bittemito

Käthe Knobloch. Bitte mit O. Erst ein Ä und dann zwei O.

Monat: Juni, 2014

Minimalhommagenachfrauahnungslosart

Die bonfortionöse Frau Ahnungslos hat mal wieder ihrem Namen alle Unehre gemacht und famose Worte für das wundervolle Wesen Mann ersonnen. Mein Kommentar dazu muß seinen Platz auch hier finden, genau wie auch die anderen Mitschreiberinnen ihre Kommentare eigenveröffentlichen müßten. So viele warmmurmelige Schönworte, sie müssen gelesen werden. Hier der meine Anteil mit heutigen Ergänzungen:

Dieses Wissen, wenn es mal gut sein muß und nur noch ein gereichtes Taschentuch unser Begehr ist. Dieses Lachfaltenliebevollnachziehen und gleichzeitig Istmirdochwurschtaugenzwinkern. Dieses Vonhintensicherumfassen, wenn das Gedränge einfach zu heftig ist. Oder gar das Schultern unserer Fastkleinigkeit, wenn der Blick auf die Bühne beim Rockkonzert hünig versperrt. Dieses beruhigende Schweigen bei unseren Schimpftiraden, die manchmal vulkanig aus uns herausbrechen, weil Frauen nunmal so sind. Und das stumme Famosumarmen, wenn wir uns ausgezetert haben. Dieses Vergessenundvergebenkönnen. Die Salatherunterwürgerey uns zuliebe, mit der Vorfreude im Blick auf das noch ruhende Steak. Hach, der Stolz überhaupt in den Augen, wenn das Mammut erlegt, auch wenn es nur das Schnitzel vom Metzger ist. Die Hingabe beim Hantieren in der Küche, das vergnügliche Pfeifen beim Schnippeln und Filetieren. Die Geduld beim Friemeln an Zeugs jedweder Art, die wir nie verstehen werden, aber doch eben lieben. Das Einfachdasein, manchmal sogar zigkilometrig entfernt und trotzdem armreichend. Und das pupillige Begehren, wenn der Blick warmsanftmurmelig auf uns ruht. Das stillzwinkernde Verlassen des Raumes, wenn die Freundin frischentliebt nur weiblichen Beistand sucht. Das ungefragte Nachschenken des Lieblingsweines, weil der Stillsommerabend einfach nicht zerredet werden kann. Und dann vielleicht noch dieses deutliche Zeigen, daß wir es wert sind, begehrt zu werden. Dochdoch, auch das gehört in diese Hommage, denn wir Frauen lieben es.

Woerrechthathaterrecht

Über diesen Titel muß ich selbst schalllachen. Woerrechthathaterrecht. Beim Versuche, ihn als Einwort auszusprechen, noch dazu mit ausformulierten Tiäitsch, habe ich mir fast die Zunge verslipstekt. Probierense mal, ich garantiere, Sie müssen über sich selbst lachen. Was bei akuter Grauhimmeligkeit ja mal ein guter Anfang ist. Womit ich bei dem eigentlichen Thema wäre. Arthur. Der Bullybeiflieger, versteckter Engel im letzten Eintrag. Der mir heute Morgen dann so ganz nebenbei noch einen Gutratschlag gab. Auf jeden Regen folgt die Sonne und der sollte man immer entgegenfliegen. So wie er:

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Woerrechthathaterrecht.

Ich verspruch eine Feinsilbenlobhudeley für denjenigen, der ihn zuerst auf dem Suchbild entdeckte. Die wundervolle Frau Maribey war die flugseste. Ach, was habe ich ihr Lächeln schon beschönwortet. Mir ist jedesmal, wenn mich ihr Strahlen umfängt, als würde sich die Raumtemperatur ein wenig nach oben sachtregulieren. Als lichtete sich das Gedankengrau an manchem Tag. Und dann lese ich ihre bonfortionösen Findesätze und ein Lächeln umantlitzt auch mich. Ich schrub gestern einer anderen von mir sehr geschätzten Dame, der lieben Frau Ahnungslos auf ihre traurige Frage:

