Claras Chronik 05.05.2014

von kaetheknobloch

Mein lieber Victor, es ist ein befriedetes Land, ein sanfthügeliges und fruchtbares, in das mich die Flucht verschlagen. Bei Schönwetter locken am Horizonte weißleuchtende Bergketten. Von nahem werde ich sie wohl nie erblicken, aber im Moment genügt mir die sanftschwingende Hügeligkeit hier. In fast jeder Senke versteckt sich ein kleiner See, manchmal schwarztiefkalt, manchmal tümpeligfroschbequakt. Wälder schmiegen sich an Feldstreifen an und unsereiner kann unbekümmert alleine durch die Schöngegend streifen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, mein lieber, lieber Victor, aber nach den Schandgreueltaten, die uns von verrohten Mannsvolk angetragen, ist es einfach nur herzflattersinneberuhigend, eine Frauenidylle zu sehn. In mir ruht ja die Gewißheit, daß es andere Mannsbilder gibt, so wie Sie. Ich hoffe nur, dieser grauenvolle Krieg hat sie nicht alle verschlungen. Hier kann ich jetzt jeden Tag den Bernstein offen mit mir tragen. Er scheint die endlich wiederstrahlendfunkelnde Sonne in sich zu bergen und bewahren. Immer heller leuchtet er und genauso heller leuchtet die Lebensfreude in mir. Sie wächst wie meine Freude, Sie bei mir zu haben, durch all‘ diese Geläufe der Zeit. Ich fand Nachtlager und Brot bei einer stillfreundlichen Frau mit traurigen Augen. Gerne helfe ich ihr bei ihrem Tagwerk, es ist ein ehrbares, hartes. Ein wenig Land zu bestellen, der Viehbestand ist übersichtlich. Wir nennen uns schmerzscherzhaft den Wenigviehvierweiberhof. Sie hat zwei Töchter zu versorgen. Mann und Sohn sind im Kriegsgewirr verschollen. Tot? Oder noch am Leben? Sie weiß es nicht. Sie spricht nicht darüber. Drei lange Jahre Ungewißheit haben sie wohl sprachlos gemacht. Wir hoben mühselig gemeinsam ihre Schätze. Vor ihrer Flucht hat sie ein paar Wertsachen und Konserven vergraben. Zwei französische Kriegsgefangene, die ihr für die Landarbeit zugeteilt, halfen ihr. Als sie mir das mit nüchternen Worten beschrieb, erkannte ich gänsehäutig das Paradoxe an diesem Krieg, womöglich den Irrsinn hinter allen Kriegen: Männer greifen zu Waffen, um neues Land zu erobern und schicken dann gefangengenommene Fremdvolkmänner nach Hause, ihren Frauen in schwerer Arbeit eine Hilfe zu sein?! Mein lieber Victor, was für ein Irrsinn! Oh, ich muß mein Notat beschließen, das Jüngstmädchen wimmert nach mir. Das Weizenreifblondchen ist ganz vernarrt in mein Schwarzhaar. Bette ich mich neben es und umhülle sein Feingesichtchen damit, ist es zufrieden und sein Atem wird sanftruhigschlummernd. Ich werde mich morgen befleißigen, Ihnen weiter zu schreiben, nun, wo ich es endlich in Frieden, Ruhe und Dankbarkeit vermag. Auf bald, lieber Victor, im Traume kitzelt meine Nase Meeresgestadeduft und ich höre der Wellen Murmelklang. Ich muß einfach nur geradeheraus weiterwandern. Doch jetzt ist es erst an der Zeit zu ruhn. Ich werde meine Kräfte bündeln und erstarkschönen, damit ich mich Ihrer würdig fühle für den Tag, an dem wir uns gegenüberstehn. Immer die Ihre, Clara.

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