bittemito

Monat: Mai, 2015

Wie man ganz schnell eine Meise kriegt…

Das morgendliche Famostagwünschgespräch mit Kalle, dem Stadtcafébesitzer wurde an diesem Tag ungewöhnlich kurz. Er hätte mir einen Pflegling in den Hinterhof gesetzt, ein nächtens auf der Straße rumflatterhüpfendes Vögelein, so zartflaumig piepsendwinzigklein. Ob das okay sei und ich mich da nicht auch auskennen würde, so bei meiner Kleinviehzeugliebe; betreublauaugenmerkte er noch. Flinkfüßig eilte ich in mein hinterhofiges Refugium und da flehpiepste es mir auch schon durch den Gang entgegen. Ein Minimeisenunglückshäufchen hockte ebenerdig, genügend mit Flaum bedeckt um angefaßt zu werden, doch mit zuwenig Federkleid zum selbstständigen Langstreckenflug zurück zum Nest, welches ich vorderhausig im Straßenbaum befindlich wußte. Doch es flehpiepste nicht mir entgegen, sein Klagen galt dem aufgeregten Meisenpapa, der von oben dachwärts auf seinen abenteuerlustigen Sprößling und mich Schwarzmonster herunterschrägblickte. Ich beschloß Zurückhaltung und wurde so Zeuge eines einmaligen Schauspiels. Papa Meise flog unermüdlich, fütterte den Unglücksvogel und lockte ihn immer weiter den Rankefeu hinauf. Manchmal vergaß ich schier mein Tagwerk ob dieses Getues direkt vor meinen staunenden Augen. Doch das Federkügelchen erwies sich als sehr ungeschickt. Beim Versuch, den Hof zu queren, flatterhüpfte es in das Floratelier, dummerweise auch noch in das tiefe Schaufenster. Das rief Mama Meise zusätzlich auf den Plan und dann entspann sich ein Federaufstiebkrakeelszenario der kuriosen Art: Kleindoofi im Fenster, lautschimpfend und immer wieder meinen Greifversuchen entflatterhüpfend, ich Großdoofi sanftbeherrscht fluchend wegen meines idiotischen Türschließvergessens und vor dem Fenster ein Entsetztmeisenpaar, an der Scheibe hochundrunterflügelschlagend. Ich weiß nicht wie lange wir uns aneinander zermürbten, aber irgendwann hockte ein bebendes Federhäufchen auf meinem linken lederbeschuhtem Fuße und beglückte mich mit einem Miniangstschiss. Die Gelegenheit, beherzt zuzugreifen. Und seitdem weiß ich, wie man ganz schnell eine Meise kriegen kann.

Ich setzte das Bebendbündel in den Efeu und den Rest des Tages blieb es da versteckt, vom Papa weiter fleißig befüttert. Am nächsten Tag wiederholte sich das Schauspiel von Fütterey und Flugübungen und nachmittags war der Jungspund fit genug, um die Heimreise anzutreten. Vorher posierte er aber noch ein wenig…

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…und manchmal…

…und manchmal überkommt mich so ein losgalloppierpreschwunsch ein armeausbreitundfestumschlingender gar… eine bittebittezeitanhaltenbitte damit ich diesen moment nieniemalsnichtvergesse… ein innensehnen bitterquellsüßbeißend sogar schmerzabnehmendanbiedernd sodann… ringe ich um verstehensleichtworte und verhaspelbuchstabiere mich doch an ihnen… neige mich blutigknieendrot und barmhandklagend und weiß doch um meine eigene kleingeistsilbigkeit in diesen vermaledeiten vielzuvielendingen. …und manchmal, ja,…

Manchmal macht mich dieses Wissen groß. Weil es dann mein Gegenüber widerspiegelt.

… dieses sprachlosrastlosathmen kehlrauhräuspernd und wimpernvorhangflatterig… so fremdgleichbuchstabierend und scheinbar viel zu sehr sich überschwingendumschlägig erscheint es mir… wie flackerdiffuskerzenlicht das sachtehauchigschnellerlischt… gewölbthandumkuhlend will ich es schützen dieses glimmendstillstarkfeuer…  gesehen in solchem spiegelflackerblick umerarmen gar mit offenbebendherzgefühl und erkenne mal wieder dassichnichtalleinebin… denn im augenspiegelblick das bin ja ichundichundich.

