Blaupause- Frau Liebling weint (Farbstudie I)

von kaetheknobloch

Nur kurz blickte Heide über die stummen Dächer, unter denen sie verlogenes Gesäusel und falsche Schwüre wahrzunehmen meinte. Drehte der Stadt den Rücken zu und ließ sich am Geländer rückseits nieder. Kein Autobesitzer hatte seinen Wagen heute in dieser Hitze hier oben hingestellt und die Jugendlichen kamen erst mit der Dämmerung herauf. ‚Auch so eine urbane Verirrung…‘ dachte sie beim Anblick der Fastfoodverpackungen und leeren Plastikflaschen, die auf dem ganzen Parkdeck herumlagen. Ein schlapper blauer Luftballon ließ sich vom Schwachwind über den verdreckten Boden schleppen, als suche er nach einer Starthilfe, die er aber auch bei der Redbulldose nicht fand. ‚Scheißwerbeversprechen, von wegen Flügelverleih…‘ bitter fast klang jetzt ihr versuchtes Lachen. Kamen die abends hierauf, um dem Brodem der Stadt zu entgehen? Und trugen doch selber genau zu dieser Vermüllung bei. Und Verstänkerung, wie Heide nach einem Blick rechtseits feststellte. Getrocknete Pissflecken und Dreckpapierhaufen, was die bedeckten wagte sie nicht mal ansatzweise zu erahnen. Und wieder war ein tiefer Seufzer alles, was ihre Kehle verließ. Eine verdammich trockene Kehle. Heide wühlte in der Blautüte nach der Proseccoflasche und dem Glas. „Scheißendreckskackenmist!“ entfuhr ihr, als ein scharfer Schmerz in ihren Daumen fuhr. Das Senfglas hatte die etwas rüde Behandlung vorhin auf der Treppe wohl übelgenommen, als Heide fuchtelnd ihr Gezetere beglitt und war zerbrochen. Leise weiterfluchend wickelte sie sich ihre Nylons um den malträtierten Finger und hatte nun einen mehr als imposanten Daumen. „Gefällt mir nicht! Ganz und gar nicht.“ murmelte sie vor sich hin, drehte den Daumen demonstrativ nach unten und hob etwas unbeholfen die Blauflasche linkshändig an. Ihre Körperspannung verließ sie endgültig nach dem dritten tiefen Schluck der inzwischen nicht mehr kühlerfrischenden Prickelbrause. Sie sackte noch weiter nach unten, bis ihre Kniee sich aneinander haltsuchend anlehnten, ihr Kostümrock wanderte dadurch knautschend hoch gen Schenkel, bis nur noch eine Handspanne ihrer Beine bedeckt war. ‚Knöchel, Wade, Knie, Handspann…‘ fiel ihr unvermittelt bei dieser Wahrnehmung das alte Kinderspiel ein. Hüfte, das wäre die nächste Stufe gewesen. Niemand konnte so gut gummitwisten wie sie, ihre Beine waren schon als Kind nicht besonders lang, aber sowas von sprungbereit. Doch nur einmal ließ sie zu, daß ihr Flatterrock unfreiwillig bis zur Hüfte sich hob. Und das war nicht beim Gummitwisten. ‚Seite, Seite, Mitte, Breite, – Seite, Seite, Mitte, Raus…‘ bei diesem Singsang, der sich nun mit einem neuerlichen Schluck Prosecco regelrecht in ihr Innerstes spülte, quollen lange zurückgehaltene Tränen auf. Ihre Schulterblätter barmten sich himmelwärts und der Nacken wölbte sich haltsuchend. Bald sackte ihr von Hitze und Alkohol benebelter Kopf auf die gekreuzten Unterarme, die Knie blieben fest zusammengepresst und die herausgerutschte weiße Bluse legte sich reintröstlich über die durch diese Haltung freizügig präsentierte blaue Spitze in ihrem Schoß…

Von Anfang an:

Blaupause- Frau Liebling seufzt

Blaupause- Frau Liebling geht

Blaupause- Frau Liebling flucht

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