Blaupause- Frau Liebling küßt (Farbstudie I)

von kaetheknobloch

Während Heide noch zwischen Erfassen und Verstehen des Gesagten schwankte, griff ihre unverletzte Hand nach dem Schnupftuch, als sei es ein blauweißgemusterter Rettungsring und hielt es an ihr tränennasses Gesicht. Ein zartherber und erdiger Duft, gemischt mit dem Geruch nach heißem Eisen und Maschinenöl und sogar Waldboden meinte sie wahrzunehmen; lag mit dem Tuch wie ein schützender Vorhang zwischen ihr und der mittlerweile unerträglich stinkenden Hitze des Parkdecks. Sie athmete tief durch diese olfaktorische Schutzhülle und mit diesem Athmen entwölbte sich ihr immernoch schmerzhaft gebeugter Rücken. Die Schulterblätter begradeten sich und kehrten zurück in ihre natürliche Einbettung, statt in der Pflicht zu verharren, sie müßten reißend Flügel gebären um diesem Ort zu entkommen. Sie streckte ihre Beine aus, das Kribbeln als seien sie von Ameisen bewohnt, ließ sie noch einmal tief seufzend Luft holen. „Alles in Ordnung, Frau Liebling?“ erkundigte sich der bis dato stumm wartende Bariton. ‚Scheiße, der kennt mich…‘ durchfuhr es Heide. Sie senkte das Tuch, um zu sehen, wer sich da so zweisinnig um sie hüllte. Tiefe Fältchen umlachten ein blaues Augenpaar, weißes Haar quoll unter dem Hut auf, Heide meinte einen Akubra zu erkennen und ein freundliches, interessiertes Lächeln tanzte wie in den Pupillen auch auf wirklich sinnlich zu nennenden Lippen. Weiße Bartstoppeln und eine kühne, gerade Nase ergänzten einen nahezu erleichternden Ersteindruck, denn sie hatte dieses Gesicht noch nie zuvor gesehen. „Gestatten Sie, Schatz…“ Heide hüpfte der Schalk, der bei diesen Worten in den Augen des Fremden aufblitzte geradewegs in den schmerzenden Nacken und sie kicherte leise, „Friedhelm Schatz, das ist mein Name und meine Freundin hier, die haben Sie ja schon kennengelernt. Lady, sag nochmal offiziell Guten Tag.“ Bei diesen Worten erhob sich der bis dahin zu seinen Füßen ruhende Hund und legte seine Pfote erneut auf Heides Bein. Die hatte inzwischen sowohl ihr verheultes Gesicht, als auch jede Scheu vor diesen zwei fremden Geschöpfen vergessen und hielt das weißblaue Tuch schoßwärts gesenkt. „Ich glaube, Lady möchte Sie auf ihre Art begrüßen, darf sie das?“ Heide nickte stumm und ehe sie wußte wie ihr geschah, schmiegte sich Ladys warmfeuchte Zunge einmal quer über ihr Gesicht. „Hey, so war das nicht gemeint,“ kicherte sie nur schwach protestierend und packte den Hund an seinem zu der außergewöhnlichen Fellfarbe passendem blaufacettigem Halsband. „Na warte, das kriegste zurück!“ Mit diesen Worten platzierte sie kurzentschlossen dem Tier einen herzhaften Kuss mittig zwischen die liegenden hellen Halbmonde über den Bernsteinaugen. „Wenn so Ihre Antwort auf eine Begrüßung der intimeren Art aussieht, möchte ich mich doch gerne nochmals vorstellen…“ baritonte es sich erneut in Heides Ohren. Und ihr schien es, als hätte sich der Stimme ein tiefes Blau beigemischt, dieses bestimmte Blau, das kurz vor dem Mariannengraben zu finden ist, bevor es sich in Schwarzblau verliert…

Blaupause- Frau Liebling seufzt

Blaupause- Frau Liebling geht

Blaupause- Frau Liebling flucht

Blaupause- Frau Liebling weint

Blaupause- Frau Liebling staunt

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