bittemito

Käthe Knobloch. Bitte mit O. Erst ein Ä und dann zwei O.

Monat: Februar, 2015

Liedschlecht-Ohrschmerztexte Kübelkapitel 1

Neulich sprang mich ein Lied an, biß sich in meinen Lauschlappen fest und verursachte heftigstes Weh. Ich konnte nur durch inneren Widerspruch eines Festsetzens mich erwehren. Es gibt Lieder, die agieren zeckig, man muß sie von Hand entfernen, bevor sie sich zu sehr festsaugen. Denen sei diese Rubrik fürderhin gewidmet, eine Liedschlechtdeponie sozusagen. Angeliefertes Kübelgut wird gerne kostenlos entgegengenommen, heute schütte ich den ersten Kübel aus:

Hallo, hallo
Bist du auch so gelangweilt,
Genervt und gestresst von der Enge der Stadt
Bist du nicht auch längst schon müde
der Straßen, der Menschen, der Massen
Hast du das nicht satt?

Hallo, hallo zurück erstmal. Gelangweilt, genervt, gestresst und müde zugleich? Ja, das klingt tatsächlich nach Übersättigung der schlümmpsten Wortart.

Ich kann nicht mehr atmen
Seh kaum noch den Himmel
Die Hochhäuser haben meine Seele verbaut
Bin immer erreichbar und erreiche doch gar nichts
Ich halte es hier nicht mehr aus

Gut, das alles klingt nachvollziehbar, wäre auch kein erstrebenswertes Leben für mich.

Lass uns hier raus
Hinter Hamburg, Berlin oder Köln
Hört der Regen auf Straßen zu füllen
Hör’n wir endlich mal wieder
Das Meer und die Wellen
Lass und gehen, lass uns gehen, lass uns gehen

Bitte? Meer- und Wellengesäusel hinter Berlin oder Köln? Und kein Regengeprassel mehr auf den Straßen? Äh, was meinste denn damit? Regnet’s da nicht mehr oder biste der Annahme, da gäbe es keine Straßen mehr? Und überhaupt: Lass uns hier raus, lass uns gehen; wer soll dich denn lassen? Haste keinen eigenen Willen? Ich fange an, mir Sorgen zu machen…

Hinter Hamburg, Berlin oder Köln
Hör’n die Menschen auf Fragen zu stellen
Hör’n wir endlich mal wieder
Das Meer und die Wellen
Lass uns gehen, lass uns gehen, lass uns gehen

Häh? Oh, Pardöngsche, du meinst ja, hier werden ja keine Fragen mehr gestellt. Nun, das macht die Sache jetzt ein wenig kompliziert. Ich versuche es trotzdem: Ich entnehme der erneuten Feststellung, daß man hinter Berlin und Köln das Meer hören zu wünscht, einen gewissen geographischen Mißstand und ersuche um Aufklärung, wieviel Hinterlandmeter hinter Berlin oder Köln denn so gänzlich ohne Straße und/oder Regen denn wohl durchschritten werden wollen. Für den Fall, man würde gelassen. Gelassen werden im Sinne von Entspannung wäre die Alternative.

Die Stadt frisst die Ruhe
Mit flackernden Lichtern
Schluckt Tage und Nächte in sich hinein
Gehetzte Gesichter in der drängelnden Masse
Jeder muss überall schnell sein

Das klingt nun wirklich grauenvoll. Es und der Text kann gar nicht schnell genug weitergehen. Da kann ich der Notwendigkeit des Schnellseins nur zustimmen, wenn auch ohne gehetztes Gesicht.

Zwischen den Zeilen hab ich gelesen
Dass wir beide weg von hier wollen
Wir stecken hier fest
Verschüttet im Regen
Und träumen vom Sommer in Schweden

Bei aller Wiesenwesenwillen, warum ist denn der Regen immer das Problem? Oh, keine Fragen im Hinterland, ich vergaß… Ohne Regen, da haben die Menschen erst richtig Sorgen! Die Zwischenzeilenleserei an sich fetzt ja bekanntermaßen ungemein, aber in Aufbauanleitungen für Pseudoschwedischemöbel steht meist nur gequirlter Scheiß. Da reimt sich dann schonmal genuschelt Schweden auf Regen. Auf Regen…  Aufregen tue ich mich auch über das Verschütten im Regen, ich würde ja nachfragen, aber ich muß ja aufhören, Fragen zu stellen, hier im unverschüttetem meeresrauschendem Hinterland. Ohne Straßen zudem.