„Und was ist übrigens wenn man das Hell im Drinnen nicht sieht? Es sich an diesen Tagen so verkrümmelt, in die letzte verworrene Ecke?“ folgende Antwort:

„In der letzten verworrenen Ecke hat sich ein Feinedelsteinchen versteckt. Ist unbemerkt dahingekullert, man hat es nicht bemerkt. Jetzt sucht das Helle nach ihm, mit ganzer Kraft. Fühlen Sie mal in sich hinein, spüren Sie diesen zarten suchenden Strahl, der langsam, aber stetig und beharrlich auch in die letzte Ecke scheint? Ein wenig Geduld nur noch, bald erkennen sie den Feinstedelstein und damit auch den Sinn der verlorengeglaubten Helligkeit.“

Ich glaube, nein, ich weiß inzwischen, Frau Maribeys Lächeln ist so ein Beharrlichhellwarmsuchstrahl. Für mich auf jeden Fall. Arthur stimmte mir heute zu.

Woerrechthathaterrecht.

Weilimmerirgendwodiesonnescheint

Augenwässernd nahm ich den langen Weg zum Haus am Ende des Weges, den über sanftgeschwungene Felder, über Klapperholpersträßlein. Da, wo Bäume sich noch dem Flanierenden neigen und Kornblumen und Mohn den Grauschleier vor den Pupillen beschöntupfen. Atmete ruhigtief und warmbedacht, bis ich vermochte, den Bully weiter heimwärts zu lenken. Den Sonnengruß, den nahm ich auf und gebe ihn an alle weiter, denen heute Grauhimmel die Stirn umwölkt. Irgendwo scheint doch immer eine Sonne.

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Nachtrag: Wer den versteckten Engel findet, bekommt von mir einen eigens für sie/ihn knoblochig zusammengeklöppelten Lobgesang. Damit die Sonne wieder heller scheint und Wohlworte die Wolken vertreiben.

Dieserimmerwiedereinemoment

Dieser Moment, in dem dein Herz gleich einer Sperlingsbande auseinander stiebt, lautschimpfend ob der Störung. Wie wenn das Wasser raunendrauschend verwundert über die Scharfklippe sich bricht und in tausend Richtungen zerfließt. Als ob der eine Stein, der mehr und mehr lawinig mit sich reißt, kein Halten im Grautalabwärts mehr kennt. Dein Herz, ein Tornado, der alles um sich verwirbelt, durcheinander tohuwabohut. Dein Herz in diesem einen Moment, ein Sandsturm in wüster Ödnis, durstend, fatamorganisierend, schmachtend nach Labsal und Trost. Dieser Moment, in dem dein Herz sich laufmaschig immer weiter zerdröselt, bis nur noch ein Fetzen über bleibt. Und als könntest du heißbrodelnde Lava mit deinen bloßen Fingern aufhalten, presst du die die flatternden Hände auf deine wundklaffende Brust und flehst, er möge wieder schnell vergehen, dieser eine Moment.

Für A.

Du hast mal geschrieben, dieses wäre eins der Lieder, die auf Deiner Beerdigung gespielt werden sollen. Ich weiß nicht, ob das jemanden außer mir noch erinnerlich ist. Ich kann nicht da sein, ich hätte es Dir sonst dort vorgespielt. Weil wir uns schreibenderweise trafen, deshalb an dieser Stelle: Ruhe in Frieden. Eine fremde Frau versprach mir am Telephon, eine Blume in meinem Namen Dir zu hinterlegen. Meine Blume und Deine Musik. Dort und hier. Zur gleichen Zeit. Ich trauere um einen fremden Freund. Und danke der Frau, die nun nicht mehr so fremd ist.

