Claras Chronik 11.05.2014

von kaetheknobloch

Mein liebster Victor, ich habe nie aufgehört an Wunder zu glauben. Für mich hieße das ja, den Glauben an Sie aufzugeben. Ein undenkbares Ansinnen, welches mich gänsehäutig macht. Umso empfänglicher bin ich für fremdangetragene Wunder.  So wie heute geschehen. Ich habe Ihnen letzthin von der stillfreundlichen Frau mit den traurigen Augen berichtet. Deren Töchter ich umsorge aus Dankbarkeit für die mir angetane Hilfe. Sie spricht kaum, weint viel und das aber stets leise. Umso erschreckender heute, als ein gellender Schrei die Idylle in diesem wieder so schöngewordenem Gehöft an der Biegung des Flußes zerriß. Gefolgt von lachweinenden Tönen, ich konnte nicht unterscheiden, was überwog. Zum Glück weilten die Mädchen in der wiedereröffneten Schule, ein Provisorium, immernoch, aber eine Schule. Ich ließ meine Sense fallen, achtete nichtmal auf meine Füße und eilte zum Hoftor, das von uns mühsam repariert recht schief in den Angeln hing. Dort stand sie, ihre Schultern zuckten wie die Trauerbirkenzweige, die der Sturm jüngst peitschte, doch ihr Blick war voller Glück. Immer noch unter Schluchzseufzern hielt sie mir eine Postkarte hin.

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Vierundvierzig ward er noch eingezogen, der Jungbursche und einzige Mann noch auf dem Hof. Drei Jahre hatte sie keine Nachricht von ihrem Sohn und jetzt dieser Weihnachtsgruß im ergrünenden Mai. Es stimmt wohl doch, mein lieber Victor, Maiengrün ist Hoffnungsgrün.

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Weihnacht 1947!                                                                                                    24.11.47

Wenn die Weihnachtsglocken läuten, aufs Neue auch in diesem Jahr, denk ich an vergangene Zeiten, wie es so schön doch bei euch war. Wieder werden Lichter brennen in des Christbaum schöner Pracht. Viele weite Fernen uns noch trennen in dieser neuen heiligen Nacht. Bei den Sternen in der Runde, denke ich an euch allein. Übers Jahr zu dieser Stunde werd ich glücklich bei euch sein!

Unzählige heiße Weihnachtsgrüße und Wünsche sendet euch mit diesem kleinen Gedichtchen euer lieber sehnsüchtiger dankbarer Hellmut.

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Mein lieber Victor, können Sie sich dieses malstromige Gefühl vorstellen? Ich erschauere wieder und wieder. Nach Dreijahresfrist erst ein Lebenszeichen vom einzigen Sohne!  Jetzt erstarkt die Hoffnung, daß er wohl doch diesjährig den Heimweg finden möge. Und gleichzeitig erkeimt ein weiteres Hoffnungszweigchen für diese feinstille Frau: Wäre es nicht denkbar, daß auch der Gatte…? Sie sprach es nicht aus, doch ich sah die Hoffnung in ihren Augen. So läßt auch mich dieses weitgereiste Schreiben hoffen, daß meine Reise eines Tages ihr Ziel erreicht. Dereinst, wenn wir Arm in Arm am Gestade stehen und nur ein samtglimmender Bernstein zwischen unseren Händen ist. Heute hat dieses fremde Glück meine Brust so weit und glücklich gemacht, schier möchte sie zerspringen. Ich weine leise. Immer die Ihre, Clara.

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