Claras Chronik 18.06.2014

von kaetheknobloch

Mein lieber Victor, wie nur kann ich Ihnen diesen Ort beschreiben? Er erscheint mir als Hölle und Paradies zugleich. Wir, die wir hier unten in den Katakomben hausen, sind wahrlich der Hölle näher, so heiß, verraucht und niederinstinktig erscheint es mir. Doch werden wir gut versorgt. Fast könnte man meinen, jemand sorge sich um uns. Bitterlich schmeckt jedoch das Wissen, die Sorge gilt nur der Arbeitskraft. Über unseren kargen, aber immerhinigen Schlafstätten wölbt sich ein Steinkoloß dem Himmel entgegen. Wenn mein Tun mich nach draußen führt und ich schaffe es ab und zu, den Blick zu heben, lieber Victor, es ist als verschmelze der Graustein mit dem gräulichem Himmel. Ach, der Himmel! Nie sah ich bisher mein so geliebtes Azul, kein Sonnenstrahl beküßte meine müdtrüben Augen, es ist immer grau und diesig, nicht regenschwergrau, es ist als ob stets irgendwo riesige Feuer schwelen und die Stadt in eine Wolke aus Asche und Staub einhüllen. Schwer ist die Luft und fast dankbar ist man, wieder in den Eingeweiden des Koloßes zu verschwinden. Ob es des nächtens anders ist, ob da wenigstens Sternengeflimmer zu sehen ist, ich weiß es nicht, wir arbeiten ja bis in das Morgengrauen hinein, welches diesen Namen hier wahrlich verdient. Nachts, wenn das Höllengetöse endlich verstummt, da beginnt unser Aufstieg ins Paradies. Mein lieber Victor, was ich hier Paradies nenne, es ist nicht zu vergleichen mit unserer Feinkieselküste, an deren Gestade wir uns einst treffen werden. Mit nichts, was wir bis dahin an natürlicher Schönheit in uns aufnahmen, pupillig beglückt durch die Reinheit und Vielfalt der Natur. Das hiesige Paradies ist ein künstliches. Und doch ist es verführerisch. Für uns nur peripher, die Verführung gilt den anderen, den Massen, die bereitwillig Unmengen Geld bezahlen, um ihren Gladiatoren zuzujubeln. Und nochmehr Geld mitbringen, um sich in das Paradies einzukaufen. Wir betreten es nur, um ihre Hinterlassenschaften zu beräumen. Doch lassen Sie mich vom Davor berichten. Unsere Tage haben sich umgedreht. Wir ruhen am Tage, denn schon am frühen Abend läßt das Getöse über unseren Köpfen keine Erholung zu. Riesige Tore nehmen tausende Menschen auf und stetig lauter wird das Gelärme, ein Toben, es braust als würde ein wütendes Meer die Küste neu einteilen. Ich kann es manchmal kaum glauben, daß dieser invernalische Lärm von Menschenkehle stammt. Sie johlen ihren Kämpfern zu, die bis auf’s Blut sich messen. Mein lieber Victor, ich habe mich einmal heimlich an die Arena geschlichen. Was ich sah, ließ mich eher verstummen. Vielleicht kann ich Ihnen eines Tages davon berichten. Neben Ihnen am Gestade sitzend, wo friedliche Wellen uns Gutgeschichten vorflüstern. Bis dahin weine ich nur dem Bernstein leise meine Traurigkeit ob des Gesehenen vor. Doch jetzt muß ich mich sputen, das Getöse über mir brülltschraubt sich zum finalen Aufschrei empor. Ich gelobe Treue und innige Herzensnähe, immer die Ihre, Clara.

Advertisements