Schlachtfesterinnerungsfetzen II

von kaetheknobloch

Das faszinierendste am Schlachter war nicht seine imposante Gestalt, der gewaltige Bauch oder die riesigen Hände. Auch das Geheimnis seines ersten Tuns, das wir ja dank Ominkel immer verpassten, trieb uns Botten nicht so um, wie die Geschichte, die von keinerweißwoher ihn glorienscheinartig umflorte. Einst habe er sich an einer Rindshüfte abrutschend, das frischgedengelte Schlachtemesser in den eigenen strammen Leib gejagt, statt das Tier aufzubrechen. Um sich sodann mit sicherer Hand, die Wurstabbindefäden zweckenfremdend, die Wunde selbst zu vernähen. Einzige Betäubung sei eine Flasche Kornbranntwein gewesen, die er abwechselnd in den Mund und auf die Wunde schüttete. Wir Kinder glaubten diese Geschichte natürlich, weil ja auch immer, wenn er zu sehr sich anstrengte, ein bauchiger Beweis zu erkennen war. Denn dann gab seine ohnehin knapp den Leib umspannende Kluft durch die schier sprengende Knopfleiste den Blick auf eine Narbenlandschaft sondergleichen feil. Ebenso entsetzt wie begeistert wichen wir vor ihm zurück, wenn das geschah. Was ihn zu dröhnendem Gelächter und dem Ruf nach einer neuen Runde des sogenannten Weißen veranlaßte. Ominkel eilte stets als erstes zu ihm und mit dem Befüllen des Humpens ging auch immer ein Schnabelaufbefehl einher, als spräche sie mit uns und nicht mit diesem Hünen. Unter dem Gejohle der anderen Männer und dem Gekicher der Dorfweiber bugsierte sie ihm riesige Brocken des Malzschatzes in den Mund. Krachend zermahlmten seine Kiefer die Hartstücken und ein beherzter Schluck des Kornbrand’s, welcher anderen die Tränen in die Augen trieb, spülte den Rest herunter. Seine blutigen Schlachterarme umfaßten dann immer Ominkels Hüften und er schwenkte sie wie ein Leichthühnchen über die rostrotdampfenden Wannen, aus denen dieser typische Eisengeruch waberte. Ominkels halbherziger Protest ging im Gekreische der anderen unter. Selbst die verbittertsten Tratschweiber gönnten ihr wohl diese kleine Schäkerey, seitdem ihr Gottlieb seinen Namen zu zeitig alle Ehre gemacht hatte und sie ihn nur noch auf dem Gottesacker besuchen konnte. Wir Kinder verstanden es damals nicht, doch auch wir nannten den Schlachter oftmals ganz unbedarft bei seinem anderen Namen: Witwentröster…

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