bittemito

Monat: Juni, 2015

Blaupause- Frau Liebling tölpelt (Farbstudie I)

„Hey, Sie können ja Gedanken lesen!“ warmte sich die Blaustimme erneut in Heides Ohr. Der famose Herr Schatz hatte blitzschnell den Korb mit den Leckereien aus der Hand gleiten lassen und sie stützend umfasst. Verständnislos hob sie den Blick und die Lachfaltend in seinem verwegenen Antlitz vertieften sich bei der Antwort: „Ich habe mich gerade gefragt, wie es wohl so ist, Sie in den Armen zu halten.“ Heide fühlte einen Hauch von Hitze über ihr Gesicht gleiten und löste sich verlegen aus seinem sanften Griff. ‚Bloß gut, kannst du keine Gedanken lesen‘ lächelte sie vor sich hin, während er auch den Eimer mit den leise klirrendem Glaseisinhalt abstellte. Jetzt erst sah Heide die Schönheit dieses Fleckchens Erde: Unter leise raschelndem Hochgrün bildeten Sträucher kleine Dickichte, auf denen die Lichtreflexe tanzten, die durch die schwankenden Baumwipfel hindurch blauend blitzten. Ein Bachlauf querte die Moosastidylle, wand sich um kleine Felsen und staute sich ab und an vor umgestürzten Stämmen. Das Wasser schimmerte in allen Grüntönen bis in ein türkises Blau hinein. Jetzt konnte sie auch das Flüstern sich erklären, das sie immer näher zu rufen schien, während sie Herrn Schatz sinnierend gefolgt war. Und sie außerdem nun ihrer eigenen Dummheit gemahnte. Hatte sie doch die Toilette des freundlichen Herrn Emrahs ignoriert. Sollte sie jetzt hier… mitten im Wald? „Wenn Sie sich etwas frischmachen wollen, da gleich um den Felsen herum, da weitet sich der Bach zu einem kleinen Becken, da können Sie sogar bis zur Hüfte im Wasser stehen“ baritonte es sich wiedermal passend in ihr Gehadere. „Nehmen Sie Lady mit, die gibt acht auf Sie.“ Mit einem knappen Pfiff rief er das schöne Tier herbei, das die ganze Zeit in Augenkontakt mit ihnen durch den Wald gelaufen war. Schwanzwedelnd war Lady sofort an ihrer Seite und schien sie erwartungsvoll anzuschauen. Ohne weiter nachzudenken, folgte sie dem Bachlauf und der Hund sprang fröhlich voraus. „Ich tische derweilen mal auf, Sie müssen ja vor Hunger ganz knurrig sein.“ klang es ihr hinterdrein. ‚Wenn du von meinem Hunger wüßtest…‘ schoß es ihre durch den Sinn, was sie selbst erschrecken ließ. Der machte sie noch verrückt, dieser Mensch, der immer alles richtig zu machen schien. Und sie zum Glühen brachte. Oder war das noch die Stadthitze, die auf ihrer Haut Polka tanzte? Kurzentschlossen zog sie den marineblauen Rock aus und kletterte vorsichtig die glitschigen Steine hinab in das Naturbecken.

Blaubach

Tatsächlich reichte ihr das gänsehautmachend kalte Wasser bald bis zur Taille. Lady blieb auf den Moossteinen bei dem Rock liegen und äugte aufmerksam in alle Richtungen. ‚Waschzeit!‘ dachte Heide und zog sich auch die Bluse und den häßlichen, aber praktischen Sport-BH über die Schultern und wusch beides sorgsam durch. Gleiches geschah dem blauen Spitzenhöschen und mit einem Anflug von Scham pinkelte Heide sodann in das fließende Wasser. Hielt erschrocken inne, nein, das Wasser floß weiter weg von ihr und dem Platz, wo Fred auf sie wartete. Erleichterte sich weiter und summte schließlich leise beim Baden. ‚Beckenbodentraining, besser gehts nicht…‘ dachte sie und kicherte vergnügt bei der Vorstellung, diese Methode in der Muckibude vorzuschlagen. ‚Die rosa Fitnessmaus würde vermutlich vor Scham im Mattenboden versinken…‘ Heide fing übermütig an, im Wasser herumzuplantschen und ehe sie sichs versah, entglitten ihr Bluse und Unterwäsche und wurden vom Murmelbach weitergetragen. Sie hechtete nach ihren Sachen und bekam wenigstens das Höschen zu fassen. ‚Scheiße, was mache ich denn jetzt?!‘ Mit sich selbst schimpfend kletterte sie auf die Steine, zog das nasse Höschen an und hockte sich neben die blauschimmernde Lady. „Was ihr wohl langsam von mir Tölpel denken müßt, du und dein mich kirre machendes Herrchen!“ Der Hund antwortete mit seinem typischen einfachen Bellen und es dauerte nicht lange, da erklang die dunkelfragende Stimme des Kirremachers hinter ihr: „Alles in Ordnung? Etwas passiert?“ Heide schilderte leisstimmig ihr Mißgeschick und konnte einfach nicht anders: Das umwerfende Lachen von Fred steckte sie schließlich an. „Keine Sorge, meine Liebe,“ japste der nach einer Weile. „Zwar hätte ich nichts gegen ein barkleidiges Picknick einzuwenden, doch ich habe noch ein Leinenhemd dabei, ich wollte heute eh hierherkommen und mich erfrischen. Ich hole es Ihnen schnell aus dem Korb und springe dann ins Wasser. Ich ziehe einfach mein altes nochmal an.“ Mit diesen Worten verschwand er wieder und Heide blickte ihm dankbar nach. ‚Hat der eigentlich immer eine Lösung parat?‘ fragte sie sich und fand diesen verrückten Tag, an dem sie zum ersten Mal in ihrem Leben blau machte plötzlich ziemlich spannend…

