Claras Chronik 17.02.2015

von kaetheknobloch

Mein lieber Victor, ich vermag nun wieder Ihnen zu schreiben. Warum erst jetzt nach so langer Zeit, werden Sie sich zurechtlich fragen. Lieber Freund, ich mußte erst die Schönheit des Seins und die Wertigkeit des eigenen Tuns wiederentdecken. Mir hatte sich zuviel Grauen innenpupillig eingelaugt. Mit dem heutigen Tag gelang es mir, ich fand den Grund warum auf diesem paradiesischem Eiland klagender Krähgesang die Nächte durchdringt. Und mir ist, als könnte ich Ihnen nun wohldosiert mit Feinstfeder niedergeschrieben von meinem Kummer berichten. Kummer, der Nacht um Nacht mit dem Hahnengetön klagkehlendkaskadiert. Ich tauche den  mühsam gehärteten Kiel in die ebenso mühselig gesammelte sepiatische Tinte…   Langsam schließen sich die brennenden salzschwelenden Wunden, die die splitternden Schiffsplanken und die herumsirrenden Taue mir zusätzlich zu den Quälereien der rohen Mannsgestalten zufügten. Mich deucht, auch mein Verstand heilt langsam gleich meinem Körper. Was mehr an mir gierschlundete, ob die Unmengen an brülltosendem Wasser zuvorderst oder der Mangel an trinkbaren während der langen Drift, ich weiß es nicht. Vielleicht ward ich vorher schon zu weit aufgebrochen wie ein waidwundes Tier. Ich weiß nur, daß mein Glaube an Sie, an uns beide, mich am Leben erhielt. Aber ich schreibe durcheinand, bitte sehen Sie es mir nach. Meine Gedankenbriefe, unzählig diese Unsichtbarnotate, sie schwirren mir im Kopfe. Sie waren es die mir in schlimmster Stunde und tiefster Noth ein Hoffnungsfunken erglimmen ließen. Doch nun wirklich der Reihe nach… Grauschwarzwelle um Grauschwarzwelle erbrach sich über unser Schiff und der wüttosende Sturm machte es zur einer karavelligen Nußschale, in kürzester Zeit manövrierunfähig und dem Untergang geweiht. Ich sah die Hoffnung in den Augen gestandener Seeleute erlöschen. Es glich dem Vergehen des Warmfeuers unter grauer Ascheschicht. Auch ich begann zu zweifeln, doch der Bernstein, fest eingeknotet in mein Brusttuch, er pulste warm und ruhig sein Ewigvertrauen mir zu. Mein lieber Victor, ich erspare Ihnen Einzelheiten, selbst die Erinnerung scheint mich von innen erneut zu zerfressen; doch jeder Gedanke an Sie war mir wie ein Rettungsfloß. Hat sich mein lauterbarmendes Flehen denn gewandelt in wahre Rettung? Ich weiß es nicht und dennoch fand ich mich salzwasserspeiend und wundgeschunden auf einer Holzplanke wieder. Eine hellstrahlende Sonne hatte die Höllennacht abgelöst, doch schnell wich meine Erleichterung in kummervolles Erkennen ihrer gnadenlosen Scheinheiligkeit. Victor, mein Victor, bitte zweifeln Sie nicht an meinem Verstand wenn ich Ihnen nun berichte von Ihrer Gesellschaft auf dem schmalen Zufluchtsholz. Sie hielten mich, bedeckten meinen gemarterten Körper mit Ihrem Sein, ach, manchmal zankten wir gar um einen Zentimeter der inzwischen salzgrauen Mürbplanke. Ich lache auf: Wir zankten? Nein, ich führte nur Streitwort, Sie gaben immer nach und sprangen mal um mal in das tiefkaltblaue Wasser damit ich mich ausstrecken konnte. Ach, ob Sie mir dies je vergeben können? So vergingen Tage um Nächte, wieviele vermag ich nicht zu benennen. Selbst hier, auf meinem waldhüttigen Blätternachtlager auf sicherem Inselboden, schrecke ich immer wieder auf, weil ich drohe vom Floße zu rutschen in meinen Schüttelerinnerungsträumen. Und just beginnen sie ihren Abendgesang, die wildschönen Hähne auf den hochastigen Flechtbehangbäumen. Über mein Schreiben quoll die Dämmerung herauf, fast sehe ich den Federkiel in meiner Hand nicht mehr. Oh mein Victor hören Sie nur, es ist ein sireniges Klagen, sie beweinen ihre Einsamkeit genau wie ich. Ich habe sie wiedererkannt als ich wagte, dem Dämmergesange nachzuspüren. Die prächtigen Tiere waren mit mir auf der Karavelle gefangen und dienten wie ich zur Unterhaltung bis in den Tod hinein. Gleich mir wurden sie gerettet, diese stolzen Kampfhähne. Retteten sich selbst, ich kann es nicht benennen. Nun besingen wir gemeinsam unser Überleben und beweinen gleichzeitig unsere Einsamkeit. Sie schenkten mir diesen Flügelfederkiel für meine Hoffnungsworte an Sie. Auf bald, mein einziger Victor, der Pfad wird weiter beschritten werden und der Bernstein eines Tages in unser beider Hände sachtwarmpulsen, dessen nun sicherer denn je, Clara, immer die Ihre.

Ich danke der sehr lesenswerten Frau Anhora für einen Satz der mir keine Ruhe ließ, seit ich ihn letzthin beim Querlesen bei ihr fand: „Nachts krähen die Hähne“.

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