Blaupause- Frau Liebling seufzt (Farbstudie I)

von kaetheknobloch

Gewiss würde die Neige der ohnehin Billigfusel enthaltenen Blauflasche abgestanden sein. Nach einem ganzen Nachmittag in einem schaukelnden Auto in der Sommerhitze noch fader schmecken, als es der Discountprosecco eh tat. Auch wenn der himmelblaue Volvo die letzte Stunde einsam in der kühlen Abgeschiedenheit der obersten Etage des Parkhauses gestanden hatte, war es noch immer heiß im Wageninneren. Bezwinkert von dem Azullächeln des bis heute Mittag völlig Fremden setzte sie mit einem mehr als seeligen Lächeln die Flasche direkt an…

Noch mehr Kopien! Und diese E-Mail-Flut! Überall plingte und piepste es und diese Businesskasper mit ihren neumodischen Umschnallmikrophonen! Nie war Ruhe, nie ein freundliches Wort möglich. Die eiskalte Klimaanlagenluft verursachte ihr ein ständiges Geziep in den Haarwurzelspitzen, viel lieber hätte sie in der heißen Sommerluft geschwitzt. Ihre Lehrzeit fiel ihr ein, ein hohes lichtes Büro mit im Sommerwind sich blähenden Gardinen, die sachte auf dem Holzboden raschelten, Vogelgezwitscher in den Bäumen bildete einen inspirierenden Klanghimmel, dem die Tasten der Schreibmaschine den Rhythmus vorzugeben schienen. Das schmeichelzarte Blaupausenpapier, man mußte sich Zeit nehmen, sonst verrutschte es. Kaffeeduft durchzog die Räume… „Frau Liebling! Träumen Sie?“ Klatschend landete ein weiterer Stapel engbedruckten Papieres auf ihrem ohnehin überladenem Schreibtisch. „Hier, alles noch zu kontieren und dann in die Ablage!“ Den zur Stimme gehörenden Kollegen sah sie nur noch augenwinkelig zum nächsten Tisch eilen, ah, der Herr Schilling, der hatte sie letztens gegenüber einem Kollegen einen Lowperformer genannt. Sie hatte abends in ihrer Übersetzungshilfe nachgeschlagen und ihre Wut alsbald kichernd in das schöne Wörtlein ‚Businesskasper‘ hineinfließen lassen. Wut nutzte nichts, manifestierte sich nur als Klumpen im Leib und davon hatte sie wahrlich genug zu verdauen gehabt im Laufe des Lebens. Apropos, verdauen, einen Kaffee würde sie sich doch wohl noch genehmigen dürfen, bevor sie den neuen Stapel an Ödzahlenpapier in Angriff nahm. Seufzend erhob sie sich und stöckelte Richtung Büroküche. Natürlich nicht ohne den marineblauen Rock glattgestrichen zu haben, daß Blicke ihr folgen würden, das wußte sie ja. Nicht, weil ihr Anblick so ergeilend war, sondern aus Gewohnheit. Die ganze scheinheilige Bande wartete doch nur auf irgendeinen Ausbruch aus dem gewohnten Hamsterrad, eine Falte auf dem hinterseitigen Rock wäre schon ein Getuschel wert, ein Fleck einen Bürotornado. Nochmal seufzend registrierte sie rückwärtiges Schweigen und ununterbrochenes Sirren und Piepen der modernen Sklavenaufseher, wie sie die mit Kameras und Mikros ausgestatteten Computer nannte. Glück gehabt! In der Miniküche räumte sie erstmal die angeschmodderten Tassen in die Spüle, legte eine von diesen eigentlich unerträglichen Kapseln in die neumodische Maschine, die sie still als Plörrenknecht bezeichnete und stellte ihre zartblaugemusterte Porzellantasse in die Plastikapparatur. Niemand benutzte die sonst, es passte wohl zuwenig von dem Presskaffee hinein. Alle anderen hatten dicke Humpen für die gefärbte Brühe, die aus diesen komischen Kapseln entstand. Schon wieder seufzend öffnete sie die Tür des Minikühlschrankes, um die stehengebliebene Milchtüte eines ihrer Kollegen einzuräumen, da fing sich ihr Blick an einer tiefblauen Glasflasche mit silberschimmerndem Etikett…

Blaupause

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