Lass uns hier raus
Hinter Hamburg, Berlin oder Köln
Hört der Regen auf Straßen zu füllen
Hör’n wir endlich mal wieder
Das Meer und die Wellen
Lass uns gehen, lass uns gehen, lass uns gehen

Wennde wüßtest, wie sehr ich mich inzwischen gehen lassen könnte! Mannmannmann…

Hinter Hamburg, Berlin oder Köln
Hör’n die Menschen auf Fragen zu stellen
Hör’n wir endlich mal wieder
Das Meer und die Wellen
Lass uns gehen, lass uns gehen, lass uns gehen

Ooooooh…

Bitte, bittebittebitte, ohoooooohe doch einfach weiter! Ich frage auch nix mehr und ohoooooohe inbrünstig mit! Ich hätte auch ein Feuerzeug dabei, wegen des Hymnenfaktors. Man könnte sogar ohooooooend Wellengeräusche imitierend, doch das geht. Brandungsimitat kwasi…

Lass uns hier raus
Hinter Hamburg, Berlin oder Köln
Hört der Regen auf Straßen zu füllen
Können wir endlich mal wieder
Entscheidungen fällen

Ooooooh, jetzt hätte ich mich schier vertexthaspelt! Wow, Entscheidungen fällen, da bin ich sofort dabei! Einen bessere Schlußsatzsteilvorlage könnte es nicht geben:

Hier bin ich raus! Hinter Hamburg, Berlin oder Köln, hör‘ ich auf, meine Ohren zu quäl’n. Kann endlich mal wieder mein Urteil fäll’n: Ich bin wirklich raus aus der Nummer. Meine Ohren schmerzen. Wer nochmal möchte, bitte, aber ohne mich:

Lass uns hier raus
Hinter Hamburg, Berlin oder Köln
Hör’n der Regen auf Straßen zu füllen
Hör’n wir endlich mal wieder
Das Meer und die Wellen
Lass uns gehen, lass uns gehen, lass uns gehen

Hinter Hamburg, Berlin oder Köln
Hör’n die Menschen auf Fragen zu stellen
Hörn‘ wir endlich mal wieder
Das Meer und die Wellen
Lass uns gehen, lass uns gehen, lass uns gehen

Superstillörtchensonderspanky

Spanky, mein frechfrivolverwegener Kamerad! Wo warst du denn seit Valentinstag versteckt? Und was, um aller Waschbärenwunderwesenwillen machst du auf dem Hinweisschild einer nicht ihrer eigentlichen Dienlichkeit mehr nutzenden Bedürfnisanstalt?

Spanky hat 'nen Kumpel

Wie, du hast da einen Kumpel getroffen? Der da, dein Kumpel? Ihr habt die ganze Zeit gemeinsam abgehangen? Spanky, mein Herzensanprangerer, dir sei ja eine Pause gegönnt, von mir aus halte Winterschlafrundbauchruhe, aber meinst du wirklich, das ist der richtige Ort dafür? Ach, ungestört wolltet ihr sein, suchtet euch kwasi ein Superstillesörtchen mitten in dem Provinzstädtchen… Was? Ja, Provinzkurstadt mit geschlossenen öffentlichen Toiletten, anprangernswert in der Tat. Aber dafür können doch die Einzelhändler jetzt so bunte Aufkleber erwerben: Nette Toilette, oder so ähnlich steht da drauf. Prima Idee an sich, doch leider auch ein wenig unzumutbar. Nein, Spanky, die Details erspare ich dir und mir hier notiert gleichermaßen, nur soviel: Man müßte heutzutage eine Scheißdiplomvorlage einfordern. Ein Schüsseltreffattest, weil ohne dem scheinbar die netteste Toilette äußerst unnettnichtadrett werden kann. Ich frage mich echt, wie es bei manchen Leuten zuhause ausschaut. Obwohl, besser nicht…

Mein lieber Anprangerkamerad, schau mal hier, du hast wachäugige Mitstreiter, ist das nicht famos?

