bittemito

Monat: Juni, 2015

Blaupause- Frau Liebling tölpelt (Farbstudie I)

„Hey, Sie können ja Gedanken lesen!“ warmte sich die Blaustimme erneut in Heides Ohr. Der famose Herr Schatz hatte blitzschnell den Korb mit den Leckereien aus der Hand gleiten lassen und sie stützend umfasst. Verständnislos hob sie den Blick und die Lachfaltend in seinem verwegenen Antlitz vertieften sich bei der Antwort: „Ich habe mich gerade gefragt, wie es wohl so ist, Sie in den Armen zu halten.“ Heide fühlte einen Hauch von Hitze über ihr Gesicht gleiten und löste sich verlegen aus seinem sanften Griff. ‚Bloß gut, kannst du keine Gedanken lesen‘ lächelte sie vor sich hin, während er auch den Eimer mit den leise klirrendem Glaseisinhalt abstellte. Jetzt erst sah Heide die Schönheit dieses Fleckchens Erde: Unter leise raschelndem Hochgrün bildeten Sträucher kleine Dickichte, auf denen die Lichtreflexe tanzten, die durch die schwankenden Baumwipfel hindurch blauend blitzten. Ein Bachlauf querte die Moosastidylle, wand sich um kleine Felsen und staute sich ab und an vor umgestürzten Stämmen. Das Wasser schimmerte in allen Grüntönen bis in ein türkises Blau hinein. Jetzt konnte sie auch das Flüstern sich erklären, das sie immer näher zu rufen schien, während sie Herrn Schatz sinnierend gefolgt war. Und sie außerdem nun ihrer eigenen Dummheit gemahnte. Hatte sie doch die Toilette des freundlichen Herrn Emrahs ignoriert. Sollte sie jetzt hier… mitten im Wald? „Wenn Sie sich etwas frischmachen wollen, da gleich um den Felsen herum, da weitet sich der Bach zu einem kleinen Becken, da können Sie sogar bis zur Hüfte im Wasser stehen“ baritonte es sich wiedermal passend in ihr Gehadere. „Nehmen Sie Lady mit, die gibt acht auf Sie.“ Mit einem knappen Pfiff rief er das schöne Tier herbei, das die ganze Zeit in Augenkontakt mit ihnen durch den Wald gelaufen war. Schwanzwedelnd war Lady sofort an ihrer Seite und schien sie erwartungsvoll anzuschauen. Ohne weiter nachzudenken, folgte sie dem Bachlauf und der Hund sprang fröhlich voraus. „Ich tische derweilen mal auf, Sie müssen ja vor Hunger ganz knurrig sein.“ klang es ihr hinterdrein. ‚Wenn du von meinem Hunger wüßtest…‘ schoß es ihre durch den Sinn, was sie selbst erschrecken ließ. Der machte sie noch verrückt, dieser Mensch, der immer alles richtig zu machen schien. Und sie zum Glühen brachte. Oder war das noch die Stadthitze, die auf ihrer Haut Polka tanzte? Kurzentschlossen zog sie den marineblauen Rock aus und kletterte vorsichtig die glitschigen Steine hinab in das Naturbecken.

Blaubach

Tatsächlich reichte ihr das gänsehautmachend kalte Wasser bald bis zur Taille. Lady blieb auf den Moossteinen bei dem Rock liegen und äugte aufmerksam in alle Richtungen. ‚Waschzeit!‘ dachte Heide und zog sich auch die Bluse und den häßlichen, aber praktischen Sport-BH über die Schultern und wusch beides sorgsam durch. Gleiches geschah dem blauen Spitzenhöschen und mit einem Anflug von Scham pinkelte Heide sodann in das fließende Wasser. Hielt erschrocken inne, nein, das Wasser floß weiter weg von ihr und dem Platz, wo Fred auf sie wartete. Erleichterte sich weiter und summte schließlich leise beim Baden. ‚Beckenbodentraining, besser gehts nicht…‘ dachte sie und kicherte vergnügt bei der Vorstellung, diese Methode in der Muckibude vorzuschlagen. ‚Die rosa Fitnessmaus würde vermutlich vor Scham im Mattenboden versinken…‘ Heide fing übermütig an, im Wasser herumzuplantschen und ehe sie sichs versah, entglitten ihr Bluse und Unterwäsche und wurden vom Murmelbach weitergetragen. Sie hechtete nach ihren Sachen und bekam wenigstens das Höschen zu fassen. ‚Scheiße, was mache ich denn jetzt?!‘ Mit sich selbst schimpfend kletterte sie auf die Steine, zog das nasse Höschen an und hockte sich neben die blauschimmernde Lady. „Was ihr wohl langsam von mir Tölpel denken müßt, du und dein mich kirre machendes Herrchen!“ Der Hund antwortete mit seinem typischen einfachen Bellen und es dauerte nicht lange, da erklang die dunkelfragende Stimme des Kirremachers hinter ihr: „Alles in Ordnung? Etwas passiert?“ Heide schilderte leisstimmig ihr Mißgeschick und konnte einfach nicht anders: Das umwerfende Lachen von Fred steckte sie schließlich an. „Keine Sorge, meine Liebe,“ japste der nach einer Weile. „Zwar hätte ich nichts gegen ein barkleidiges Picknick einzuwenden, doch ich habe noch ein Leinenhemd dabei, ich wollte heute eh hierherkommen und mich erfrischen. Ich hole es Ihnen schnell aus dem Korb und springe dann ins Wasser. Ich ziehe einfach mein altes nochmal an.“ Mit diesen Worten verschwand er wieder und Heide blickte ihm dankbar nach. ‚Hat der eigentlich immer eine Lösung parat?‘ fragte sie sich und fand diesen verrückten Tag, an dem sie zum ersten Mal in ihrem Leben blau machte plötzlich ziemlich spannend…

