Die zertanzten Schuhe

von kaetheknobloch

Was anderen als kaputt sich darbietet, es ist in meinen Pupillen das schönste Schuhwerk, was ich besitze. Länger als jede andere Fußbekleidung trug es mich durch meine Zeiten. Des Sommers fast einziger Sohlenschutz über viele Jahre hinweg, des Winters treuer Hausschuhersatz. Diese Schläppchen haben mehr mit mir durchgemacht, als mancher menschliche Kamerad. Sie tanzten schon im Schwäbischen mit mir durch die Nacht, landeten manchmal sogar im Mitternachtsabkühlbadebrunnen und wurden von charmanter Herrenbegleitung heldenhaft wieder herausgefischt. Nur Schläppchen, doch die zuverlässigsten Schönmomentverschaffer sind sie mir gewesen. Trugen mich hin gen Warmsandstrand und harrten geduldig, wenn ich sie unbedingst barfußtanzend fast im Dünenzugang vergaß. Beglitten mich zum Waldundwiesengetanze und auch Rauhfelsiggestein bezwang ich schon mit ihnen. Durchquietschschlappten mit mir Warmdreckpfützen und erklommen kirchturmhohe Treppen. Und sie waren dabei in jenem Moment, als mir das Tanzen aprupt verging und die Nacht sich tief schwärzte und mit ihr meine Sinne. Sachtklappten mit mir über ewig erscheinende Krankenhausflure und erkundeten Fremdkieswege. Brachten mich alsbald wieder zum Tanzen, weil doch immer irgendwo ein Lied erklingt, das betanzenswert ist. Und trage ich sie  jetzt so zerlederfetztvernarbt, ist’s als ob ein Lied aus ihnen selbst erklinge, sachtfeinkitzelnd von der Sohle aufgenommen und fußwärts in die Waden gewispersungen. Unsere Wege können sich gar nicht mehr trennen, sie sind gelebte Erinnerung, meine Zertanztzerschlapptenkaputtkameraden.

Ich danke dem schlappentreuen Herrn Hund für die Anregung zur Schlappenbetrachtung und dem stets empfehlenswerten Herrn Haase für die den Eintrag begleitende Musikkeempfehlung. Es klickerdiklackte sich heute besonders souligbeschwingt.

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