Kackscheisse

Was? Ja, natürlich bist und bleibst du der mir liebste Anprangerer, mein kleiner pelziger Freund und Weggefährte. Aber es gibt ja genug Werbeunfug, der zu spanken bleibt, so wie hier das Schaufenster einer Drecksklamottenkette. Na, willste immernoch am stillen Örtchen abhängen? Nee, na dann los! Auf zu weiteren Verspankysierungen…

Bloggedankengekollerstop

Ach, und schrübe ich tausend erfundene Geschichten, sie handelten schlußendlich ja doch alle von mir. Mein Blick, meine Sicht der Dinge und meine Empfindungen kann ich nur teilen. Wer vermag aus anderer, als seiner Perspektive zu schreiben? Und genauso ist’s mit dem Lesen. Denke ich nicht, ein jeder läse wie ich? Mochte am liebsten, was auch mir am herzinnigsten ist? Sitze dann da und wundere mich. Du, einer meiner liebsten Blogger, warum schweigst du hier und hey, meine Liebe, ich habe doch an dich gedacht beim Schreiben! Warum bleibst du ausgerechnet hier stille? Und überhaupt, warum interessiert niemanden der Zusammenhang der Geschichten? Wofür schreibe ich denn in Rubriken? Verwundert schlendern meine Pupillen dann weiter, verdammt, wieso kommentiert die da und nicht bei mir. Ein Alibistern, na prima. Wo die doch genau weiß, daß mir die Besternung schnuppe ist! Nee, nicht mit mir, da schmolle ich jetzt… STOP! So ist es eben nicht. Bloggen soll den Horizont erweitern und Menschenkinder näher zueinander bringen. Und wächst daraus ein wenig mehr als dies und finden die Worte auch anders zueinander, ist das, was über bleibt, doch immer noch das schönste Geschenk: Ein Mensch, der mir das Wertvollste von sich abgibt: Seine Lebenszeit.

Schuld sind die andern…

Herr Bludgeon hat bei Herrn Ärmel darauf aufmerksam gemacht und mir ist es wichtig, diesen Link zu teilen. Einer meiner Kindheitshelden braucht Hilfe. Wer helfen möchte, bitte hier:

http://www.deutsche-mugge.de/zeitzeuge/4930-unsere-hilfe-und-dein-lied-spenden-fuer-holger-biege.html

Danke und bitte gerne weiterverteilen. Er hat es verdient.

