Mama Löwenherz beklagt den Verfall der Kurkultur

von kaetheknobloch

Nein, Kind, liebes, das mache ich nicht mehr mit. Einsperren wollten die mich. Wegsperren, als hätte ich einen an der Waffel und müßte unmündig gemacht werden. Dabei habe ich mich so auf die Kur gefreut. Was?  Ja, sicher war die Anlage sehr schön und der Park gepflegt. Essen, naja, du weißt ja, was ich von Mengenbekochung und Warmhalteplatten halte. War mir allerdings nicht so wichtig, im Nachhinein habe ich ja sogar fast zwei Kilo…Was? Kurschatten? Kind, liebes, ich bitte dich! Waren fast nur Tatteriche da und die neueste Mode scheint ja die begleitende Kur zu sein. An jedem halbwegs annehmlichen Mannsbild hing die angetraute Raffzahnin dran und bewachte jeden Gesprächsaustausch mit Argusaugen. Ach, was waren das für Zeiten, als man noch Blicke werfen konnte, die ausreichten, die Tanzkarte abendfüllend zu beschriften. Mehr wollten wir doch alle voneinander nie. Ein paar nette Gespräche, Geschmeidigtanzerey und Wortplänkeleyen, die dem Ego schmeicheln. Nie wäre ich deinem Papa oder dem lieben Herbert untreu geworden. Was? Ja, ich weiß, daß du das weißt, mein Liebes. Nein, meine geliebten Spaziergänge wollten die tatsächlich auch unterbinden. Betreutes Stöckchenlaufen durch den Park mir auferzwingen. Lächerlich, nicht mit mir. Und das Schwimmbad sollte ich nur im Albernimkreisrumplanschgrüppchen benutzen dürfen! Kannst du dir das vorstellen, ich, ohne die morgendliche Ausdauerschwimmrunde? Wie bitte? Ja sicher, Kind, liebes, natürlich habe ich dem Bademeister ein Scheinchen zugesteckt. Morgens um Sechs war die Seitentüre für mich offen. Und sehr richtig auch die Entscheidung, mit dem eigenen Automobil anzureisen. Konnte ich so ins Kurstädtchen flüchten. Doch traurig auch da der Anblick. Statt Ballhäusern oder Kurcafes nur diese Pappbrötchenketten und Imlaufenkaffeetrinkausschenker. Wie? Ja, irgendwas mit Star. Fürchterlich. Ich habe dann in einer Seitengasse ein kleines Cafe gefunden, irgendwas mit Öko, aber der Kaffee hat geschmeckt. Allemal besser als die Plörre, die im Kurspeisesaal aus den Thermoskannen schwappte. Aber gut jetzt, genug davon. Ja sicher ist es hier zu Hause tausendmal schöner. In die Kur? Heutzutage? Nie wieder. Oh, Kind, liebes, nicht böse sein, aber Fußball geht weiter, wir sprechen morgen weiter, ja? Der Müller ist ja der Oberhammer, mal sehen, was der noch bringt. Ja, ich dich auch. Bis dann und lieb sein…

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