Wenn wenigstens das übrig bleibt

Gestern Abend saß ich in der viel zu kühlen Frühsommerluft. Langsam verhallte das Lachen in mir, das mich so wunderbar durch den Tag getragen. Der Abendhimmel senkte von azulnachrosazuviolett seine Lider. Mich fröstelte, ich schlang meine Kashmirstola enger um den satten Leib. Feine Nudeln mit vielerley Gemüse in einer Gorgonzolasoße, dazu ein Rieslingschorle hatten mich bauchwärts glücklich gemacht. Mit dem Rest Wein saß ich nun in diesem friedlichen Garten. Wenn mir die Frösteley zuwider, ich mußte nur nach innen gehen. Ins sichere Haus, die Heizung nur ein klein wenig höher drehen. Oder ein warmes, sinnliches Bad nehmen. Ich blieb draußen, zog meine Beine näher hin zu meinem inzwischen zitternden Körper. Starrte weiter in diese unbeschreibbar schöne Abendhimmeligkeit. Wie aus dem Nichts heraus tropften mir Tränen auf das hochpreiswollwärmende Kleid. Kein Schluchzer begleitete sie, kein Klagelaut. Stumm brannten sie auf meinen Wangen, benetzten schwarz noch verdunkelnder die Feinstofflichkeit. Ich ward inniger, als ich inhäusig je gewesen, denn diese Tränen, sie galten nicht mir in meiner temporären Frösteligkeit. Ich mußte ja nur meinen kalten Arsch heben, meine Wohlstandsmasse nach innen bewegen und hätte warme Behaglichkeit. Doch ich blieb sitzen, lauschtespürteschmeckte meinen Stummbrennendsalztränen nach. Wenigstens das, wenigstens das, wenn es nur Mitgefühl ist. Der nächste Schritt wird gemacht.

Meine Nackenschalkigkeit werde ich nie ablegen, auch meine freundliche Verlegenheitsschräubchendreherey nicht. Werde immer Silbersilbenperlenketten auffädeln und die schönen Seiten des Lebens lobpreisen. Doch muß auch Platz seyn für ernste Gedanken. Für Worte, die einem sogar manchmal die rosarote Brille wegreißen. Ich bin nicht gut beim Fingerindiewundelegen, bin eher die, die stets versucht, Salbe aufzutragen. Doch kann ich sehen und erkennen, wenn manchmal fremde Gedanken wichtiger sind:

Aber und dies aber ist wichtig: was habe ich getan, bei diesen bettelnden Zigeunerkindern?
Ich habe sie weggeschickt. Mit strengem Blick und unsicherem Herzen, wie ich in Asien so viele Bettler weggeschickt habe, weil Betteln kein Weg ist, auf den man Kinder schicken darf.“

Herr Georgas-Frey hat mit sich und der Situation in Europa gerungen und seine Gedanken notatiert. Den ganzen Text finden Sie hier. Danke fürs Lesen.

Rauperich Raul Rundlich

Meine Damen und Herren, seien Sie Teil einer nochniedagewesenen Sensation, staunen Sie und applaudieren Sie. Hartes Training verhalf unserem Topakrobaten Raul Rundlich, dem Rauperich, endlich zu diesem spektakulären Kunststück. Wie er selbst bescheiden bemerkte, war es dem Verschmähen etlicher Leckerfrischtriebe und feinster Kräuter letztendlich zu verdanken, daß ihm derley unglaubliche Körperbeherrschung gelang. Auch versicherte er, sein Name sei keineswegs Kokettiererey, sondern bewußt gewählt. Im Falle des Gelingens dieses einzigartigen Kunststückes wolle er sich prallsattrund futtern um dann kokonig ein Zeitchen zu überdauern, in der Hoffnung, sich futurig ganz neu zu entfaltern. Drücken wir ihm die Daumen für diesen bonfortionösen Lebensplan. Ah, da ist der Künstler, er scheint sich aufzuwärmen. Aber sehen Sie selbst. Ich darf um Ruhe bitten. Pssssst, Trommelgewirbel, er schwingt sich ein:

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Bitte, jetzt ist höchste Konzentration gefordert. Eine Premiere, da geht auch dem sichersten Akrobaten der Arsch auf Grundeis, oh, Pardon, ich bin gleich Raul so aufgeregt, da, sehen Sie, er setzt an:

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Mir stockt der Atem, genau wie Ihnen, wertes Publikum! Jetzt, da, schauen Sie, ich glaube es gelingt….

