Claras Chronik 03.08.2014

von kaetheknobloch

Mein lieber Victor, bitte denken Sie nicht arg von mir, weil ich Sie so lange Zeit unbegutwortet ließ. Vorab sollen Sie das Wichtigste wissen: Ich bin wieder wohlauf und noch immer ganz die Ihre. Nunfolgend will ich versuchen, mein langes Schweigen zu erklären. Ich mußte genesen, mein lieber Freund. Ich, mein Körper, mein Geist, meine Seele. Der Ort, an dem ich das tat, ihn zu beschreiben fällt mir unendlich schwer. Ich habe es so oft versucht, doch müßte ich Ihnen die vielen herausgerissenen Seiten meiner Kladde zeigen, damit Sie verstehen, wie oft. Nun ist dieses nicht möglich und ich kann alleine meine Worte einsetzen. Lieber Victor, wie oft schon habe ich meine Erlebnisse mit Ihnen geteilt! So schrecklich manche waren, nie rang ich so um Worte wie in diesem Notat. Jedes einzelne Wort, jede Silbe, jeder Buchstabe gar, erscheint mir als ein fürchterlicher Verrat. Doch ich muß es Ihnen schreiben, Ihnen erklären, wie mir geschah. Mein lieber treuer Freund, ich habe das Paradies gefunden. Doch Sie sind nicht an meiner Seite. Der Bernstein ist dunkel geworden und mit ihm mein Blick…

„Sehr geehrter Herr Victor,

mein Name ist Elsa und ich habe beim Spazierengehen unten am Fluß eingeklemmt in einer alten Spechthöhle im Stamme einer Uraltweide, die das letzte Hochwasser neigte, ein lederndes Bündel gefunden. Bitte vergeben Sie mir meine Neugier, doch ich brach das Siegel und fing zu lesen an. Nun habe ich erkannt, daß diese Worte nicht an mich oder irgendjemand anderen gerichtet sind. Ich habe nur dieses erste Blatt gelesen und lege es obenauf.  In die Innenhülle des Umschlags ist eine Adresse eingestanzt. An diese sende ich nun meinen Fund in der Hoffnung, damit rechtens zu tun. Gelitten haben die Notate, wohl durch das Wasser, das sie überschwemmte. Ich weiß nicht, ob die Worte Ihnen zum Trost oder doch Kummer gereichen, doch sind sie in meinen den falschen Händen. Alles Gute wünsche ich Ihnen, unbekannterweise, Ihre Elsa.“

…oh, wie wohl tuth mir dieser Ort. Er läßt mich vieles vergessen. So vieles, was unbedingt dem Vergessen anheim fallen muß, was Labsal und Genesung braucht. So könnte der Ende meines Weges sich darbieten, mein lieber Victor, doch es ist nicht an dem. Der Strand hier ist weißfeinsandig und sanft die See. So anders als das Gestade, an dem ich auf Sie warten werde. Der Bernstein scheint mit dem Pausieren und Kräfte hegen einverstanden zu seyn, sein Pulsen wird sanftruhiger und keine Male brennt er mehr auf meine Brust, so glühendheiß und lodernd, wie er es noch unlängst tath…

…die Hunde warten jeden Morgen auf mich, mein lieber Victor. Wenn ich in meinem Eukalyptusblattbett erwache, ganz erfüllt von Sternengeflimmer und dem aufmirruhenden Blick des Spiegelmondbruders und dann gen Morgenröte schreite, sitzen sie wie drei Wächter im Nochkühlstreichelsand und schauen vertrauensvoll mir entgegen. Ein seltsames Vertrauen, das ich vom ersten Tage an mit ihnen teilte. Groß und zottelig sind sie, doch keine Gefahr tragen sie in ihren Augen. Sie begleiten mich stets ins Wasser und wenn ich die Tiefe erreiche, wo ich endlich schwimmen kann, umkreisen sie mich wie eine zwölfbeinige Patrouille, immer genügend Abstand haltend. Auch später, wieder am Ufer, wenn sie sich ausgeschüttelt und ich mich trocknen lasse vom Warmsachtwind, kommen sie mir nicht nahe und lassen mich ungehindert wieder zu meiner Unterkunft zurückkehren…

… kein Mensch kann mich hier verletzen, mein lieber Freund. Die Bäume, sie flüstern mir uralte Weisheiten zu, ich schweige und lausche. Gestern habe ich versuchsweise ein altes Lied angestimmt, doch meine Stimme hat mich selbst erschrocken. Ließ mich sofort wieder in die Stummheit flüchten…

…ein guter Platz. Er ruht, eingehüllt in duftende Raschelblätter und sandwärts vergraben am Fuße des größten Eukalypthusbaumes. Oft sitze ich stammwärts angelehnt bei ihm und denke daran, wie schön es hier ist. Meine Brust ist befriedet, die Hände, einst unstet immer wieder den Stein bewegend, haben nun Frieden gefunden. Ich möchte hier bleiben, auch wenn dies nicht der Wildwasserkieselstrand aus meinen Träumen ist…

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