Blaupause- Frau Liebling lächelt (Farbstudie I)

von kaetheknobloch

Heide blieb stumm und auch Herr Schatz sagte kein Wort. Behutsam und sicher lenkte er den Wagen durch das mehrspurige Straßengewirr. Weitere ihr unbekannte, doch vertraut erscheinende Tonkaskaden tropften aus den Lautsprechern, angenehm in der Lautstärke und das Gefühl von Geborgenheit verstärkend. Kein Schaltratschen oder Aufheulen des Motors disharmonierten den sanften Fluss von Fahren, Schauen und Hören. Auch Lady schien diese ruhige Fahrt zu genießen, sie hatte sich auf dem Rücksitz ausgestreckt, wie Heide im Rückspiegel erkannte. Als ihr Blick sich wieder nach vorne ausrichtete, beaufmerksamte sie der rechte Arm von Friedhelm. Aus dem knapp über dem Ellbogen gekrempelten Ärmel des naturweißen Leinenhemdes bräunte sich ein in lockerer Anspannung gestraffter Starkarm hervor, umwerfend gevent und mit zartem Silberflaum auf dem Armrücken, welcher bei ihr einen unwillkürlichen Wunsch nach Anfassen aufkommen ließ. Sie erschrak vor diesem Anflug und richtete schnell ihren Blick nach vorne. ‚An was anderes denken, flugs…‘ befahl sie sich und ihr fiel ihre Freundin Candy ein. Candy aus Hamburg, diese wilde und weiche Wunderfrau, von der hatte Heide diesen Ausdruck zum ersten Mal gehört: gevente Arme. Hatte sie bis dato nur Verwunderung darüber empfunden, jetzt wußte sie, was damit gemeint war. Diese ganz eigene Schönheit eines agierenden Männerarmes, sich aufbäumend von Kraft und Sicherheit zeugend. „Danke Candy…“ murmelte sie und faßte im gleichen Moment den Entschluß, ihr Versprechen eines Besuches endlich umzusetzen. Eines ihrer Geschenke trug Heide schließlich als Erinnerung an ihrem Schlüsselbund immer bei sich.

Blauanker

„Versprochen, meine Süße…“. Das hatte Heide wohl etwas zu laut gemurmelt, sie spürte kurz den intensiven Blaublick von Friedhelm über ihr Gesicht fliegen. Und verkrampfte sich augenscheinlich. „Lächeln Sie ruhig weiter, egal warum, Sie sehen dabei so glücklich aus. Lächeln ist zudem die schönste und einfachste Form der Kommunikation zwischen uns Menschen. Zu einem wahren Lächeln gehören Entspannung und ehrliche Zugeneigtheit.“ Heide wandte ihr Gesicht zu der Fahrerseite, von der her diese Worte sie nun wieder tiefblau eingefärbt einhüllten. Konzentriert auf den Verkehr sprach er weiter, während die kleinen Fältchen in seinem Augenwinkel laolawellten: „Die meisten Menschen haben vergessen, daß man nur im Einklang mit den Augen wirklich lächeln kann. Sie verziehen angestrengt ihre Mundwinkel, einstudiertes Grinsen, falsch und voller Lüge…“ Intensiver blaute sich der Bariton, Heide meinte eine Beimischung von Rot herauszuhören, eine Verletzung, einen versteckten Schmerz vielleicht, aber sie konnte sich auch getäuscht haben, die nächsten Worte erreichten sie wieder in einer royalblauen Färbung: „Sie lächeln ehrlich, meine Liebe, das sieht man, selbst wenn Sie traurig sind.“ Heide spürte eine Wärme über ihre Wangen streichen und klappte fast verlegen die Sichtblende des Volvos herunter, um diese Aussage zu überprüfen. „Verdam…, ohjeh, wie sehe ich denn aus…!“ Sie schaute fassungslos auf ihr Antlitz, das ebenso fassungslos zurückstarrte: Verschmierte Wimperntusche, der blaue Lidschatten machte seinem Namen wahrlich alle Ehre, nur leider schattierte er mehr linienförmig ihre Augenwinkel und die rostbraunen Streifen auf Stirn und linker Wange… war das getrocknetes Blut?! Ihr Schnitt in den Daumen! Irgendwie mußte sie sich im Gesicht herumgewischt haben. ‚Scheiße…‘ dachte sie und schaute angestrengt aus dem Seitenfenster, nachdem sie knallend die Sichtblende zurückgeschlagen hatte. „Keine Sorge, wir machen gleich Halt bei meinem Freund Emrah, da können Sie sich frisch machen, während ich in seinem Kiosk Wasser, Obst und Käse einkaufe.“ Heides Blick blieb unlächend auf die vorbeiziehende Tristesse des in Konsumland umgebauten vorstädtischen Areals gerichtet. Sie versuchte sich auf die Hoffnung verheißenden Blauschilder der nun nicht mehr fernen Autobahn zu konzentrieren, statt dem flirrenden Farbwahn der Werbetafeln nachzugeben. Friedhelm baritonte unbeeindruckt weiter: „Wissen Sie, daß auch Hunde lächeln können?“ Heide rührte sich nicht. „My Blue Lady, zeig mal, magst du uns leiden?“ Heide spürte ein Stupsen an ihrem linken Schulterblatt und dann schob sich das blauschimmernde Gesicht der Hundedame zwischen die Vordersitze. Heide konnte nicht anders, sie wandte ihren Blick Lady zu. Deren Bernsteinaugen glommen in warmen Gold und tatsächlich schienen sich ihre Lefzen zu einem Lächeln aufzuschwingen. Und über den eleganten Hundekopf hinweg blickte sie in Friedhelms augenzwinkerndes Blaulächeln und konnte nicht anders: Sie lächelte zurück…

Die ganze Geschichte findet sich hier

Farbstudiengeschichten

Advertisements