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Farbstudiengeschichten

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Beinachtruhregennachrichttropfbericht

‚Klopf.‘ sagte der Regen nachmitternächtlich. ‚Klopf, klopf.‘ dann etwas nachdrücklicher. Die gleichmäßig bleibenden Athemzüge der Träumerin unterm Baldachin waren wohl nicht die erwartete Antwort auf sein Einlaßbegehr. ‚Klopf! Klopf! Klopf!‘ tönte er lauter und sein Bruder, der Wind, sprang ihm bei. Huschte in die Ahornblätter, die sich über die hängemattige Schlafstatt beugten und zauste sie ordentlich. ‚Wach auf, wach auf!‘ sachtraschelten diese daraufhin und der Regen versuchte sich in diesen Rhythmus einzutakten. ‚Klopfklopfklopf, wachaufwachauf.‘ sangen sie alsbald gemeinsam und ein wohliges Seufzen war zunächst die Antwort. Gespannt harrten Regen und Wind unter weiterem Gewarne der nächsten Reaktion. Und ihre Geduld wurde belohnt: Der Baldachin wurde zurückgeschlagen und Bruder Regen knallte einen Krachnassknutscher in das verschlafene Gesicht der Hängemattenbewohnerin. Das ließ sie aufspringen und hui, wie flugs konnte die auf einmal tanzen! Regen und Wind reihten sich in die Mazurka ein und beglitten die nun hellwache Dame bei ihrem Schlafstatt nach Drinnenbringgerenne! Was ein schabernackiger Spaß! Ein Klatschtropfen da, ein Huigewehe in das Verwuschelthaar dort und ab und an die Tiefhängzweige die nackten Schultern nasstropfig küssen lassen. Und kaum waren Bettzeug und Schlafmütze unterm rettenden Dach, ging der Spaß erst richtig los. Da wurde geprasselt und gehuit, es war ein Tosen und Toben und das vorherige vorsichtige Anklopfen ward zu einem wahren Trommelwirbel. Und die so sanft gewarnte Träumerin? Die saß staunend ob des Treibens auf der Türschwelle und lächelte.

Regen

Blaupause- Frau Liebling schweigt (Farbstudie I)

Mit einer geschmeidigen Bewegung zog Friedhelm sich den Hut vom Kopf und ergriff ihre Hand, um ihr einen ganz sanften Handkuss anzutragen. Mehr angedeutet, das Kribbeln auf ihrem Handrücken kam wohl eher von seinem in einem leisen Seufzer versteckten Ringen um Athem. Heide schien es, als wölle er ihre Hand gar nicht mehr loslassen. Selbst nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, hielt er sie warm und fest umfangen. Kurz ruhte sein warmer ehrlicher Blick in ihren Augen, dann ergriff er den Eimer, nickte Herrn Emrah kurz dankend zu und ging zum Volvo. Heide ging bereitwillig mit, fasziniert von der Situation und dem Inhalt des Emailleeimers. ‚Wie eine Kühltasche auf Waldläufer Art…‘ dachte sie und bestaunte das mit Eiswürfeln befüllte Gefäß. Aus den leise klirrenden Kristallklumpen ragte ein schlanker Flaschenhals mit einem blauen Metalldeckel und direkt daneben ein offenes Glas mit einer weißen Masse. „Schafskäse, aber der echte.“ erklärte Friedhelm. Er mußte ihren nachdenklichen Blick wahrgenommen haben. Und während er die Heckklappe des Volvos aufspringen ließ ergänzte er: „Schafskäse, Melone, viel Eiswasser, Brot und eine Heiltinktur der besonderen Art, nach einem fast erlittendem Hitzekollaps das beste Gegengift.“ Heides augenbrauigen Protest wegen des Hitzekollapses lächelte er erneut loalaaugenwinkelig weg: „Wer sagt denn, daß nur Sie fast vor Hitze kollabierten, meine Liebe?“ Mit diesen Worten stellte er den Eimer zu den anderen bereits in einem Korb gelagerten Köstlichkeiten im Kofferraum und ergänzte: „Nun aber los zum Flußlauf, ehe das Eis schon hier schmilzt.“ Heide überflutete eine erneute Rotwelle und sie ging schnell zum Beifahrersitz. Lady behauptete diesmal den Platz zu ihren immernoch schmutzstarrenden Füßen und Heide tätschelte sie dankbar für diese Ablenkung von der aufwellenden Hitze. Der Volvo schaukelte gemütlich aus dem verbauten Vorland, erklomm serpentinisch anmutende Straßen und fuhr in immer grüner überwölbte Seitenstraßen hinein. Heide hatte schon jedwede Orientierung verloren, wagte aber nicht nachzufragen. Lauschte stattdessen der schwarzkieseligen Stimme von Tom Waits, die nun aus den Lautsprechern rollte und in derem Takt sie über die Straßen zu gleiten schienen.