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Farbstudiengeschichten

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Beinachtruhregennachrichttropfbericht

‚Klopf.‘ sagte der Regen nachmitternächtlich. ‚Klopf, klopf.‘ dann etwas nachdrücklicher. Die gleichmäßig bleibenden Athemzüge der Träumerin unterm Baldachin waren wohl nicht die erwartete Antwort auf sein Einlaßbegehr. ‚Klopf! Klopf! Klopf!‘ tönte er lauter und sein Bruder, der Wind, sprang ihm bei. Huschte in die Ahornblätter, die sich über die hängemattige Schlafstatt beugten und zauste sie ordentlich. ‚Wach auf, wach auf!‘ sachtraschelten diese daraufhin und der Regen versuchte sich in diesen Rhythmus einzutakten. ‚Klopfklopfklopf, wachaufwachauf.‘ sangen sie alsbald gemeinsam und ein wohliges Seufzen war zunächst die Antwort. Gespannt harrten Regen und Wind unter weiterem Gewarne der nächsten Reaktion. Und ihre Geduld wurde belohnt: Der Baldachin wurde zurückgeschlagen und Bruder Regen knallte einen Krachnassknutscher in das verschlafene Gesicht der Hängemattenbewohnerin. Das ließ sie aufspringen und hui, wie flugs konnte die auf einmal tanzen! Regen und Wind reihten sich in die Mazurka ein und beglitten die nun hellwache Dame bei ihrem Schlafstatt nach Drinnenbringgerenne! Was ein schabernackiger Spaß! Ein Klatschtropfen da, ein Huigewehe in das Verwuschelthaar dort und ab und an die Tiefhängzweige die nackten Schultern nasstropfig küssen lassen. Und kaum waren Bettzeug und Schlafmütze unterm rettenden Dach, ging der Spaß erst richtig los. Da wurde geprasselt und gehuit, es war ein Tosen und Toben und das vorherige vorsichtige Anklopfen ward zu einem wahren Trommelwirbel. Und die so sanft gewarnte Träumerin? Die saß staunend ob des Treibens auf der Türschwelle und lächelte.

Regen

Blaupause- Frau Liebling schweigt (Farbstudie I)

