Christophloschaosgeschichte

von kaetheknobloch

Christoph ist verschwunden.

Also der, der aussieht, als könne er Christoph heißen. Als er mir das letzte Mal zuwinkte, wie hätte ich ahnen können, daß es das letzte Mal sei; war da irgendwas anders? Ein innigeres Krümmen des schmalen Handgelenks? Ein zögerliches Senken des Armes, der Blick vielleicht düsterer als sonst? Die Schwarzkieselaugen umflort wie von Wasserfallgischt? Hatte er nicht noch gebückter dagestanden, atlasgesenkt das Haupt? Waren seine Kleider nicht noch dreckiger und zerlumpter gewesen? War da nicht ein Zucken um seinen Schönschwungmund, als hiebe er an, mir was nachzurufen, während ich an ihm vorbei raste? Hätte ich nicht dieses eine Mal innehalten müssen? Mir die Zeit nehmen, auf ihn zuzugehen, ein paar Worte tauschen? Und wenn’s nur Gefloskel gewesen wäre. Jetzt ist er fort, der, der aussah, als könne er Christoph heißen. In der Stadt hieß er nur Krätze. Krätze hammse wieder hopsgenommen, er hat mal wieder Pullekens mitgehen lassen, so hieß es oft. Und doch stand er tags drauf wieder neben dem Supermarkt mit seinen ranzigen Tüten und stierte vor sich hin. Unter all seinem Wahn und Dreck konnte man seine einstige Schönheit erahnen. Gebettelt hat er nie, nur ab und an den Blick gehoben und ihn tiefschwarzwassernd in ihn anstarrende Pupillen versenkt. Einmal, vor langer Zeit, waren das meine gewesen. Er hat in mein Innerstes geschaut, der , den ich von da an Christoph nannte und nicht Krätze. Ab diesem Pupillenkußaustausch schien er mich zu fühlen. Er schenkte mir schon sein typisches Schwermutwinken, wenn ich gerade erst um die Ecke bog. Folgte mir mit seinem Schwarzkieselblick, als müßte sein Augenmerk jedwedes Kümmernis bannen, hüllte mich in seine Stummtiefseidentuchigkeit ein und gab mir so sein Geleit, Tag um Tag. Und nun ist Christoph verschwunden. Ich stürze in ein Christophloschaos. Christoph, komm zu mir zurück. Oder sende mir wenigstens ein Zeichen, irgendeines. Und wenn’s eine Geschichte ist.

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