Stogrammkataströphchen

von Käthe Knobloch

Da ich zeitig beschloss, kein Kind mehr zu sein und begierig alle Erwachsenenaufgaben annahm, blieben mir wohl auch sehr frühe Erwachsenenfehltritte nicht erspart. Mit vierzehn die erste Zigarette, fast gleichzeitig der erste feste Freund. Zwar nur fummelig unsere Beziehung, denn ich hatte Frau Mama geschworen, ihren Fehler nicht zu wiederholen und bis zur Volljährigkeit zu warten, bevor ich einen Mann in meinen Körper ließ. Aber das ist eine andere Geschichte. Und um die geht es hier nicht. Bevor ich mich aus idyllischem Hinterland selbst in die nächstgrößte Stadt verpflanzte, waren meine Alkoholerfahrungen doch recht spärlich. Ein Halbglas Bier vom Herrn Papa gnädig abgegeben, ein Eierlikörchen im Waffelbecher, zwinkernd von Frau Mama gereicht oder aber die mehr wegen der Mutprobe paar geklauten Schnapskirschen, spitzfingerig aus dem Riesenglase gefischt; das waren die bisherigen Alkoholexzesse. Der Familienrat wähnte mich Sechzehnjährige sicher internatig verwaltet. Nun, Jugend findet wohl immer Schlupflöcher. Neben Abiturbüffelei, Landwirtschaftsausbildung, Sozialismuspaukerei, Stubenkontrolle und zuvor nicht in dem Maße erwartbaren Heimwehattacken fanden sich stets Mittel und Wege, abseits vom geführten Drill Abenteuer zu erleben. Wir fleißiglernwilligen Internatsregelnaustrickser erkannten flugs unser Potential. Boten uns des Abends im wundervollen Elbflorenz als Reisebegleitungskneipentippgeschichtenerzähler an. Spielend leicht lernten wir dürftiges Reiseführerostdeutsch auswendig und fügten phantasievolle Eigenkreationsanekdoten ein. Lungerten vor den Prachtbauten herum und investierten verdientes Trinkgeld sogleich in Museumseintritte, Opernaufführungen, Theaterbesuche und manchmal ganz profan in Gasthausschlemmereien. Eines Abends hatte eine Gruppe rustikaler Russen an uns einen Narren gefressen. Ende einer orbitösen Kultur-, Fress- und Sauforgie war mein persönliches Stogrammkataströphchen. Nach nur drei Gläsern kippte ich der Erzählung nach einfach unter den Tisch und verschlief den Rest des Abends. Seelig lächend, so hieß es anderntags. Die Russen hatten noch ein Transporter organisiert und der Trupp fiel angemessen krawallig mich darselbst abliefernd im Internate ein. Die erwartbare Strafe fiel allerdings aus, es waren ja schließlich unsere damaligen sozialistischen Brüder. Allerdings ist mir Wodka bis heute suspekt.

Diese Geschichte kitzelte die fabulöse Frau Stefanini aus dem Gerölle meiner Erinnerungen. Und weil das fetzt, lege ich ihre eigene Wortjongliererey jedwedem in die Pupille und an’s Herz.