Still und konzentriert lenkte Friedhelm den Wagen, bis er an einer schmalen Wegverbreitung stoppte und fein lächend sagte: „Ab hier gibts nur noch Mooswege, meine Liebe.“ Bepackt mit den eingekauften Köstlichkeiten querten sie alsbald das hochstämmige Gründach, durch dessen kühle Beschirmung der Azulhimmel freundlich grüßte. Von Hitze war hier nichts zu spüren und das feuchtkalte Moos labte Heides erschöpfte Füße. Sie beschloß, einfach weiter die Klappe zu halten und lief stummlächelnd diesem erstaunlichen Herrn Schatz hinterher. Und gönnte sich vergnüglich ab und an einen heimlichen Blick auf die in einem betörend gleichmäßigem Rhythmus arbeitende und in blaue Jeans verpackte Kehrseite von Fried… ‚Friedhelm, Fred, Frieder, was weiß denn ich, wie du genannt werden willst…‘ dachte sie und ihr Lächeln wurde eine Nuance tiefer. ‚Schatz, der du mir plötzlich geworden bist!‘ „Wir sind gleich da, alles in Ordnung da hinten?“ blaute sich Friedhelms Stimme in ihre Betrachtungen und als sich Heides Blick stummnickend gen Waldboden senkte, prallte sie auch schon gegen diesen famosen Schatz…

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Drecksscheißherzchendennochheißschlagtanz

Herzdreck

Du denkst, dein Herz liegt tief im Dreck begraben? Muß gegen all den Müll anschlagen, der schwer und stinkend auf ihm ruht? Schreckst hoch, rasend vor Angst, im Dreck zu versinken. Mühsam, fast qualvoll fühlt es sich an, wenn es zu pulsen versucht. Und keine Putzkolonne weit und breit? Du brauchst sie nicht, die Drüberkehrer und Durchfeudler, du brauchst nur dich. Und Jack. Denke als erstes immer an Jack. Nein, nicht an den in der Flasche, das ist auch nur eine weitere Art von Dreck. Denk an den Käpt’n Jack, an den verrückten mit seinem triumphierend erhobenen Glas. Ja, dein Lächeln zeigt mir, du denkst an den richtigen Jack. Komm, sing einfach mit: „Ich hab‘ ein Glas voll Dreeck, ich hab ein Glas voll Dreeck!“ Wie schön dein Lächeln jetzt ist! Und deine Arme umschlingen deine Brust. Singe einfach weiter: „…und rat‘ mal, was da drin ist?“ Nun, das ist dein Glas voll Dreck, du bist dein Glas voll Dreck. Sei froh, dass du dich hast und unter all deinem gläsernen Sein dein Herz im Dreck. Spürst du, wie stark es für dich schlägt? Und nun schau mal genauer hin, ist das wirklich Dreck, der es in sich birgt? Sind deine Erfahrungen, deine Ängste und Kümmernisse wirklich Dreck? Oder einfach der Beweis, daß du ein fühlendes Menschenkind bist? Definiere einfach diesen Begriff noch mal neu, mein Freund. Dreck. Und dann singe es wieder:“ Ich hab‘ ein Glas voll Dreeck, ich hab‘ ein Glas voll Dreeck…“ Und spüre, wie dein Herz vor Leichtigkeit zu tanzen beginnt. Hier, ich reiche dir meine Hand. Was? Na klar ist die dreckig! Ich bin mir ja auch mein eigenes Glas voll Dreck!

Für M.

Blaupause- Frau Liebling lacht (Farbstudie I)