Schöppenschimmersteinsommersilben

Der Weiße Schöps. Fluß meiner Kindheit, verbotener Lieblingsspielplatz und natürlicher Achtungsmahner vor dem wasserigen Urelement. Das Gehöft an der Biegung des Flußes so manchmal trutzig gemauerte Insel inmitten überströmten Landes, wenn die Schneeschmelze des Riesengebirges weit ins Umland sich ergoß. Die Schelte des Vaters und das lächelnde Kopfschütteln von Ominkel, wenn ich mit der Blechwanne über die gefluteten Wiesen stakte und Maulwürfe und Mäuse rauskescherte, die verzweifelt um ihr Leben flinkfußten. Die anschließenden Standpauken, auch wenn ich an der Schöppe bei Ruhigfließzeiten beim Spielen erwischt ward, das Auswendiglernenmüssen der Namen der ertrunkenen Kinder, ach, ich weiß sie heute noch, bei der Katinka zitterte immer meine Stimme, als könnte ich es gewesen sein. Er ist nicht tief, doch unberechenbar schlammig, unverhoffte Schnellstromigkeit konnte ein Kind leicht mitreißen. Wie oft ich klatschnaß aus ihm wieder mühsam und mit größerer Furcht vorm Erwischtwerden in den schlotternden Gliedern als vor dem vertrauten Element an sich, die abschüssige Böschung hinaufkrabbelte und heimlich meine Kleider trocknete, ich weiß es nicht mehr. Doch unwiderstehlich, der Fluß so verschiedengesichtlich, ich trage sie alle in mir. Gestrigabend kringelwellte sich ein sommerliches auf: Träge der Fluß, Wasserläufer zeichnen ihre geometrischen Muster auf die baumbesäumtspiegelnde Ruhigfläche. Ich liege bäuchlings auf der warmholzigen Schöppe und schaue nach meinem Bernstein. Jungfischchen umflitzen den bodenlosen Eimer, der mir als Guckrohr den Spiegel durchbricht. Schlapp hängt der ausgediente Nylonstrumpf von Mama im Leichttrübwasser, in ihm pappt bräunlicher Kleister. Mühsam gesammeltes Kiefernharz soll sich im Flusse in meinen eigenen Wunderstein verwandeln, ich hatte davon gelesen. Doch es tat sich nichts, es blieb schmieriger Pamps. Schließlich vertraute ich dem Großwissendbruder mein Geheimnis an, der mich Dummlieschen lachend über zigmillionenjahrealte Abläufe aufklärte. Nein, Bernstein hat er mir nicht geschenkt, der Weiße Schöps, doch Achtung und Respekt vor dem insichruhenden Element.

Kaltfußdankesfaktorengruß

Weißt du, wie mir manchmal mein Schreiben erscheint? Wie ein Eisbad, ein Sprung in klirrkaltes Wasser. Ich marschiere silbersilbenpfadsicher drauflos, wegesverwegen und buchstabenrichtungssicher. Da, da will ich hin, mein Ziel spiegelbildet sich deutlich ab und meine Worte sind doch lediglich eine Plauderblaupause dieses schönen Seins.

eisbad1

Ach, andere nehmen ihn doch auch so leichtfüßig, diesen Weg, bin doch nicht die erste, nein. Und doch wird mir jeder weitere Silbenschritt schwerer. Verhederre mich in Satzgefügen, korrigiere mich kommakomatös und satztrampele schließlich auf der Stelle. Schwer, so schwer erscheint dann die Möglichkeit des Loslassens. Was nun? Buchstabenballast abstreifen und Anforderungsfesseln, vor allem die eigenangelegten; einfach durch tiefes Einatmen sprengen und

eisbad2

kaltfußkatapultiert abspringen. Du warst einer der ersten, die mich aufklatschen sahen. Danke.

