Wie ich zu meinem richtigen Namen kam II

von kaetheknobloch

Gleich am ersten Tag verpasste mir einer einen neuen Namen. Weil ich nunmal eine Paula sei. Paula. Vier Wochen lang ließ ich mich Paula rufen, verführflüstern, herschreien und bekichern. Ich mußte nicht ich sein, in diesem seltsamen Fremdlagerleben, das uns Jungvolk formen sollte. Wir nannten es verformen.  Uniformiert in blauem Billigkunstseidentuchgedönse, einzige Möglichkeit der Rebellion war, diese Bluse überm Bauch zu verknoten und das Käppi verwegenfrechschräg aufzusetzen. Apelle, Stubenkontrollen, Manöver im Gelände, Inreihundgliedmarschiererey, Erstehilfekurse, Sportwettkämpfe und wieder und wieder diese Einschwörerey auf den Sieg des Sozialismus. Ja, genau der, den in seinem Lauf nichts aufhält. Das wir damals schon lieber West- als die Ostmucke hörten, mit einigen wenigen Ausnahmen, die allerdings meist verboten waren, oder uns Sicherheitsnadeln durch die Ohrläppchen zogen, weil die mit Westfernsehen das „Drüben“ gesehen hatten bei sogenannten Punks; das alles ignorierten unsere Aufpasser. Sahen nicht unsere mit Säure und Steinen absichtlich gebleichtzerschlissenen Dunkelblauhosen und die mit Rasiercreme gefügig gemachten Wildstehhaarfrisuren. Wollten oder konnten unser Anderssein nicht akzeptieren. In diesem Lager waren alle die versammelt, die noch zur Zulassung zum Abitur angeblich den letzten Feinschliff nötig hatten. Unsere Noten waren trefflich, allein mit bereitwilliger Fügung und dem nötigen Glauben an die Großherrlichkeit des Sozialismus und vor allem an die Altherrenriege, die uns lenkte, damit sah es mangelhaft aus. In diesem Sommer sollten wir geschliffen werden, bereitduldsam gemacht werden für das dreijährige Internatsleben, was zum zeitgleichen Abitur und Facharbeiterabschluß notwendig war. Paulasein war mein ureigenster Test, ob ich dieses Fügsamwerden schaffen könnte. Ich konnte es. Dank dem, was da nämlich sonst noch war: Die Solidarität unter uns Rohdiamanten, die schnell geschlossenen Freundschaften von Gleichfühlgeistern, die Lagerfeuerromantik, die Lieder und Gedichte, die heimlichen Treffen bis hin zum gemeinsamen Abhauen in die Diskotheken der Umgebung. Das geteilte Gutessen, wenn Zuhausepäckchen eintrafen, die getauschten Kassetten mit Heimlichliedgut, meine Güte, wir hörten für uns ganz neue Töne aus Amerika und tasteten uns in erste musikalische Randwelten und Düsternis rein; und der Zusammenhalt, wenn einer von uns drohte aufzufliegen. Wer hat die Wand beschmiert? Wir! Wer hat das Tor offengelassen? Wir! Wer hat die Zigaretten besorgt? Wir! Die gemeinsam abgegoltenen Strafarbeiten und das anerkennende leise Zwischendenzähnengepfeife der Gruppe, wenn einer nach vorne zitiert wurde und Strafe so zum Lob mutierte. Das alles, erlebt durch  meine innere Paula, bestolzt durch selbstgestochenes Ohrloch und zum ersten Male auch gerne als Mädchen wahrgenommen, machte mich bereit für die Zeit in Dresden, die Zeit, in der ich Gaahdii hieß…

Wie ich zu meinem richtigen Namen kam I

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