Blaucreme

Etwas ratlos blickte Heide ihrem derangierten Spiegelbild entgegen und dann auf das Stückchen Seife, das dunkelblaue Handtuch und die wohlvertraute runde Cremedose in ihren Händen. Emrah, ein rundfreundlicher Mann mit kohleschwarzen Augen hatte nach einem prüfenden, fast tadelndem Blick ihr die Sachen gereicht und sie in die kleine Toilette in seinem Lager geführt. Jetzt hörte sie die zwei Männer, die sich aus ihrer herzlichen Begrüßung ersichtlich sehr mochten, lautstark debattieren. Das verunsicherte sie dermaßen, daß sie den Wasserhahn aufdrehte und sich ein ums andere Mal kaltes Klarwasser in das Gesicht handgewölbt schöpfte. Ihre vollgebluteten Nylons hatte sie vorher von ihrem Daumen abgewickelt und kurz durchgewalkt. Der Schnitt war zum Glück nicht sehr tief, aber er teilte ihren Fingerabdruck fast mittig. Und fing wieder leicht an zu bluten. Sie trocknete ihn mit dem Klopapier und wickelte einige Lagen um den lädierten Finger. ‚Blumen und Schmetterlinge auf Toilettenpapier, was ist das eigentlich für ein Humbug.‘ dachte sie beim Anblick der zartblauen Applikationen. ‚Damits der Arsch schick hat, oder was…‘ Ein Lachen gluckste sich bei der Absurdität dieses Gedankenganges ihre Kehle hinauf. ‚Alles Scheiße, aber schick!‘ so der nächste, das Glucksen verstärkende Spruch, der sich in ihrem Kopf als mögliche Reklame manifestierte. Die Vorstellung der Gesichter der Businesskaspar in der Chefetage, denen sie bis heute Mittag noch die Ablage sortiert hatte; bei der Präsentation des neuesten Werbespruches für die Klopapierfirma „Happy End“ ließ sie schalllachend auf dem Klositz hintern. Sie lachte, bis vorsichtiges Klopfen und Fragen an der Tür sich nach ihr erkundigten: „Frau Liebling? Alles gut? Geht Ihnen gut?“ Herrn Emrahs besorgte Stimme ließ ihr Gelächter abklingen. „Danke, alles gut, ich bin gleich fertig!“ rief sie mit von weiteren Glucksern unterbrochener Stimme. Wusch sich nochmals das Gesicht, diesmal Lachtränenspuren beseitigend und cremte sich mit der nach Kindheit duftenden Weißcreme aus der blauen Dose das mittlerweile sehr strapazierte Gesicht ein. Wieder und wieder fuhren ihre Hände über die Konturen ihres Antlitzes, den rechten Daumen sorgsam abgepreizt. Dieses Ritual war schon immer ein beruhigendes für sie. Der abschließend prüfende Blick vermittelte Heide ein Gefühl von Sauberkeit, aber auch Nacktheit, welches sie so nur im heimischen Badezimmer zuließ und sogar genoß. Aber jetzt wartete hoffentlich noch immer Friedhelm auf sie. ‚Frieder, Fred, wie er wohl am liebsten benamst werden will?‘ Bei diesem Gedankengang hoben sich ihre Arme wie von selbst und lösten nacheinander die Haarnadeln, die ihren ohnehin mittlerweile sehr zerzausten Nackenknoten in seiner Form hielten. Ihr Langhaar legte sich zögerlich nur über ihre Schultern. Sie zerwuselte sich kopfüber die an strenge Zusammendrehung gewöhnte Haarpracht, bis diese bereit war, sich als Vorhang vor das nackte Gesicht zu senken. Sie schloß noch ordentlich die Knöpfe ihrer Bluse, atmete tief durch und verließ das kleine Kabuff. Friedhelm und Emrah standen noch immer im Lager, ein gut befüllter blau emaillierter Zinkeimer stand zwischen ihnen und Friedhelm blickte ihr erwartungsvoll entgegen. Sein Blaublick verdichtete sich zu einer Bergseefarbe und die Bewunderung kräuselte sich dunkelstrudelnd in seinen Pupillen…

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Blaupause- Frau Liebling lächelt (Farbstudie I)

Heide blieb stumm und auch Herr Schatz sagte kein Wort. Behutsam und sicher lenkte er den Wagen durch das mehrspurige Straßengewirr. Weitere ihr unbekannte, doch vertraut erscheinende Tonkaskaden tropften aus den Lautsprechern, angenehm in der Lautstärke und das Gefühl von Geborgenheit verstärkend. Kein Schaltratschen oder Aufheulen des Motors disharmonierten den sanften Fluss von Fahren, Schauen und Hören. Auch Lady schien diese ruhige Fahrt zu genießen, sie hatte sich auf dem Rücksitz ausgestreckt, wie Heide im Rückspiegel erkannte. Als ihr Blick sich wieder nach vorne ausrichtete, beaufmerksamte sie der rechte Arm von Friedhelm. Aus dem knapp über dem Ellbogen gekrempelten Ärmel des naturweißen Leinenhemdes bräunte sich ein in lockerer Anspannung gestraffter Starkarm hervor, umwerfend gevent und mit zartem Silberflaum auf dem Armrücken, welcher bei ihr einen unwillkürlichen Wunsch nach Anfassen aufkommen ließ. Sie erschrak vor diesem Anflug und richtete schnell ihren Blick nach vorne. ‚An was anderes denken, flugs…‘ befahl sie sich und ihr fiel ihre Freundin Candy ein. Candy aus Hamburg, diese wilde und weiche Wunderfrau, von der hatte Heide diesen Ausdruck zum ersten Mal gehört: gevente Arme. Hatte sie bis dato nur Verwunderung darüber empfunden, jetzt wußte sie, was damit gemeint war. Diese ganz eigene Schönheit eines agierenden Männerarmes, sich aufbäumend von Kraft und Sicherheit zeugend. „Danke Candy…“ murmelte sie und faßte im gleichen Moment den Entschluß, ihr Versprechen eines Besuches endlich umzusetzen. Eines ihrer Geschenke trug Heide schließlich als Erinnerung an ihrem Schlüsselbund immer bei sich.