Besamererstmaligachtsambericht

„Pfoten weg!“ Sirrend zerteilt das strohhalmdünne Plastikrohr in meiner zuckenden Hand die schwülwarme Stinkluft und klatscht mit dumpfen Plop auf das grobmaschige Arbeitshosenhinterteil von Andreas. Der grinst gequält schief und reibt sich übertrieben jaulend seine Rückseite. „Ich wollte doch nur Spaß machen und sehen, ob du genauso gut stehst wie deine Sauen.“ mault er und widmet sich weiter seinem Tun. Wir stehen zu acht in einer Reihe in dem abendruhigen, flackerlichtigen Schweinestall, gummibestiefelt im Scheißekanal, vor uns Sau an Sau in ihren Drahthalbgittern, die Stummelschwänze zu uns gekehrt. Die ohnehin atemraubende Luft ist durch den scharfen Geruch des die Sauen betören sollenden anwesenden Eber noch bissiger als tagsüber. Der sonst so wortkarge Willi zu meiner Linken zwinkert mir zu und sagt mit gefährlich leiser Stimme: „Andi, wenn ich sowas nochmal mitkriege, dresche ich dich windelweich.“ Ich antworte ebenso leise: „Danke, Willi, mit der Dumpfbacke komme ich alleine klar.“ Andis Kopf wird noch eine Spur dunkelroter, als er durch die Anstrengung des Schweinaufrüstens eh schon ist. Einen springbereiten Eber zu imitieren ist eine kraft- und konzentrationsreiche Angelegenheit. Die beherzten Seitengriffe knapp an den Hinterbeinen, verbunden mit der vorgetäuschten Aushebung der paarungsbereiten Sau, die ein Eber spielend mit seinem Rüssel vollbringt sind für uns Menschen wie Kraftsporttraining. Und genau diesen Seitengriff versuchte Andreas bei mir anzusetzen. Doch ich bin mit meinen sechzehn Jahren weit entfernt von jeder Paarungsbereitschaft, vor allem nicht mit einem Flachwichser wie Andi. Lieber täte ich es mit einem Schwein. Und genau das flüstere ich ihm mit sanfter Stimme zu, während ich meine inzwischen stocksteif stehende Sau besteige. Willis Grinsen geht über in schallendes Lachen, so daß auch die anderen Besamer aufmerksam werden. Ich kniee linkslastig auf dem rundbuckeligem Tier und führe vorsichtig die sterile Pipette ein. Den körperwarmen Beutel am Ende drücke ich sanft, fast massierend, bis die milchige Flüssigkeit entleert ist. Behutsam den Plastikhalm wieder raus, noch ein wenig auf dem Saurücken und an den Flanken rumklopfen, geschafft. Mein erstes Mal. Das Gemurmel der anderen klingt wie warmer Applaus und Willi reicht mir ein Bier. „Das erste Mal muß begossen werden! Bravo, meene Kleene und willkommen im Besamerklub!“ Und Andi knallt seine Flasche gegen meine und murmelt was von ungewohnt und Mädchen. „Tja, Andi, von der Kleenen kannste dir was abgucken, die behaltenwa!“ sind sich die restlichen Mannsgestalten sicher und ich ward die jüngste Besamerin jener Zeit, das Zertifikat bereits halb in der Tasche.