Mit einer geschmeidigen Bewegung zog Friedhelm sich den Hut vom Kopf und ergriff ihre Hand, um ihr einen ganz sanften Handkuss anzutragen. Mehr angedeutet, das Kribbeln auf ihrem Handrücken kam wohl eher von seinem in einem leisen Seufzer versteckten Ringen um Athem. Heide schien es, als wölle er ihre Hand gar nicht mehr loslassen. Selbst nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, hielt er sie warm und fest umfangen. Kurz ruhte sein warmer ehrlicher Blick in ihren Augen, dann ergriff er den Eimer, nickte Herrn Emrah kurz dankend zu und ging zum Volvo. Heide ging bereitwillig mit, fasziniert von der Situation und dem Inhalt des Emailleeimers. ‚Wie eine Kühltasche auf Waldläufer Art…‘ dachte sie und bestaunte das mit Eiswürfeln befüllte Gefäß. Aus den leise klirrenden Kristallklumpen ragte ein schlanker Flaschenhals mit einem blauen Metalldeckel und direkt daneben ein offenes Glas mit einer weißen Masse. „Schafskäse, aber der echte.“ erklärte Friedhelm. Er mußte ihren nachdenklichen Blick wahrgenommen haben. Und während er die Heckklappe des Volvos aufspringen ließ ergänzte er: „Schafskäse, Melone, viel Eiswasser, Brot und eine Heiltinktur der besonderen Art, nach einem fast erlittendem Hitzekollaps das beste Gegengift.“ Heides augenbrauigen Protest wegen des Hitzekollapses lächelte er erneut loalaaugenwinkelig weg: „Wer sagt denn, daß nur Sie fast vor Hitze kollabierten, meine Liebe?“ Mit diesen Worten stellte er den Eimer zu den anderen bereits in einem Korb gelagerten Köstlichkeiten im Kofferraum und ergänzte: „Nun aber los zum Flußlauf, ehe das Eis schon hier schmilzt.“ Heide überflutete eine erneute Rotwelle und sie ging schnell zum Beifahrersitz. Lady behauptete diesmal den Platz zu ihren immernoch schmutzstarrenden Füßen und Heide tätschelte sie dankbar für diese Ablenkung von der aufwellenden Hitze. Der Volvo schaukelte gemütlich aus dem verbauten Vorland, erklomm serpentinisch anmutende Straßen und fuhr in immer grüner überwölbte Seitenstraßen hinein. Heide hatte schon jedwede Orientierung verloren, wagte aber nicht nachzufragen. Lauschte stattdessen der schwarzkieseligen Stimme von Tom Waits, die nun aus den Lautsprechern rollte und in derem Takt sie über die Straßen zu gleiten schienen.

Still und konzentriert lenkte Friedhelm den Wagen, bis er an einer schmalen Wegverbreitung stoppte und fein lächend sagte: „Ab hier gibts nur noch Mooswege, meine Liebe.“ Bepackt mit den eingekauften Köstlichkeiten querten sie alsbald das hochstämmige Gründach, durch dessen kühle Beschirmung der Azulhimmel freundlich grüßte. Von Hitze war hier nichts zu spüren und das feuchtkalte Moos labte Heides erschöpfte Füße. Sie beschloß, einfach weiter die Klappe zu halten und lief stummlächelnd diesem erstaunlichen Herrn Schatz hinterher. Und gönnte sich vergnüglich ab und an einen heimlichen Blick auf die in einem betörend gleichmäßigem Rhythmus arbeitende und in blaue Jeans verpackte Kehrseite von Fried… ‚Friedhelm, Fred, Frieder, was weiß denn ich, wie du genannt werden willst…‘ dachte sie und ihr Lächeln wurde eine Nuance tiefer. ‚Schatz, der du mir plötzlich geworden bist!‘ „Wir sind gleich da, alles in Ordnung da hinten?“ blaute sich Friedhelms Stimme in ihre Betrachtungen und als sich Heides Blick stummnickend gen Waldboden senkte, prallte sie auch schon gegen diesen famosen Schatz…

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Farbstudiengeschichten

Drecksscheißherzchendennochheißschlagtanz

Herzdreck

Du denkst, dein Herz liegt tief im Dreck begraben? Muß gegen all den Müll anschlagen, der schwer und stinkend auf ihm ruht? Schreckst hoch, rasend vor Angst, im Dreck zu versinken. Mühsam, fast qualvoll fühlt es sich an, wenn es zu pulsen versucht. Und keine Putzkolonne weit und breit? Du brauchst sie nicht, die Drüberkehrer und Durchfeudler, du brauchst nur dich. Und Jack. Denke als erstes immer an Jack. Nein, nicht an den in der Flasche, das ist auch nur eine weitere Art von Dreck. Denk an den Käpt’n Jack, an den verrückten mit seinem triumphierend erhobenen Glas. Ja, dein Lächeln zeigt mir, du denkst an den richtigen Jack. Komm, sing einfach mit: „Ich hab‘ ein Glas voll Dreeck, ich hab ein Glas voll Dreeck!“ Wie schön dein Lächeln jetzt ist! Und deine Arme umschlingen deine Brust. Singe einfach weiter: „…und rat‘ mal, was da drin ist?“ Nun, das ist dein Glas voll Dreck, du bist dein Glas voll Dreck. Sei froh, dass du dich hast und unter all deinem gläsernen Sein dein Herz im Dreck. Spürst du, wie stark es für dich schlägt? Und nun schau mal genauer hin, ist das wirklich Dreck, der es in sich birgt? Sind deine Erfahrungen, deine Ängste und Kümmernisse wirklich Dreck? Oder einfach der Beweis, daß du ein fühlendes Menschenkind bist? Definiere einfach diesen Begriff noch mal neu, mein Freund. Dreck. Und dann singe es wieder:“ Ich hab‘ ein Glas voll Dreeck, ich hab‘ ein Glas voll Dreeck…“ Und spüre, wie dein Herz vor Leichtigkeit zu tanzen beginnt. Hier, ich reiche dir meine Hand. Was? Na klar ist die dreckig! Ich bin mir ja auch mein eigenes Glas voll Dreck!