Blauanker

„Versprochen, meine Süße…“. Das hatte Heide wohl etwas zu laut gemurmelt, sie spürte kurz den intensiven Blaublick von Friedhelm über ihr Gesicht fliegen. Und verkrampfte sich augenscheinlich. „Lächeln Sie ruhig weiter, egal warum, Sie sehen dabei so glücklich aus. Lächeln ist zudem die schönste und einfachste Form der Kommunikation zwischen uns Menschen. Zu einem wahren Lächeln gehören Entspannung und ehrliche Zugeneigtheit.“ Heide wandte ihr Gesicht zu der Fahrerseite, von der her diese Worte sie nun wieder tiefblau eingefärbt einhüllten. Konzentriert auf den Verkehr sprach er weiter, während die kleinen Fältchen in seinem Augenwinkel laolawellten: „Die meisten Menschen haben vergessen, daß man nur im Einklang mit den Augen wirklich lächeln kann. Sie verziehen angestrengt ihre Mundwinkel, einstudiertes Grinsen, falsch und voller Lüge…“ Intensiver blaute sich der Bariton, Heide meinte eine Beimischung von Rot herauszuhören, eine Verletzung, einen versteckten Schmerz vielleicht, aber sie konnte sich auch getäuscht haben, die nächsten Worte erreichten sie wieder in einer royalblauen Färbung: „Sie lächeln ehrlich, meine Liebe, das sieht man, selbst wenn Sie traurig sind.“ Heide spürte eine Wärme über ihre Wangen streichen und klappte fast verlegen die Sichtblende des Volvos herunter, um diese Aussage zu überprüfen. „Verdam…, ohjeh, wie sehe ich denn aus…!“ Sie schaute fassungslos auf ihr Antlitz, das ebenso fassungslos zurückstarrte: Verschmierte Wimperntusche, der blaue Lidschatten machte seinem Namen wahrlich alle Ehre, nur leider schattierte er mehr linienförmig ihre Augenwinkel und die rostbraunen Streifen auf Stirn und linker Wange… war das getrocknetes Blut?! Ihr Schnitt in den Daumen! Irgendwie mußte sie sich im Gesicht herumgewischt haben. ‚Scheiße…‘ dachte sie und schaute angestrengt aus dem Seitenfenster, nachdem sie knallend die Sichtblende zurückgeschlagen hatte. „Keine Sorge, wir machen gleich Halt bei meinem Freund Emrah, da können Sie sich frisch machen, während ich in seinem Kiosk Wasser, Obst und Käse einkaufe.“ Heides Blick blieb unlächend auf die vorbeiziehende Tristesse des in Konsumland umgebauten vorstädtischen Areals gerichtet. Sie versuchte sich auf die Hoffnung verheißenden Blauschilder der nun nicht mehr fernen Autobahn zu konzentrieren, statt dem flirrenden Farbwahn der Werbetafeln nachzugeben. Friedhelm baritonte unbeeindruckt weiter: „Wissen Sie, daß auch Hunde lächeln können?“ Heide rührte sich nicht. „My Blue Lady, zeig mal, magst du uns leiden?“ Heide spürte ein Stupsen an ihrem linken Schulterblatt und dann schob sich das blauschimmernde Gesicht der Hundedame zwischen die Vordersitze. Heide konnte nicht anders, sie wandte ihren Blick Lady zu. Deren Bernsteinaugen glommen in warmen Gold und tatsächlich schienen sich ihre Lefzen zu einem Lächeln aufzuschwingen. Und über den eleganten Hundekopf hinweg blickte sie in Friedhelms augenzwinkerndes Blaulächeln und konnte nicht anders: Sie lächelte zurück…

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Blaupause- Frau Liebling hört (Farbstudie I)

