Claras Chronik 04.08.2014

von kaetheknobloch

Mein lieber Victor, was für eine Urgewalt, von der ich heute berichten muß. Wie eine allesverschlingende Macht fiel dieser Sturm über uns her. Wir, die wir uns so nur jeder um sich selbst kümmerten, waren plötzlich vereint in Angst und Furcht. Die kleinen Hütten unten am Strand, wir konnten nichts tun, mußten sie den Salzwasserschlündern, die sich meerseitig über das Sandufer erbrachen, einfach überlassen. Obwohl hellerlichter Tag, war es wie aus einem sanften Traume zu erwachen. Abrupt überkam uns das Getöse, dieses Lärmen des Unwetters. Ein sprühkaskadiger, heulendkreischender Albtraum, der uns einfach rennen ließ.  Nichts konnten wir mit uns nehmen, außer unseren Fetzen am Leib. Die Dinge, denen ich verlustig, es waren ja nicht viele; sie dauerten mich nicht. Einzig die Kladde, um die mußte ich bitterlich weinen. Und nichts konnte mich halten, nicht die Warnung vor gefährlich sich neigenden Bruchbäumen, vor Wildtieren, die sich an Kadaverbeseitigung machten oder verseuchtem Wassertümpeln, nein, ich mußte versuchen, sie zu finden. So vieles hatte ich Ihnen geschrieben und warumauchimmer nicht abgesandt. Es war mir, als hätte der Sturm auch in mir getobt und während ich lief, da hinab von den sicheren Landesinnenhügeln, wuchs in mir mit jedem Schritt noch ein viel größerer Kummer. Mein lieber treuer Freund, mein lieber Wegesendgefährte, mein Victor, ich hoffe Sie können mir je vergeben, doch ich hatte den Bernstein aus meinen Händen gelegt. Und nicht nur das, ich habe ihn dem Frieden vortäuschenden Weißsand anvertraut. Was für eine törichte Handlung! Ich hatte Ihnen doch Treue geschworen für immerdar. Eine Erkenntnis, die schlimmer in meinem Innerstes schmerzte, als die Wunden der  zerborstenen Muscheln in meinen Fußsohlen. Immer flinkfüßiger, als ob ich nun vor dem inneren Verzweiflungssturm fliehen wollte, querte ich die einst so stolzen und jetzt mikadosierten Eukalypthuswälder, rannte in die Dünen und sah einen kahlen Strand. Leergefressen von hungrigen Sturmesgebeiß, abgenagt die Palmen, hinfort die Blattwerkhütten. Hinweg auch der eine Eukalypthusbaum, der mir der liebste geworden und dem ich den Bernstein zu Füßen gelegt. Mein lieber Victor, die Verzweiflung und Einsamkeit, die in diesem Moment über mich kam, wie könnte ich sie je in Worte fassen. Die Schuld, sie zwang mich in die Knie und in diesem Moment glaubte ich, sie seyen für immer gebeugt, als wären sie nicht fähig, eine solche Schuld zu tragen. Mein Schluchzen, es muß dem eines sterbenden Tieres geglichen haben, denn auf einmal waren sie bei mir. Die Hunde, die wildzotteligen, die meine tagtäglichen Begleiter geworden waren.  Auch über die schrieb ich Ihnen, sandte dieses Notat doch nie ab. Die Stillsanftschönheit dieses Lebens hier, es hat mich zum Verrat verführt. Verrat an Ihnen, mein lieber Victor. Es war mir, als müßte ich für immer im Sande verharrend auf den nächsten Sturm warten. Doch die Hunde, sie ließen mich nicht. Statt mich schwimmend zu patrouillieren wie jeden Morgen zuvor, zwangen sie mich jetzt fußwärts zurück ins Landesinnere. Von dort, so schmerzendfröhlich kam mir ein junges Mädchen entgegengeeilt, aufgeregt schwatzend. Ihre Worte verstand ich nicht, doch was sie mir in meine gramstarren Hände legte, es pulste warmsanft leuchtend und klarte meinen Blick. Der Bernstein hatte seinen Weg zurück zu mir gefunden. Lieber Victor, in diesem mir alles zerwühlenden Glücksgefühl erneuere ich nun mein Versprechen: Auch ich mache mich wieder auf den Weg. Ich werde Sie am Gestade erwarten, an dem richtigen, dem flüsterwelligkieseligzerklüfteten. Und so kann ich erneut als die eine verbleiben, als immer die Ihre, Clara.

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