Florallaborauflösfragmente

von kaetheknobloch

* Die ersten Dekorationszahnlücken entblößen ihre kariöse Kahlwändigkeit und leere Regale betteln abdruckstaubig um Neufüllung. Die Räume scheinen zu wachsen, plustern sich auf, als könnten sie der schleichend einziehenden Unbenütztkälte dergestalt etwas entgegensetzen.

* Kein Kalender diesen Jahres hängt termineintragungsbereit direkt neben der Kasse, der vollgekritzelte vom letzten gemahnt mich eines turbulenten Jahres. Es ist, als dulde dieser große neueinschneidende Plan keinerley Extraterminchen neben sich.

* Eine ganz neue Seite meines Seins tut sich mir auf, eine gewisse Lust an Verwahrlosung. Schon drei durchgebrannte Strahler, früher sogleich ausgetauscht, starren blindäugig von der Decke und die Schaufenster künden sprenkelig vom verregneten Winter.

* Es fällt etlichen Kunden eher als mir selbst auf: am Telephon melde ich mich nicht mehr mit „Florallabor Knobloch, was kann ich Ihnen Gutes tun?“ sondern mit „Florallabor Stadtteilname“ und dann dünnt sich meine Stimme aus.

* Die Tatsache, daß noch nicht einer der Umsonstmitnehmer der aussortierten Bücher vor dem Laden es geschafft hat, die Ladentüre zu öffnen und „Danke“ zu sagen, empört mich weniger als angenommen. Ist wohl eine Bestätigung der Veränderung des Kiezes hin zu Billigramsch und Grabbeltischen.

* Eine volle Box Frühjahrsvisitenkarten, schubladig wiederentdeckt, wandert ohne Drübernachdenken in den Bullerofen. Den gleichen Weg nehmen zerhackte Holzkisten, einst Dekomaterial oder Zapfen, Holzspäne und Nüsse. Über Jahre aufgehobener Zierrat geht in Flammen auf.

* Es fluten kaum noch die getragenen Töne sanfter Beschallung die Räume, ich brauche krachkordelige und trommelstockwirbelige Vorantreiberey des eigenen Tuns, so als könne Krachmusikke die Melancholie, die mich ein ums andere Mal anspringt, bassvibrierend zum Tanze verführen.

* Welche bizarre Züge der Konsumismus in seiner Fratze trägt, zeigt sich am simplen Darstellen eines % rotstiftig vor dem Ladenlokal. Das Prozentzeichen als moderner Auslöser des Pawlowschen Reflexes, sabbernd fließen Schnäppchenfloskeln aus manchem Mitmenschen.

* Die Übereinstimmung des Zeitpunktes macht mich gänsehäutig. Machte ich mich arbeitsam vor dreizehn Jahren daran, das Florallabor aus einem Dreckloch zu erschaffen, arbeite ich heute fleißig an seinem Verschwinden zurück in die schimmelstaubige Vergangenheit.

* Ich genieße diese kleinen Wrestlingrunden mit meiner Melancolia, sie zeigen mir meine Liebe zum Florallabor und meine Dankbarkeit für dreizehn Jahre voller Schönheit, Kunst und Handwerk in perfekter Harmonie. Die Negativerlebnisse werde ich hierlassen, wenn ich bald zum letzten Mal die geliebte Tür angelquietschend schließe. Das Floratelier erwartet mich jungfräulich geweißt, begierig auf buntblumige Befüllung.

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