Als ob sie fürchtete, daß genau dieser Wunsch nach tiefem, angstlosem Fallen in ihren Augen für den Fremden zu erlesen wäre, senkte sie den Blick. ‚Verdammt!‘ dachte sie, während sie um Fassung ringend ihre rotbrennenden Kniee betrachtete. Und überlegte kurz, wem dieser Minifluch eigentlich nun galt. Ihren sonnenverbrannten Beinen oder diesem symphatisch unverschämten Kerl, der da einfach stehen blieb und sie weiterhin mit sicherwissenden Blicken bedachte. „Wenn Sie möchten, bringe ich Sie an eine stillverborgene Zuflucht, flußwärts gelegen und eigentlich nur mir und Lady vorbehalten.“ Zunächst registrierte Heide dankbar die Aufhellung dieser ihr so unter die Haut gehenden Stimme, doch als nächstes wellte sich pure Aggression durch ihren Körper. „Ja klar, heulendes Elend trifft edlen Ritter! Und was führt der wohl im Schilde…“ entfuhr es ihr anklagend. „Und woher kennen Sie eigentlich meinen Namen?! Und was machen Sie hier oben und verflucht nochmal, wieso haben Sie einen blauen Hund. Und überhaupt…“ Ihre Protest fiel in sich zusammen und mit ihm ihre vorhin neuerworbene Körperspannung. Wutrot barg sie ihr Gesicht in dem tröstlich riechenden Tuch. „Meine Liebe, entzornen Sie sich bitte. Ich will Ihnen ja Ihre Antworten geben. Sie gestatten?…“ Ohne wirklich ihre Zustimmung abzuwarten ließ der Dunkelstimmige sich neben Heide nieder. „Nun, Lady stammt aus einer texanischen Zucht und wurde ausselektiert. Zuviel Weißanteil in dem blauschimmernden Fell. Ich habe sie mit rüber gebracht, sie hatte mich auf einer Tötungsstation mit einem Bernsteinblick gefangen genommen. Wenn Sie wollen, erzähle ich mehr darüber, aber das bräuchte mehr Zeit und vor allem eine andere Kulisse. Und einen guten Tropfen, der die bitteren Teile dieser Erinnerung wegspült, ich denke, Sie wissen, was ich meine.“ Heide lauschte, ohne einen Mucks von sich zu geben und auch Lady, noch immer eng an ihrer Seite liegend, hob nur kurz den Kopf als ihr Name fiel. „Ich bin hier oben, weil ich Sie gesucht habe. Nach dem spektakulären Auftritt im Treppenhaus sind Sie barbeinig nach oben gehastet und dann waren Sie aus meinem Sichtfeld verschwunden.“ Heide hob den Kopf, um sich nochmals zu vergewissern, daß der seltsam vertraute Fremde nicht doch einer aus der Etage voller Businesskaspar von gegenüber… Nein, allein sein Habitus machte derlei Sinnen zunichte. Dieser redete sachtstimmig weiter, ohne auf ihren Tastblick zu achten: „Meinen Namen gab ich Ihnen bereits: Friedhelm Schatz. Ich bin hier der Hausmeister. Daher kenne ich auch Ihren Namen und Ihre Vorliebe für die Blaue Ebene. Übrigens parke ich auch immer da. Der hellblaue Volvo, das ist meiner.“ In Heides Gedankenchaos schob sich ein sie stets beruhigender Anblick, ein einsames hellblaues Altauto vor einer etwas dunkler gebläuten Wand. Beide von einer in sich ruhenden Beständigkeit, nur ganz früh für sie zu sehen oder spätabends, wenn die wieder unbezahlten Überstunden sie aus dem Bürosklaventum entließen. Doch die Stimme ließ keine weiteren Abschweifungen zu. „Ein Ritter, befürchten Sie sei ich? Keine Sorge, Nachtwächter wie ich tragen meist ihr Visier offen. Sonst sehen wir ja gar nichts mehr.“ Heide mußte unwillkürlich lächeln. „Schön sehen Sie aus mit diesem Hoffnungsschwung im Gesicht. Ich wiederhole mein Angebot gerne: Flüsterfluß, Schatten und endlich raus aus dem urbanen Gestank. Wollen sie?“ Heide betrachtete kurz ihre sonnenverbrannten, schmutzstarrenden Füße und beschloß, einfach mal auf diesen Nichtritter, aber Dochretter zu hören. Dochdachretter ergänzte sie kopfnickend und ließ sich dann auf ihre immernoch vom Prosecco wackeligen Beine helfen. Lady sprang auf und lief schwanzwedelnd voraus, Herr Schatz führte Heide am Arm hinterdrein, wegen ihrer Barfußigkeit sorgsam den schlimmsten Schmutz umgehend und so querten sie das Parkdeck und gelangten über die Abfahrtrampe in das kühlere blaugestrichene Deck. Der hellblaue Volvo stand mit dem Heck zur Wand, startbereit und Herr Schatz sagte mit unüberhörbarem Vergnügen in der Stimme: „Meine Damen, ich bitte einzusteigen, wir starten eine Fahrt ins Blaue.“ Die Tüte mit den Schuhen und dem Restchen Prosecco sowie Lady fanden ihren Platz auf dem Rücksitz und Heide ließ sich in den ausgesessen bequemen Beifahrersitz sinken. Mit einem satten Klang schlug die Tür des Volvos zu, Herr Schatz startete den Wagen und schaltete die Musikanlage ein. Unter seltsam vertrauten und doch gänzlich fremden Tönen nahm der Wagen Kurve für Kurve und fuhr dann sachte schaukelnd aus dem Parkhaus. Heide hörte still zu…

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Blaupause- Frau Liebling küßt (Farbstudie I)