Ein einziger verdammter Kaffee…

Vom ersten Tag an ein Hingucker, dieser imposante Kerl mit seinen zwo Hunden. Ein Hinterhergucker sogar in meinen Augen. Bald folgten Lächeln, Grüße und freundliche Floskeleien. Ich räumte meine Außendeko an die Straße und er drehte seine Frühmorgenrunde. Und eines Tages war dann Zeit für einen hinterhofigen Kaffee. Der Großhund soff mir genüßlich die Hundetränke leer, der Kleinhund schlabbte das Wasser direkt aus meiner Handkuhle und der Imposantgeselle lümmelte breitlachend und uns beobachtend im hinterhofigen Liegestuhl. Schwarz und stark, wie seine Seele, so sei sein Kaffee, bemerkte er dankbar die Heißtasse balancierend. Und hoffentlich gut, fügte ich mit einem Zwinkerlächeln hinzu. So gut, daß er gewiss öfter käme, das versprach er mir…

„Na, wieder fleißig am Räumen?“ „Nää, ich tu doch nur so, weißte doch.“ „Det seh ich, von wegen…“ „Und heute mal wieder Zeit für einen Schwarzstarken?“ „Nee, spät dran, aber aufgeschoben is nich aufgehoben, du wirst ja noch ein Weilchen in deinem Hinterhofidyll bleiben.“ „Klar, so ist zumindest der Plan.“ „Dann machs gut, bis später dann mal.“ „Tschau, bis später!“…

Er hat sein Versprechen nicht halten können. Es bleibt bei diesem einem einzigen Kaffee. Verdammte Scheiße, M., Deine Seele ist mit Sicherheit stark, Dein Herz war es nicht. Adieu, Du imposanter starkschwacher Kerl, ich hätte Dich gerne näher kennengelernt. Pläne machen? Wohl besser nicht. Weil jeder Moment so unendlich kostbar und unwiderruflich ist. Danke für diesen einen, er wird mir schwarzstark bleiben.

Nachtrag: Ich war mir der Mehrdeutigkeit dieser aus dem Gefühl des Verlustes herausgeflossenen Zeilen nicht bewußt. Doch genau diese Mehrdeutigkeit birgt heute einen eigenartigen Trost. Wie verschieden Verlustgefühle doch entstehen können, welchen Ursprung sie haben und wie immer wir damit umgehen, die Kostbarkeit jeder Sekunde zuvor, die bleibt. Ich trank mit M. nur einen Kaffee, weil mich gestern Morgen die Nachricht von seinem Tod erreichte. Den schwarzstarken Moment, den behalte ich in mir drin.

Frohgemuthpfingstfreudenflatterphotofriemelei

Wieviel Getue doch so einem Nichtstunachmittag innewohnt! Na gut, wenn man Amsel ist und das Zwotnest eingerichtet werden will relativiert sich diese Aussage natürlich. Was wiederum mir als Stillsitzrumträumerin einen Einblick in die Amselstrukturen verschafft: Während die Amseline emsig Halm und Blattwerk queraufschnabelt und dabei immer mutiger an die Stillrumträumerin sich ranwagt, ist dem Amselrich diese ungewohnte Einflugschneisenquerulantin suspekt. Schrillwarnt seine Holde vom Mäuerchen aus, ich verstehe zum Glück ein wenig amselrichisch und vernehme Trillerfetzen wie: „Ey, spinnste! Seltsamgroßgeschöpf! Nichnochnäher! Da!Da!Da!“ Und schimpfend tieffliegt er über die Wiese hinweg. Sie allerseelenruhig, titscht ihr Baumaterialsammelsurium in eine der ebenerdigen Vogeltränken vor meinen Füßen, schmodert herzhaft herum, schaut schiefköpfig anmutig zu mir hoch; ich könnte schwören, sie hat mir verschworen zugezwinkert und fliegt dann elegantkurvig gen Kirschlorbeer. Wieder und wieder. Ich kann mich nicht sattsehen an diesem Getue und füllere auch das in meine Kleinglücksinnenkladde ein. Fotos? Undenkbar, selbst Athemholen habe ich fast vergessen…