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Jaaaaah! Er hat es geschafft! Er hat seinem Namen alle Ehre gemacht! Bitte handklappern Sie tüchtig. Unser Rauperich Raul Rundlich, einer von uns, ein Held, ein Visionär! Hurraen Sie mit mir! Und bitte entschuldigen Sie die schlechte Bildqualität bei der Übertragung in der Schlußphase. Die Kamerafrau war genauso begeistert wie Sie. Beinarena und Dokumentarin gleichermaßen zu seyn ist nicht so ganz einfach. Raul und ich, wir danken für die Aufmerksamkeit und hoffen auf vielerley Handgeklapper.

Photographiengedankenverärmelung…

…oder: Pfirsichkonfitüreammitmaronenzweigengedecktentisch

Sie wußte nicht, warum sie noch immer diesen Ring am Finger trug. Hatte es vielleicht nie so ganz richtig gewußt. Klar, sie waren verliebt einst, als ihre Haut noch makelos und ihr Gang den Rock ihre sanftbraunen Beine umkecken ließ. Sie lächelte fein bei der Erinnerung, daß sein Blick sich verdunkeltiefte, wenn sie an ihm vorüberlief und wie sie daraufhin alle ihre Kleider und Röcke unter dem barmenden Protest ihrer Mutter kürzte, damit ihre rundlockenden Kniee unterm Saume hervorblitzen konnten. Bei dieser Erinnerung glich ihr Blick fast dem des Jungkerls von einst. Wer hatte eigentlich den Blödsinn erdacht, daß nur stille Wasser tief sein sollen? Sie waren nicht still, waren es nie gewesen, immer laut rebellierend. Sicher, er hatte sie manchmal ein wenig gebremst, wenn es ihr allzu arg flauste. Nein, still waren sie nie. Tief aber dennoch. In den innigsten Momenten waren sie mariannengrabentief. Es hätte sie wohl umgebracht, ewig in der Tiefe zu verweilen. An der Oberfläche war es sicherer, ungefährlicher. Sie suchten stillere Fahrwasser auf. Wurden eine Familie, solide. Ihr Blick verlor an Tiefe, als sie daran dachte, wie sie anfing, ihn zu verlieren. Sie sah in die Ferne, so wie an jenem Tag, nachdem sie erstmals eine Antwort in seinen hellgrünen Augen las. Erkennend, daß sie ihn verloren hatte. Ihre Tochter war flügge geworden und nun mußte sie auch ihn ziehen lassen. Tat es um der Liebe willen, die sie auch nach all‘ den Jahren immer noch empfand. Kam allein zurecht, erhielt Grüße voller Freiheitsjubel. Freute sich mit. Und doch war da immer diese Sehnsucht, dieser nagende Zweifel. Was war sie ihm gewesen? Einst und was war sie ihm jetzt? Ein Lachen aus der Küche perlte ihre Gedanken weg. Einmal im Jahr waren sie wieder eine Familie. An ihrem Nichtmehrunddennochhochzeitstag, wie sie es heimlich nannte. Die Wege hatten sich getrennt, die alten unsichtbaren Fäden schwangen dennoch weiter. Jetzt saßen die zwei, die sie mehr als alles andere in ihrem Leben liebte, in ihrer Küche und frozzelten über alte Photographien. Unwillkürlich lauschte sie…

