Schlachtfesterinnerungsfetzen I

von kaetheknobloch

Es war unmöglich für uns Kinder, unsere Aufregung zu verbergen. Wir wuselten ständig zwischen den vielen Helfern aus dem ganzen Dorf herum, Vorsichtheißwasserrufe und Obachtscharfmesserhinweise ignorierend. Deshalb und wohl auch, um die Übertragung unserer Hibbeligkeit auf die Tiere zu verhindern, wurden wir zu der Kräutermuhme am anderen Ende des Dorfes geschickt, um bündelweise Thymian, Majoran und Liebstöckel zu holen. Die Drahtesel flinkpedalend, rasten wir über die letztschöntagig beschienenen Dorfwege. Schon spät im Herbste war es, die Sonne kämpfte sich nur schwer durch die steigenden Frühnebelfelder. Sicheres Zeichen für baldigen Kälteeinbruch und somit höchste Zeit, sich zu bevorraten. Die Feldernten waren eingefahren, Kartoffeln eingemietet und Korn trockengelagert. Früchte eingeweckt oder dachbodig der Schnellverspeisung harrend. Was noch fehlte waren die Lebensmittel, die seit Generationen das Überleben der strengen Winter sicherten: Fleisch und Wurst. Selbst in schlimmsten Kriegszeiten wurde heimlich immer geschlachtet, die Dorfgemeinschaft hielt zusammen, so erzählte es Ominkel. Ominkel war auch diejenige, die dafür sorgte, daß wir das Töten der Schweine, Gänse und Kaninchen nicht direkt mitbekamen, nicht solange wir Junggören und ohne eigene Meinung waren. Egal, wie schnell wir radelten, um vielleicht doch einen Blick auf diesen vermeintlich spannenden Moment zu erhaschen, Ominkel erwartet uns an der Brücke zum Gehöft an der Biegung des Flußes und hieß uns, die Kräuter mit ihr zu waschen. Wie unnötig dies war, bekamen wir in unserer Aufregung nie mit. Das Flußwasser wurde im Haus später nochmal mit Leitungswasser abgespült. Ominkel war eine feinkluge Frau. In ihrer Kittelschürze trug sie während der Schlachtfeste stets eine Papiertüte mit Malzbonbons mit sich. Die stopfte sie, ohne Widerporte, wie sie es nannte; kleinen und auch großen Schlachthelfern in den Mund. Das unschöne Tun mit all‘ seinen widerwärtigen Gerüchen muß versüßt werden. So ihr Motto. Die grobkantigen Brocken waren manchmal viel zu groß für unsere Junggänschenschnäbel und wurden kurzerhand über Steinen zerbröselt. Die Männer in ihren blutbesudelten und verschwitzen Melkerhemden waren offensichtlich dem Schnaps zugetaner. Über ausgeweidete Tierleibe gebückte Rücken streckten sich und Äxte und Messer wurden kurz beiseite gelegt, wenn der Schlachter nach einer Runde Weißen gegen das Rote rief. Der Schlachter! Für uns Kinder ein Faszinosum…

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