Blaupause- Frau Liebling geht (Farbstudie I)

von kaetheknobloch

Kurz überlegte sie, wie lange dieser Möchtegernperlwein schon hier rumstand, ja, ob er überhaupt noch genießbar war und als ob diese Frage dringend endgültiger Klärung bedurfte nahm sie die Blauflasche in die Hand. ‚Blaues Glas, wozu soll das eigentlich gut sein. Blau ist die Treue und für mich im Grunde die Farbe meiner Sehnsüchte. Strahlender Blauhimmel, das ewige Meer, die lieblichen Vergißmeinnicht und Kornblumen…‘ in ihr Sinnen knallte sich die Kollegin aus dem Sekretariat türschlagend rein. „Ach, Sie machen Kaffee, Frau Liebling?! Dann machenSe mal ihrem Namen alle Ehre und lassenSe fix liebevoll drei Ekspressos, zwei Latten und fünf Caputschinis raus. Und bitte ein Tablett süßen Knabberkram bereitstellen, die Besprechung wird ’ne Weile dauern!“ Auf Heides stillsanften Hinweis, daß die Keksdose ja offensichtlich leer zwischen dem ganzen Verpackungsmüll auf der Anrichte stand, erfolgte nach kurzem Augenbrauenrunzeln der schnippische Rat den nächstgelegenen Supermarkt aufzusuchen. Sie wisse dort ja bestens Bescheid flötete die Schmallippenzippe mit Blick auf den Prosecco in Heides Hand. Das süffisante Grinsen der Tastaturtussi war selbst für eine personifizierte Sanftmut wie Heide zuviel. Stumm wandte sie sich ab und suchte Augentrost in dem zartblauen Blümchenmuster auf ihrer eigenen Kaffeetasse. Diese Schnepfe sollte sie nicht augenwassernd sehen. Als ob das nötig gewesen wäre. Das Türenknallen in ihrem Rücken kündete vom Abgang der Zwischenablagerungszecke. Und mit dem Lächeln ob dieser Benamsung straffte sich ihr Demutsrücken, sie ließ ihren ohnehin lauwarmen Kaffeeersatz stehen und drehte mit einer schnellen Handbewegung den Verschluß des Kaltgetränks auf. Ein Griff in den Schrank, das zuerst sich anbietende Senfglas diente als Glas für die Prickelbrause und… hicks, ihgitt, was für eine fürchterliche Plörre! Wie zur Bestätigung dieser Erkenntnis entließ ihre Kehle einen donnernden, fast schmerzhaften Rülpser, der sie dann so sehr zum Lachen brachte, daß sie Schluckauf bekam. Eine Weile schwankte sie zwischen schamhaftem Mundzuhalten und absichtlichem Neuaufstoßen, hervorgerufen durch erneutes Nippen an dem Glasersatz. Und während sie so mit sich und dem Prosecco kämpfte, fiel ihr Blick auf das längst abgelaufende Kalenderbild mit dem Abdruck der Blauen Mauritius. ‚Verdammtnochmal, ich bin doch auch was ganz besonderes, auch wenn ich selten blau bin,‘ dachte sie und kicherte erneut. ‚Aber dem kann man ja abhelfen!‘ Sie griff zu einer der rumliegenden Supermarkttüten und stopfte den angefangenen Prosecco und das inzwischen leere Senfglas hinein. Kurz zögerte Heide noch, doch dann nahm sie einen der rumliegenden Textmarker und alsbald blauprangte auf dem leeren Tablett: Keine Espressi und keine Cappuccino heute für die Herren! Und für Ihre Latten müssen Sie schon auch selber sorgen… Dann tat sie es zum ersten Male in all den Jahren ihrer Kollegin nach und warf die Büroküchentür schwungvoll hinter sich zu. Verwunderte Blicke folgten ihrem striktem Gang Richtung Ausgang und einige eilten zum Fenster, wo sie kurze Zeit später noch verwunderter Frau Lieblings stolze Straßenquerung beobachten konnten. Fast triumphierend schwenkte diese eine blaugestreifte Supermarkttüte, brachte damit Autos reifenquietschend zum Stehen und strebte dann weiter in Richtung Parkhaus…

Eigentlich als Einzeltext gedacht, entstand justamente eine gedankliche Weiterführung der Blaupause. Tja, wenns läuft, läufts! Oder geht, wie es hier besser passt. Jetzt muß Frau Liebling nur noch kommen…

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