Fast verpasst

von Käthe Knobloch

Paß auf dich auf, hast du zum Abschied gesagt. Und ab da gelang mir gar nichts mehr. Hasenfüßig und scheuäugig ging ich durch die Welt, immer aufpassend auf mich. Richtete meinen Blick nur vor meine Füße, ertastete zögerzehig jeden weiteren Schritt. Leiselautige Worte hauchte ich nur noch. Wagte kaum, die Stimme zu erheben. Aus Aufpassen wurde Abpassen. Fluchten nutzen, nicht bildmittig erscheinen wollte ich mehr. Suchte die Geborgenheit, die sich selbst in den Schatten zu verbergen schien. Und meine Flüsterworte verdichteten sich von Fremdohr ungehört vor meinem Antlitz zu einer wabernen Wolke, einem undurchschaubaren Silbenschleier, der sich mit den Schatten vermählte. Bis ich mich schließlich komplett diesem Graugemenge angepasst hatte. Dermaßen kokonig eingehüllt blieb mir alle Welt verschlossen, ich passte mir allein. Aus dem Alleinsein erwuchs anfangs ein tiefer Frieden, der jedoch immer wieder feinen Nadelstich bekam. Was, wenn ich schon so vieles verpasst hätte?! Und aus den Nadelstichen wurden Risse und fremdlautige Silbenklänge durchdrangen meinen Kokon. Meiner Eigensprache schier verlustig, weckte nach und nach eine fremde wieder Wortverliebtheit, Silbenbalanciererey. Ich war deinem Auftrag hörig geworden und habe zu sehr auf mich aufgepasst. Fast hätte ich mich dabei verpasst.

„Neste meu hábito surpreendente de te trazer de costas
neste meu desejo irreflectido de te possuir num trampolim
nesta minha mania de te dar o que tu gostas
e depois esquecer-me irremediavelmente de ti

E no FIM disto tudo um Azul-de-Prata.“

António Maria Lisboa/Rêve oublié

„In diesem meinem Gewand das überraschenderweise dich auf dem Rücken trägt    in dieser meiner gedankenlosen Begierde dich auf einem Sprungbrett zu besitzen     in dieser meiner Sucht dir alles was du willst zu geben     und dann unabänderlich alles von dir zu vergessen

Und am Ende von alledem ein Himmel von Silber.“

Übersetzung: Dirk Müller