Blaupause- Frau Liebling staunt (Farbstudie I)

von kaetheknobloch

Etwas feuchtkühles stupste sich in ihren Wirrtraum, doch nicht erschreckend sondern sanft fordend. Heide hob ihren müden Kopf und sah geradewegs in zwei bernsteinfarbene Pupillen, die ruhig und interessiert in die ihren schauten. Die dazugehörige Nase witterte behutsam und glänzte in tiefem Schwarzblau. Über den weiseblickenden Augen wölbten sich zwei fast identische liegende Halbmonde in einem Naturweiß, was einen bemerkenswerten Kontrast zu dem blauen Fell des Hundes ausmachte. Und den Effekt eines Vierauges in sich trug. ‚Moment,‘ durchzuckte Heide eine erst unbenennbare Irritation. ‚Irgendwas stimmt hier nicht. Bin ich immernoch in meinem hanebüchenen Traum, oder was?‘ Sie schloss ihre Augen, um dem Bannblick des Tieres zu entkommen und versuchte nachzudenken. Ein recht sinnloses Unterfangen, wie sie schleunigst erkannte. Öffnete ihre Augen wieder und da saß der Hund noch immer ruhig abwartend vor ihr. Bernsteinäugig und befellt in einem Blau, für das ihr zunächst jedwede Beschreibung fehlte. Ihre Pupillen wanderten rundstaunend über das Tier, dessen majestätische und gelassene Sitzhaltung ihren Athem beruhigte, der wegen der Farberkenntnis ins Stocken geraten war. Jetzt erkannte sie auch weitere helle Flecken, einer prangte fast herzförmig auf der gewölbten Brust und die Vorderpfoten waren auch komplett weiß. ‚ABC, der Hund, der lief im Schnee…‘ summte sie unbewußt das alte Kinderlied abändernd, was den Hund zum Aufspringen brachte. Im Sprung hob er seinen bemerkenswerten Kopf und bellte einmal hell und laut. Dann legte er eine seiner Vorderpfoten in den Winkel ihres Oberschenkels, ganz behutsam, Heide mußte lächeln, es erschien ihr wie eine Handreichung und gleichzeitige Inbesitzname; und wie zur weiteren Bestätigung dessen wedelte der Hund elegant mit seinem Schwanz. Langsam hob sie ihre Hand, stutzte kurz wegen des strumpfhosigen Verbandes, hielt dann doch ihre Rechte dem Tier zum Beschnuppern vor die Nase. Ein Schatten flog über die Bernsteinpupillen, als lauerte tief in ihnen ein Wissen um Schmerz und Blut und dann legte das erstaunliche Geschöpf sich in einer einzigen fließenden Bewegung neben sie, ohne die Pfote von ihrem Oberschenkel zu nehmen. ‚Wie schön du bist,‘ dachte Heide und die intensive Wahrnehmung ließ ihr erneut Augenwasser aufquellen. Sie senkte den Kopf auf ihre immer noch angewinkelten Kniee und spürte alsbald, wie sich Kleinstozeane an ihren Waden hinabperlten, aber diesmal war ihr Weinen nicht barmend, sondern friedlich fließend. „Ah, zum Glück hat Lady Sie gefunden!“ baritonte sich eine Stimme in ihr stummes Schauen. Erschrocken schaute sie auf. Auch der Hund sprang wieder auf und bellte noch einmal seinen hellen Laut. „Bravo, meine Blue Lacy Lady, bravo.“ Bei diesen Worten querte der Hund in dreivier geschmeidigen Sätzen das verdreckte Parkdeck und umschmeichelte eine imposante Gestalt. Gegen die Sonne anblinzelnd erkannte Heide nur die näherkommenden Umrisse: Hut, einen breitbeschulterten Oberkörper mit hochgekrempelten Ärmeln und einen Unterbau, der sie kurz an die eigentlichen Jeansträger erinnerte: Arbeiter, deren Beinkleider am Tagwerk sich zerrieben und nicht künstlich verblasst und zerfetzt wurden. In diese Gedanken schwenkten sich ein blauweiß kariertes Schnupftuch, welches einem kleinen Tischchen als Tafelschmuck gereicht hätte und erneute tieftimbrige Worte: „Zeihen Sie mich bitte nicht der Aufdringlichkeit, aber ich habe meine Lady extra vorausgeschickt, um Sie nicht zu brüskieren, ich ahnte die Zugeneigtheit zwischen ihnen beiden. Hier, ein Tuch für Ihre Tränen. Wissen Sie denn nicht, daß man am besten in Flußnähe weint? Wie lange sollen denn Ihre Tränen von hier oben bis zum Meer brauchen?“…

Von Anfang an:

Blaupause- Frau Liebling seufzt

Blaupause- Frau Liebling geht

Blaupause- Frau Liebling flucht

Blaupause- Frau Liebling weint

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