Claras Chronik 17.02.2015

Mein lieber Victor, ich vermag nun wieder Ihnen zu schreiben. Warum erst jetzt nach so langer Zeit, werden Sie sich zurechtlich fragen. Lieber Freund, ich mußte erst die Schönheit des Seins und die Wertigkeit des eigenen Tuns wiederentdecken. Mir hatte sich zuviel Grauen innenpupillig eingelaugt. Mit dem heutigen Tag gelang es mir, ich fand den Grund warum auf diesem paradiesischem Eiland klagender Krähgesang die Nächte durchdringt. Und mir ist, als könnte ich Ihnen nun wohldosiert mit Feinstfeder niedergeschrieben von meinem Kummer berichten. Kummer, der Nacht um Nacht mit dem Hahnengetön klagkehlendkaskadiert. Ich tauche den  mühsam gehärteten Kiel in die ebenso mühselig gesammelte sepiatische Tinte…   Langsam schließen sich die brennenden salzschwelenden Wunden, die die splitternden Schiffsplanken und die herumsirrenden Taue mir zusätzlich zu den Quälereien der rohen Mannsgestalten zufügten. Mich deucht, auch mein Verstand heilt langsam gleich meinem Körper. Was mehr an mir gierschlundete, ob die Unmengen an brülltosendem Wasser zuvorderst oder der Mangel an trinkbaren während der langen Drift, ich weiß es nicht. Vielleicht ward ich vorher schon zu weit aufgebrochen wie ein waidwundes Tier. Ich weiß nur, daß mein Glaube an Sie, an uns beide, mich am Leben erhielt. Aber ich schreibe durcheinand, bitte sehen Sie es mir nach. Meine Gedankenbriefe, unzählig diese Unsichtbarnotate, sie schwirren mir im Kopfe. Sie waren es die mir in schlimmster Stunde und tiefster Noth ein Hoffnungsfunken erglimmen ließen. Doch nun wirklich der Reihe nach… Grauschwarzwelle um Grauschwarzwelle erbrach sich über unser Schiff und der wüttosende Sturm machte es zur einer karavelligen Nußschale, in kürzester Zeit manövrierunfähig und dem Untergang geweiht. Ich sah die Hoffnung in den Augen gestandener Seeleute erlöschen. Es glich dem Vergehen des Warmfeuers unter grauer Ascheschicht. Auch ich begann zu zweifeln, doch der Bernstein, fest eingeknotet in mein Brusttuch, er pulste warm und ruhig sein Ewigvertrauen mir zu. Mein lieber Victor, ich erspare Ihnen Einzelheiten, selbst die Erinnerung scheint mich von innen erneut zu zerfressen; doch jeder Gedanke an Sie war mir wie ein Rettungsfloß. Hat sich mein lauterbarmendes Flehen denn gewandelt in wahre Rettung? Ich weiß es nicht und dennoch fand ich mich salzwasserspeiend und wundgeschunden auf einer Holzplanke wieder. Eine hellstrahlende Sonne hatte die Höllennacht abgelöst, doch schnell wich meine Erleichterung in kummervolles Erkennen ihrer gnadenlosen Scheinheiligkeit. Victor, mein Victor, bitte zweifeln Sie nicht an meinem Verstand wenn ich Ihnen nun berichte von Ihrer Gesellschaft auf dem schmalen Zufluchtsholz. Sie hielten mich, bedeckten meinen gemarterten Körper mit Ihrem Sein, ach, manchmal zankten wir gar um einen Zentimeter der inzwischen salzgrauen Mürbplanke. Ich lache auf: Wir zankten? Nein, ich führte nur Streitwort, Sie gaben immer nach und sprangen mal um mal in das tiefkaltblaue Wasser damit ich mich ausstrecken konnte. Ach, ob Sie mir dies je vergeben können? So vergingen Tage um Nächte, wieviele vermag ich nicht zu benennen. Selbst hier, auf meinem waldhüttigen Blätternachtlager auf sicherem Inselboden, schrecke ich immer wieder auf, weil ich drohe vom Floße zu rutschen in meinen Schüttelerinnerungsträumen. Und just beginnen sie ihren Abendgesang, die wildschönen Hähne auf den hochastigen Flechtbehangbäumen. Über mein Schreiben quoll die Dämmerung herauf, fast sehe ich den Federkiel in meiner Hand nicht mehr. Oh mein Victor hören Sie nur, es ist ein sireniges Klagen, sie beweinen ihre Einsamkeit genau wie ich. Ich habe sie wiedererkannt als ich wagte, dem Dämmergesange nachzuspüren. Die prächtigen Tiere waren mit mir auf der Karavelle gefangen und dienten wie ich zur Unterhaltung bis in den Tod hinein. Gleich mir wurden sie gerettet, diese stolzen Kampfhähne. Retteten sich selbst, ich kann es nicht benennen. Nun besingen wir gemeinsam unser Überleben und beweinen gleichzeitig unsere Einsamkeit. Sie schenkten mir diesen Flügelfederkiel für meine Hoffnungsworte an Sie. Auf bald, mein einziger Victor, der Pfad wird weiter beschritten werden und der Bernstein eines Tages in unser beider Hände sachtwarmpulsen, dessen nun sicherer denn je, Clara, immer die Ihre.

Ich danke der sehr lesenswerten Frau Anhora für einen Satz der mir keine Ruhe ließ, seit ich ihn letzthin beim Querlesen bei ihr fand: „Nachts krähen die Hähne“.