„Hier, schau´ dir mal dieses alte Foto da an. Garnicht lange vor deiner Zeit. 1958 im Spätsommer aufgenommen. Warum grinst du? Klar, wir waren jünger und knackiger. Schau dich an und merks dir, auch du wirst nicht jünger werden. Deine Mutter sah so was von gut aus. Ich weiss sogar noch, welches Kleid sie damals anhatte. Eigentlich wars garnicht lustig. Unsere letzte Chance genaugenommen. Wir wohnten damals in Little Rock, Arkansas.
Haben den Kanal voll und dicht. Von der Stadt, den mies bezahlten Jobs und vor allem von uns. Irgendwie sind wir in einer Sackgasse gelandet. Und zwar am Ende. Wir sitzen mittags in dieser schäbigen Kneipe an der Capitol Avenue. Draussen steht der blaue 57er Rambler Rebel. Du kannst ihn auf dem Foto erkennen. Gerade erst gebraucht gekauft für 1800$. Ein Traum aber kein guter Anker für den glatten Untergrund, über den wir damals schlitterten. Eigentlich will ich meinen Hut nehmen. Adieu und das wars dann.
Der labberige Hamburger schmeckt beschissen und die Coca ist pisswarm. Obwohl wir schlecht drauf sind, lachen wir über den Frass gleichzeitig los. Sehen uns an und fassen spontan den Entschluss. Verrückt aber wahr. Fahren zur Wohnung, packen unser bisschen Kram in die Karre und geben dem Vermieter den Schlüssel. Draussen vor der Stadt entfalte ich die Strassenkarte auf der Haube des Rambler. Mit geschlossenen Augen und spitzem Finger sticht deine Mutter zu. Detroit. 850 endlose Meilen nordostwärts, ich fasse es nicht.
Seis drum, unsere letzte Chance, wie gesagt. Während der Fahrt schweigen wir uns an. Nur kein falsches Wort jetzt. Das hast du ja selbst schon erlebt. An einer Tanke kommt deine Mutter auf diese kauzige Idee. Sie hatte eine Freundin drüben in Lanesville und übernachten müssen wir sowieso demnächst. Wie? Lanesville, das liegt in Indiana, altes französisches Gebiet, hundert Käffer drumrum alle mit ville am Ende.
Ewige Telefoniererei. Ich bin genervt. Wie jedesmal. Was? Sei du nur ganz still. Aber sie kriegts tatsächlich hin. Die Freundin ist gerade oben in Chicago. Alles klar und kein Problem, der Schlüssel läge unter der Matte. Also nehmen wir die Interstate 64 Richtung Osten. Leicht flau im Magen. Ich habe die ganze Zeit eh Befürchtungen wegen der gewohnten Abenddiskussionen.
Naja, wir finden die Hütte endlich. Bisschen ausserhalb direkt am Ohiofluss. Ein kleines lauschiges Häuschen, leicht runtergekommen. Weniger als wir damals auf jeden Fall. Wir hatten in Lanesville noch was zum Essen und Trinken besorgt. Die Sonne wird bald untergehen. Im Radio dudelt eine Show mit Buddy Holly. Der ist ´58 gerade auf seinem Zenith und ein halbes Jahr später abgestürzt.
Dann spielen sie Well … all right, das es noch garnicht auf Platte gab. Jetzt dreht deine Mutter lauter und fängt sachte an zu tanzen. Will plötzlich unten im Ohio baden. Nackt. Damals, stell´ dir das mal vor. Ich habe Manschetten. Sheriff, Mecker und Gerede. Sie ist jedenfalls wie ausgewechselt. Ich lass´ sie also machen, traue dem Frieden ohnehin nicht. Erstmal mal eine heisse Dusche nach der langen Fahrt. Dann mache ich uns in der Küche ein schnelles Abendessen. Ich kriege nicht mit, dass weg ist. Ok, draussen auf der Veranda setze ich mich in diesen Korbsessel da und zische mir ein Bierchen.
Sie kommt zurück mit einem Blick, den ich bisher nicht kannte. Lacht mich an, geht an mir vorbei ins Bad. Wir haben dann was gegessen und redeten. Einfach so. Belangloses. Und irgendwie trocknete dabei der ganze endlose Ozean zwischen uns aus und nahm diese kalte Fremdheit gleich mit. Poetisch? Ja, lach´ du nur, so wars wirklich. Wir haben die ganze Nacht durchgeredet. Sachen, über die wir noch nie geredet hatten, dabei waren wir schon ganze vier Jahre zusammen. Soviel Nähe hatte ich noch nicht erlebt. Haben uns auch geliebt nach ewigen Zeiten wieder.
Am nächsten Morgen sind wir gleich nackt geblieben und haben die Wärme genossen. Nein, natürlich war das nicht üblich damals, keinesfalls, aber wir hatten gerade da dieses Buch von Keruoac gelesen. Könntest du dir auch mal ausm Regal ziehen. On the Road war vor kurzem erschienen und machte mächtigen Wirbel weil es so anders war. Und irgendwie wollten wir ja auch anders leben. Wolltens anders und vor allem besser machen. Ich hantierte jedenfalls in der Küche und sah dabei zufällig wie deine Mutter draussen im Korbsessel sass. Ein wenig zerknautscht von zu wenig Schlaf. Dreht gerade den Kopf aus der Sonne. Ich schnappe mir rasch meine neue Brownie und mache ein paar Fotos von ihr. Klar, sag´ ich doch, dass sie sehr schön ist, damals und heute noch immer. Ob du in dieser Nacht entstanden bist? Keine Ahnung, könnte schon möglich sein.“

