früh war außer ihr nie jemand auf dem Fluß unterwegs. Scheinbar die mäandernden Kurven des in Frost erstarrten Flußes in feinen Schlängellinien nachzeichnend, ziselierten sich ihre Kufen in das von einer hauchdünnen Zartkristallschicht bedeckte Eis. Nur sachte hatte der Neuschnee die Spuren des vorherigen Tages bedeckt und doch all‘ die Möchtegernschlittschuhläufer und Grobhockeyeisflächendrescher Vergangenheit werden lassen. Zu dieser Rauhreifdämmerstunde gehörte der Fluß nur ihr und der Macht von Väterchen Frost, dem sie innigst vertraute. Sie kannte jedes Knacken im Eis, ob es warnend oder gütlich war. Gütlich waren die frostigen Knarzer zumeist, nur an den Stellen, an denen Menschen Löcher in das Eis gehackt, da klang es warnend. Kam das Wintermädchen an die wenigen geraden Abschnitte des Flußes, nahm es schon in der einleitenden Biegung Schwung auf. Dann beugte es sich tief, die beschlittschuhten Füße flogen übers Eis und die Arme glichen Wildgansflügeln, die abwechselnd den wilden Lauf beschleunigten. Kurz nur dieser Rausch, zu bald mußte das schrille Kreischen der Kufen erklingen, das entstand, wenn sie sich quer zum Eise legte, um nicht in die Böschung des nächsten Flußknickes zu rasen. Scharf mußte sie bremsen, manchmal über ihr Vermögen und schlitterte dann ganzkörperig über das Eis. Hätte je jemand ihr Seeligrotwangenlächeln dabei gesehen, dieser jemand verstünde die Sehnsucht des Wintermädchens.

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