Für M.

Blaupause- Frau Liebling lacht (Farbstudie I)

Blaucreme

Etwas ratlos blickte Heide ihrem derangierten Spiegelbild entgegen und dann auf das Stückchen Seife, das dunkelblaue Handtuch und die wohlvertraute runde Cremedose in ihren Händen. Emrah, ein rundfreundlicher Mann mit kohleschwarzen Augen hatte nach einem prüfenden, fast tadelndem Blick ihr die Sachen gereicht und sie in die kleine Toilette in seinem Lager geführt. Jetzt hörte sie die zwei Männer, die sich aus ihrer herzlichen Begrüßung ersichtlich sehr mochten, lautstark debattieren. Das verunsicherte sie dermaßen, daß sie den Wasserhahn aufdrehte und sich ein ums andere Mal kaltes Klarwasser in das Gesicht handgewölbt schöpfte. Ihre vollgebluteten Nylons hatte sie vorher von ihrem Daumen abgewickelt und kurz durchgewalkt. Der Schnitt war zum Glück nicht sehr tief, aber er teilte ihren Fingerabdruck fast mittig. Und fing wieder leicht an zu bluten. Sie trocknete ihn mit dem Klopapier und wickelte einige Lagen um den lädierten Finger. ‚Blumen und Schmetterlinge auf Toilettenpapier, was ist das eigentlich für ein Humbug.‘ dachte sie beim Anblick der zartblauen Applikationen. ‚Damits der Arsch schick hat, oder was…‘ Ein Lachen gluckste sich bei der Absurdität dieses Gedankenganges ihre Kehle hinauf. ‚Alles Scheiße, aber schick!‘ so der nächste, das Glucksen verstärkende Spruch, der sich in ihrem Kopf als mögliche Reklame manifestierte. Die Vorstellung der Gesichter der Businesskaspar in der Chefetage, denen sie bis heute Mittag noch die Ablage sortiert hatte; bei der Präsentation des neuesten Werbespruches für die Klopapierfirma „Happy End“ ließ sie schalllachend auf dem Klositz hintern. Sie lachte, bis vorsichtiges Klopfen und Fragen an der Tür sich nach ihr erkundigten: „Frau Liebling? Alles gut? Geht Ihnen gut?“ Herrn Emrahs besorgte Stimme ließ ihr Gelächter abklingen. „Danke, alles gut, ich bin gleich fertig!“ rief sie mit von weiteren Glucksern unterbrochener Stimme. Wusch sich nochmals das Gesicht, diesmal Lachtränenspuren beseitigend und cremte sich mit der nach Kindheit duftenden Weißcreme aus der blauen Dose das mittlerweile sehr strapazierte Gesicht ein. Wieder und wieder fuhren ihre Hände über die Konturen ihres Antlitzes, den rechten Daumen sorgsam abgepreizt. Dieses Ritual war schon immer ein beruhigendes für sie. Der abschließend prüfende Blick vermittelte Heide ein Gefühl von Sauberkeit, aber auch Nacktheit, welches sie so nur im heimischen Badezimmer zuließ und sogar genoß. Aber jetzt wartete hoffentlich noch immer Friedhelm auf sie. ‚Frieder, Fred, wie er wohl am liebsten benamst werden will?‘ Bei diesem Gedankengang hoben sich ihre Arme wie von selbst und lösten nacheinander die Haarnadeln, die ihren ohnehin mittlerweile sehr zerzausten Nackenknoten in seiner Form hielten. Ihr Langhaar legte sich zögerlich nur über ihre Schultern. Sie zerwuselte sich kopfüber die an strenge Zusammendrehung gewöhnte Haarpracht, bis diese bereit war, sich als Vorhang vor das nackte Gesicht zu senken. Sie schloß noch ordentlich die Knöpfe ihrer Bluse, atmete tief durch und verließ das kleine Kabuff. Friedhelm und Emrah standen noch immer im Lager, ein gut befüllter blau emaillierter Zinkeimer stand zwischen ihnen und Friedhelm blickte ihr erwartungsvoll entgegen. Sein Blaublick verdichtete sich zu einer Bergseefarbe und die Bewunderung kräuselte sich dunkelstrudelnd in seinen Pupillen…

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