Während Heide noch zwischen Erfassen und Verstehen des Gesagten schwankte, griff ihre unverletzte Hand nach dem Schnupftuch, als sei es ein blauweißgemusterter Rettungsring und hielt es an ihr tränennasses Gesicht. Ein zartherber und erdiger Duft, gemischt mit dem Geruch nach heißem Eisen und Maschinenöl und sogar Waldboden meinte sie wahrzunehmen; lag mit dem Tuch wie ein schützender Vorhang zwischen ihr und der mittlerweile unerträglich stinkenden Hitze des Parkdecks. Sie athmete tief durch diese olfaktorische Schutzhülle und mit diesem Athmen entwölbte sich ihr immernoch schmerzhaft gebeugter Rücken. Die Schulterblätter begradeten sich und kehrten zurück in ihre natürliche Einbettung, statt in der Pflicht zu verharren, sie müßten reißend Flügel gebären um diesem Ort zu entkommen. Sie streckte ihre Beine aus, das Kribbeln als seien sie von Ameisen bewohnt, ließ sie noch einmal tief seufzend Luft holen. „Alles in Ordnung, Frau Liebling?“ erkundigte sich der bis dato stumm wartende Bariton. ‚Scheiße, der kennt mich…‘ durchfuhr es Heide. Sie senkte das Tuch, um zu sehen, wer sich da so zweisinnig um sie hüllte. Tiefe Fältchen umlachten ein blaues Augenpaar, weißes Haar quoll unter dem Hut auf, Heide meinte einen Akubra zu erkennen und ein freundliches, interessiertes Lächeln tanzte wie in den Pupillen auch auf wirklich sinnlich zu nennenden Lippen. Weiße Bartstoppeln und eine kühne, gerade Nase ergänzten einen nahezu erleichternden Ersteindruck, denn sie hatte dieses Gesicht noch nie zuvor gesehen. „Gestatten Sie, Schatz…“ Heide hüpfte der Schalk, der bei diesen Worten in den Augen des Fremden aufblitzte geradewegs in den schmerzenden Nacken und sie kicherte leise, „Friedhelm Schatz, das ist mein Name und meine Freundin hier, die haben Sie ja schon kennengelernt. Lady, sag nochmal offiziell Guten Tag.“ Bei diesen Worten erhob sich der bis dahin zu seinen Füßen ruhende Hund und legte seine Pfote erneut auf Heides Bein. Die hatte inzwischen sowohl ihr verheultes Gesicht, als auch jede Scheu vor diesen zwei fremden Geschöpfen vergessen und hielt das weißblaue Tuch schoßwärts gesenkt. „Ich glaube, Lady möchte Sie auf ihre Art begrüßen, darf sie das?“ Heide nickte stumm und ehe sie wußte wie ihr geschah, schmiegte sich Ladys warmfeuchte Zunge einmal quer über ihr Gesicht. „Hey, so war das nicht gemeint,“ kicherte sie nur schwach protestierend und packte den Hund an seinem zu der außergewöhnlichen Fellfarbe passendem blaufacettigem Halsband. „Na warte, das kriegste zurück!“ Mit diesen Worten platzierte sie kurzentschlossen dem Tier einen herzhaften Kuss mittig zwischen die liegenden hellen Halbmonde über den Bernsteinaugen. „Wenn so Ihre Antwort auf eine Begrüßung der intimeren Art aussieht, möchte ich mich doch gerne nochmals vorstellen…“ baritonte es sich erneut in Heides Ohren. Und ihr schien es, als hätte sich der Stimme ein tiefes Blau beigemischt, dieses bestimmte Blau, das kurz vor dem Mariannengraben zu finden ist, bevor es sich in Schwarzblau verliert…

Blaupause- Frau Liebling seufzt

Blaupause- Frau Liebling geht

Blaupause- Frau Liebling flucht

Blaupause- Frau Liebling weint

Blaupause- Frau Liebling staunt

Blaumeisendraussenschlafmorgenschietgruss

Lautstarkes Gezwitscher und Durchdenahorngehusche weckt mich. Ich blinzele unter meinem Baldachin in den erwachenden Tag, erstes Insektengebrumm untermalt das Getue der Meisenflugschule und immer wieder kratzen kleine Vogelkrällchen über den metallnen Tisch neben meiner Draußenbettstatt. Es duftet nach Heu und zarten Wiesenblümchen, ich athme tief durch und zwinkere mir die Müdigkeit aus den Augenwinkeln. Fast überwältigt mich das Glücksgefühl dieses neuen Tages in seiner schlichten Perfektion. Wieder federraschelt es durch die Äste des Lieblingsahorns und plötzlich sitzt keine zwanzig Zentimeter über mir eine kleine Blaumeise auf dem Baldachin und beäugt mich munter. Ich schaue luftanhaltend zurück, sie hüpft nach links, nach rechts, piepst mir einen meisigen Gruß zu, hält kurz inne und kleckst einen weiteren, sehr persönlichen Gruß hinzu. Das Glücksgefühl macht sich kichernd in mir allgliederig breit und ich bringe durch mein unterdrücktes Glucksen die Hängematte zum Wackeln. Mit einem Ssssst ist die Meise weg und ich friemele die Schnappschußapparatur aus meiner Decke hervor, schlage den Baldachin zurück und lichte den Zauber dieses Morgens wenigstens augenblicklich ab.