Augentröstend ein paar Stillablichtfreudenlieblichkeiten, die ich Zeitchen zuvor einfing. Friedliche Pfingstgrüße aus dem Garten vom Haus am Ende des Weges, bitte zurückzwinkern Sie jetzt:

Ominkeltraumwiesenschaumkrautwunder

Passiert etwas, weil wir ganz fest an Wunder glauben oder sehen wir Wunder in ganz natürlichen Geschehnissen, weil uns vieles fremd geworden? Wir uns meilenweitig von natürlichen Abläufen entfernt haben? Der gestrige Tag katapultierte mich in Ominkelerinnerungen, egal, was ich tat, las oder wem ich begegnete, immer war Ominkel dabei. Der Spreisel, den ich mir stecknadelig aus dem Finger friemelte, so wie es allein Ominkel früher durfte,

Nu, Chottchen Kindchen, halt stille, ich hab den Spreisel ja gleich. Was von alleene rin geht, geht uffm selben Wege raus, aber numoal nich immer von alleene…

die Armvoll Bartnelken und Phlox, gerade wie aus ihrer kleinen Blumenecke im Garten beim Gehöft an der Biegung des Flusses frisch geschnitten, duftend, wie nur Gartenblumen es vermögen,

Wennste die Blumen nur abrupfst, wernse schnell welke. Wennse schunn sterbe misse, dann mit Respekt. Is wie bei die Viecher. Siehste, ich hab immer Opas Klappmesser inner Kittelschürze…

die rotwangige Grauduttträgerin mit dem Verschmitztlachfältchen, die von dem ostdeutschen Mischbrot schwärmte

Kind, wennste zur Bäckerschen fährst, bringste noch en Brot mehr mit, man weeß ja nie ob nich noch eener zu Besuche kimmt. Und zwee Semmeln och dazu, verderben ja nich, die Hunschel frein sich ock och…

oder die Masurischen Erinnerungen eines grauhaarigen Lönnebergaischen Michels, mit uns geteilt von der bezaubernden Karfunkelfee, die mich in duftende Heuhaufenberge zurückkrawummsten

Gloobste, ich weeß ni, dasse uffm Heuboden versteckt bist! Der Vadder hat schunst dreimal zum Abendbrot gerufe, kimmste nu nunter?! Träumste wieder, meene Kleene, nu kimm, aber mach dir erscht des Heu ausse Klamotten…

Und auch das abendliche Telephonat mit Mama Löwenherz drehte sich fast ausschließlich um Ominkel. Soviele Weißtdunochs und Sowarsiehalts, tränenstimmig ausgelöst durch einen fast vergessenen Feldsegen, der auf einmal seine Wirkung tut. Kein Wunder, daß ich lebhaft von Ominkel träumte. In vielen Bildern und eines davon kann ich sogar letztjährig geschnappschusst teilen. Die Schaumkrautwiese am Fluß,

Guckemoal, is das nich schee? Brauchste aber nich abrupfen, bleibt scheener uffer Wiese, weeßte, manche Bliemsche wulln goarni innennei…

wiesenschaumkraut2

Derart traumzergefühlsverwuschelt gehe ich wie fast jeden Morgen barbeinig auf meine Wiese beim Haus am Ende des Weges und traue meinen Augen kaum. Zwo schüchterne Schaumkräutleyn blassäugeln mich anmutig an. Wunder? So oder so, ich glaube fest daran.

Nachtrag: Beim Abendflanieren und Wiesenbepispern sind sie schon zu dritt, diese Wunderschaumträumchen. Und beim Übernzaunschwatz mit der besten aller Nachbarinnen bestätigt und teilt sich diese Schaumfreude.

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