…und plötzlich wußte sie, warum sie noch immer diesen einen Ring trug. Er mochte freiheitsliebend sein, der Jungkerl von einst, der jetzt ein Bild von einem Altkerl war, den Mariannengraben aber hatte er nie wirklich verlassen.

Pupillennovellenummantelung: Frau Knobloch

Pupillennovellenherzstück: Herr Ärmel

Andere Pupillenkussgedanken: Herr Faktoid

Alternativnovellentitel: Frau Arabella

Pupillennovellenanschubserin: Frau Pagophila

Claras Chronik 18.06.2014

Mein lieber Victor, wie nur kann ich Ihnen diesen Ort beschreiben? Er erscheint mir als Hölle und Paradies zugleich. Wir, die wir hier unten in den Katakomben hausen, sind wahrlich der Hölle näher, so heiß, verraucht und niederinstinktig erscheint es mir. Doch werden wir gut versorgt. Fast könnte man meinen, jemand sorge sich um uns. Bitterlich schmeckt jedoch das Wissen, die Sorge gilt nur der Arbeitskraft. Über unseren kargen, aber immerhinigen Schlafstätten wölbt sich ein Steinkoloß dem Himmel entgegen. Wenn mein Tun mich nach draußen führt und ich schaffe es ab und zu, den Blick zu heben, lieber Victor, es ist als verschmelze der Graustein mit dem gräulichem Himmel. Ach, der Himmel! Nie sah ich bisher mein so geliebtes Azul, kein Sonnenstrahl beküßte meine müdtrüben Augen, es ist immer grau und diesig, nicht regenschwergrau, es ist als ob stets irgendwo riesige Feuer schwelen und die Stadt in eine Wolke aus Asche und Staub einhüllen. Schwer ist die Luft und fast dankbar ist man, wieder in den Eingeweiden des Koloßes zu verschwinden. Ob es des nächtens anders ist, ob da wenigstens Sternengeflimmer zu sehen ist, ich weiß es nicht, wir arbeiten ja bis in das Morgengrauen hinein, welches diesen Namen hier wahrlich verdient. Nachts, wenn das Höllengetöse endlich verstummt, da beginnt unser Aufstieg ins Paradies. Mein lieber Victor, was ich hier Paradies nenne, es ist nicht zu vergleichen mit unserer Feinkieselküste, an deren Gestade wir uns einst treffen werden. Mit nichts, was wir bis dahin an natürlicher Schönheit in uns aufnahmen, pupillig beglückt durch die Reinheit und Vielfalt der Natur. Das hiesige Paradies ist ein künstliches. Und doch ist es verführerisch. Für uns nur peripher, die Verführung gilt den anderen, den Massen, die bereitwillig Unmengen Geld bezahlen, um ihren Gladiatoren zuzujubeln. Und nochmehr Geld mitbringen, um sich in das Paradies einzukaufen. Wir betreten es nur, um ihre Hinterlassenschaften zu beräumen. Doch lassen Sie mich vom Davor berichten. Unsere Tage haben sich umgedreht. Wir ruhen am Tage, denn schon am frühen Abend läßt das Getöse über unseren Köpfen keine Erholung zu. Riesige Tore nehmen tausende Menschen auf und stetig lauter wird das Gelärme, ein Toben, es braust als würde ein wütendes Meer die Küste neu einteilen. Ich kann es manchmal kaum glauben, daß dieser invernalische Lärm von Menschenkehle stammt. Sie johlen ihren Kämpfern zu, die bis auf’s Blut sich messen. Mein lieber Victor, ich habe mich einmal heimlich an die Arena geschlichen. Was ich sah, ließ mich eher verstummen. Vielleicht kann ich Ihnen eines Tages davon berichten. Neben Ihnen am Gestade sitzend, wo friedliche Wellen uns Gutgeschichten vorflüstern. Bis dahin weine ich nur dem Bernstein leise meine Traurigkeit ob des Gesehenen vor. Doch jetzt muß ich mich sputen, das Getöse über mir brülltschraubt sich zum finalen Aufschrei empor. Ich gelobe Treue und innige Herzensnähe, immer die Ihre, Clara.