Blaupause- Frau Liebling staunt (Farbstudie I)

Etwas feuchtkühles stupste sich in ihren Wirrtraum, doch nicht erschreckend sondern sanft fordend. Heide hob ihren müden Kopf und sah geradewegs in zwei bernsteinfarbene Pupillen, die ruhig und interessiert in die ihren schauten. Die dazugehörige Nase witterte behutsam und glänzte in tiefem Schwarzblau. Über den weiseblickenden Augen wölbten sich zwei fast identische liegende Halbmonde in einem Naturweiß, was einen bemerkenswerten Kontrast zu dem blauen Fell des Hundes ausmachte. Und den Effekt eines Vierauges in sich trug. ‚Moment,‘ durchzuckte Heide eine erst unbenennbare Irritation. ‚Irgendwas stimmt hier nicht. Bin ich immernoch in meinem hanebüchenen Traum, oder was?‘ Sie schloss ihre Augen, um dem Bannblick des Tieres zu entkommen und versuchte nachzudenken. Ein recht sinnloses Unterfangen, wie sie schleunigst erkannte. Öffnete ihre Augen wieder und da saß der Hund noch immer ruhig abwartend vor ihr. Bernsteinäugig und befellt in einem Blau, für das ihr zunächst jedwede Beschreibung fehlte. Ihre Pupillen wanderten rundstaunend über das Tier, dessen majestätische und gelassene Sitzhaltung ihren Athem beruhigte, der wegen der Farberkenntnis ins Stocken geraten war. Jetzt erkannte sie auch weitere helle Flecken, einer prangte fast herzförmig auf der gewölbten Brust und die Vorderpfoten waren auch komplett weiß. ‚ABC, der Hund, der lief im Schnee…‘ summte sie unbewußt das alte Kinderlied abändernd, was den Hund zum Aufspringen brachte. Im Sprung hob er seinen bemerkenswerten Kopf und bellte einmal hell und laut. Dann legte er eine seiner Vorderpfoten in den Winkel ihres Oberschenkels, ganz behutsam, Heide mußte lächeln, es erschien ihr wie eine Handreichung und gleichzeitige Inbesitzname; und wie zur weiteren Bestätigung dessen wedelte der Hund elegant mit seinem Schwanz. Langsam hob sie ihre Hand, stutzte kurz wegen des strumpfhosigen Verbandes, hielt dann doch ihre Rechte dem Tier zum Beschnuppern vor die Nase. Ein Schatten flog über die Bernsteinpupillen, als lauerte tief in ihnen ein Wissen um Schmerz und Blut und dann legte das erstaunliche Geschöpf sich in einer einzigen fließenden Bewegung neben sie, ohne die Pfote von ihrem Oberschenkel zu nehmen. ‚Wie schön du bist,‘ dachte Heide und die intensive Wahrnehmung ließ ihr erneut Augenwasser aufquellen. Sie senkte den Kopf auf ihre immer noch angewinkelten Kniee und spürte alsbald, wie sich Kleinstozeane an ihren Waden hinabperlten, aber diesmal war ihr Weinen nicht barmend, sondern friedlich fließend. „Ah, zum Glück hat Lady Sie gefunden!“ baritonte sich eine Stimme in ihr stummes Schauen. Erschrocken schaute sie auf. Auch der Hund sprang wieder auf und bellte noch einmal seinen hellen Laut. „Bravo, meine Blue Lacy Lady, bravo.“ Bei diesen Worten querte der Hund in dreivier geschmeidigen Sätzen das verdreckte Parkdeck und umschmeichelte eine imposante Gestalt. Gegen die Sonne anblinzelnd erkannte Heide nur die näherkommenden Umrisse: Hut, einen breitbeschulterten Oberkörper mit hochgekrempelten Ärmeln und einen Unterbau, der sie kurz an die eigentlichen Jeansträger erinnerte: Arbeiter, deren Beinkleider am Tagwerk sich zerrieben und nicht künstlich verblasst und zerfetzt wurden. In diese Gedanken schwenkten sich ein blauweiß kariertes Schnupftuch, welches einem kleinen Tischchen als Tafelschmuck gereicht hätte und erneute tieftimbrige Worte: „Zeihen Sie mich bitte nicht der Aufdringlichkeit, aber ich habe meine Lady extra vorausgeschickt, um Sie nicht zu brüskieren, ich ahnte die Zugeneigtheit zwischen ihnen beiden. Hier, ein Tuch für Ihre Tränen. Wissen Sie denn nicht, daß man am besten in Flußnähe weint? Wie lange sollen denn Ihre Tränen von hier oben bis zum Meer brauchen?“…

Von Anfang an:

Blaupause- Frau Liebling seufzt

Blaupause- Frau Liebling geht

Blaupause- Frau Liebling flucht

Blaupause- Frau Liebling weint