Winterlichtdämmerungswichtigkeitswahrnehmung

Rotorangeleuchtend sendet die Februarsonne einen stillsinkenden Abendgruß übers Feld. Die stummkahlen Zweige der winterruhenden Bäume wirken karikalligraphiert. Das Spatzgeschilpe und die ersten Amselrichkrawalle versinken mit diesem frühen Warmsonnentag in blaugrauer Verharrtheit. Ein lichtes Lila schwebt überm Horizont, weit über dem Schwarzfeingeästel und kündet von weiterer Frostnachtigkeit. Der Himmel noch weiter hochdroben verblaut sich kurzzeitig und schmückt sich abendfunkelsternig. Es ist dieser kurze Moment, bevor die Dunkelheit über die Baumgerippe kippt und der Blick vergeblich nach den Resten der tagsüber wenigstens hauchweise versprochenen Wärme sucht. Dann rasselt der erste Rollladen durch die sonst so stille Nachbarschaft herunter und die eigene Nachtblickwehmut läßt mich dem Heizungsknecht ein weiteres Dreherchen angedeihen. Ein kurzes Schaudern, ein schnelles Eigenumarmungsreiben, dann erreicht mich das Gemurmel der Innenhauswärme. Ach, Februar, du Jahresanfangswurmfortsatz, ich könnte leicht auf dich verzichten, doch aus meinem Empfinden verbannen, das könnte ich wohl nie. Der nächste Blick aus dem Fenster, er verläuft sich im rabenschwarzigem Dunkel. Ein Topfgetöse ruft mich küchenschallig zurück ins Haus am Ende des Weges. Und rückwärtige Kochgehilfsdienste lenken den Blick zu dem, was jetzt wichtig ist…

Whothefu**isvalentin?

Superdupervalentinspezial bei Bittemito! Nur noch bis diesen Samstag zum Knallhartkracherpreis! Für alle, die den ewigen Champagner, die überteuerten Rosen und die langweilige Schokolade leid sind! Für die, die endlich mal stolzbrüstig sagen wollen: „Schatzi für dich, habe ich selbst gemacht!“ Ich garantiere Scheißherzchen in den Pupillen der/die/des Angebeteten! Und das zu einem unschlagbaren Extrafastspottpreis! Was ist Ihnen ein Ohnmachtsanfall Ihres Gspusis wert? Dieser Offerte können Sie nicht widerstehen: Nicht mümpfzig-, nicht drölfzig- nein nur schlappe ölfzigtrilliarden Öcken kostet Sie dieser echte Spanky(®)! Und das beste kommt ja noch! Sie müssen nicht den schnöden Mammon in irgendeinen Laden schleppen oder komplizierte Bezahlvorgänge in Gang setzen, geschweige denn, ellenlange Ibanen in zu kleine Kästchen kritzeln, nein! Öffnen Sie einfach Ihr Fenster und raus damit! Die befreiende Nebenwirkung bekommen Sie gratis zu diesem Geldausdemfensterwurf! So, jetzt brauchen Sie nur noch den echten Spanky(®) sich ausdrucken, an der Linie entlang ausschneiden und Sie haben das ultimative Whothefuckisvalentinpräsent. Bitte, gerne:

Spanky(®)

Auch für umme der folgende Tip für das ultimative „Schatzidubistsoklug“-Gejuchze: Lernen Sie einfach diese Sätze auswendig:

„Aber Hasi! Natürlich ist das eine echte Pflanze, ich würde dir doch nichts Unechtes schenken! Das ist eine Hoya, eine Wachsblume. Die herzförmigen Blätter wurden abgetrennt, bewurzelt und eingetopft. Hoyas gehören zu den Seidenpflanzengewächsen (Asclepiadoideae) der Familie der Hundsgiftgewächse (Apocynaceae)…“

Spätestens an dieser Stelle müssten Ihre Lippen innig kußversiegelt sein, ab da müssenSe dann ohne meine Hilfe auskommen, ich heiße ja schließlich nicht Valentin!

~~~~~~~~~~~~~~ Ironiemodus aus ~~~~~~~~~~~~~~~~

Wer mir jetzt Grobpöpeley vorwirft, dem sei gesagt: Ich ehre und achte den Ursprung des Valentintages, doch ich verabscheue, was der Konsumismus daraus gemacht hat. Und nein, im Florallabor hängen keine Blinkeherzchen und es gibt keine aufgrund der weltweiten Nachfrage überteuerten roten Rosen, aber es gibt die schönsten Tulpen, Freesien, Gerbera oder Ranunkeln, angebaut in Lipperlandien und durchaus bezahlbar. Fragen Sie doch auch mal den Blumendealer Ihres Vertrauens nach hiesiger Blumenpracht, Sie werden Gänseblümchen staunen…