Mama Löwenherz beklagt den Verfall der Kurkultur

Nein, Kind, liebes, das mache ich nicht mehr mit. Einsperren wollten die mich. Wegsperren, als hätte ich einen an der Waffel und müßte unmündig gemacht werden. Dabei habe ich mich so auf die Kur gefreut. Was?  Ja, sicher war die Anlage sehr schön und der Park gepflegt. Essen, naja, du weißt ja, was ich von Mengenbekochung und Warmhalteplatten halte. War mir allerdings nicht so wichtig, im Nachhinein habe ich ja sogar fast zwei Kilo…Was? Kurschatten? Kind, liebes, ich bitte dich! Waren fast nur Tatteriche da und die neueste Mode scheint ja die begleitende Kur zu sein. An jedem halbwegs annehmlichen Mannsbild hing die angetraute Raffzahnin dran und bewachte jeden Gesprächsaustausch mit Argusaugen. Ach, was waren das für Zeiten, als man noch Blicke werfen konnte, die ausreichten, die Tanzkarte abendfüllend zu beschriften. Mehr wollten wir doch alle voneinander nie. Ein paar nette Gespräche, Geschmeidigtanzerey und Wortplänkeleyen, die dem Ego schmeicheln. Nie wäre ich deinem Papa oder dem lieben Herbert untreu geworden. Was? Ja, ich weiß, daß du das weißt, mein Liebes. Nein, meine geliebten Spaziergänge wollten die tatsächlich auch unterbinden. Betreutes Stöckchenlaufen durch den Park mir auferzwingen. Lächerlich, nicht mit mir. Und das Schwimmbad sollte ich nur im Albernimkreisrumplanschgrüppchen benutzen dürfen! Kannst du dir das vorstellen, ich, ohne die morgendliche Ausdauerschwimmrunde? Wie bitte? Ja sicher, Kind, liebes, natürlich habe ich dem Bademeister ein Scheinchen zugesteckt. Morgens um Sechs war die Seitentüre für mich offen. Und sehr richtig auch die Entscheidung, mit dem eigenen Automobil anzureisen. Konnte ich so ins Kurstädtchen flüchten. Doch traurig auch da der Anblick. Statt Ballhäusern oder Kurcafes nur diese Pappbrötchenketten und Imlaufenkaffeetrinkausschenker. Wie? Ja, irgendwas mit Star. Fürchterlich. Ich habe dann in einer Seitengasse ein kleines Cafe gefunden, irgendwas mit Öko, aber der Kaffee hat geschmeckt. Allemal besser als die Plörre, die im Kurspeisesaal aus den Thermoskannen schwappte. Aber gut jetzt, genug davon. Ja sicher ist es hier zu Hause tausendmal schöner. In die Kur? Heutzutage? Nie wieder. Oh, Kind, liebes, nicht böse sein, aber Fußball geht weiter, wir sprechen morgen weiter, ja? Der Müller ist ja der Oberhammer, mal sehen, was der noch bringt. Ja, ich dich auch. Bis dann und lieb sein…