bittemito

Monat: Juli, 2015

Blaupause- Frau Liebling fragt (Farbstudie I)

Diesmal blieben die Boxen des Volvos stumm. Heide lenkte den Wagen zurück in Richtung Innenstadt, im Rückspiegel flackerte der neonblaue Schriftzug auf:

⇒⇒⇒  To    Diner  ⇐⇐⇐

Das Zeichen, daß Tom’s Diner nun seine Türen öffnete. Offiziell öffnete. Wie oft hatte sie Tom schon in den Ohren gelegen, das Werbeschild zu reparieren. Irgendwelche Idioten hatten den Schriftzug mit Steinen beworfen, doch Tom hatte in seiner unerschütterlichen Art verkündet: „Wurscht, ob da Tom’s Diner oder To Diner steht, Hauptsache die Leute bekommen etwas vernünftiges zu essen! Bastapasta! Und ganz in der Not gibts die Hintertüre.“ Und genau so war es auch, die Anschreibtafel von Tom hinter der Theke war immer vollgekritzelt. Genau wie die Tür zu seinem Hinterzimmer. Nur daß da Dankesworte standen statt Euroschulden.

Heute war ein neuer Blauaufweißgruß hinzugekommen: Danke, Du hast einige Hausmeisterdienste gut bei mir! Fred mit Lady. Heide hatte hinterhofig geschellt und sofort nach dem Türöffnen und einem Blick auf den Hund in Freds Armen hatte Tom die Führung übernommen. Jetzt lag die wunderschöne Blue Lady leicht sediert, aber kugelfrei im Hinterzimmer auf einer Pritsche, Freds Gesichtsfarbe gesundete sich langsam dank des gereichten Wacholderschnapses und Heide staunte einmal mehr über Tom. Oft genug war sie Zeuge geworden, wie dieser stämmige Mann mit den Pianistenfingern seine nie hinterfragenden Wohltaten vollbrachte, sei es am Herd oder wie eben in seinem heimlichen Behandlungszimmer. Vermochte sogar noch, sie mit Fred zurückzuschicken, um den Volvo abzustellen. „Ihr müßt aber wiederkommen, ich habe hier ein Chili am köcheln, das bringt euch endgültig ins Leben zurück. Außerdem wartet die blaue Lady. Und ausreichend Wacholder, um Dir Fred auszuspannen…“ zwinkerte er in Heides Richtung, sein freundschaftlicher Blick wanderte anerkennend an Heides spärlich bekleidetem Anblick hinab.

‚Scheißerle‘ lächelte Heide und steuerte den Wagen inzwischen in Richtung Parkhaus. In ihr Lächeln dräute sich die dunkelverbläute Stimme von Fred, der die ganze Zeit stumm aus dem Seitenfenster geblickt hatte. „Woher wußten Sie, daß ich mit Lady nicht zu einen zugelassenen Tierarzt  konnte?“ „Das wußte ich nicht, aber Tom war mein erster Gedanke. Er hat schon etlichen Tieren geholfen, ich war ein paarmal quasi seine Arzthelferin, wenn ich eigentlich nur was essen wollte. Warum hätte Ihnen denn ein richtiger Viehdoktor die Hilfe versagt?“

Als hätte sie mit dieser Frage ein lange verrostetes Ventil geöffnet, sprudelten anklagende und sogar zornigknirschende Worte aus Fred heraus. Worte über Abrichtungsmethoden und Selektion. Worte über das Scharfmachen von zu gutmütig erscheinenden Tieren und Worte über Gruben, in die Tiere einfach zum Verdursten hineingeworfen wurden. Worte über Hunde, die als Scharfmacher dienten und starben, nur weil ihre Farbgebung nicht dem Kundenwunsch entsprach und Worte über illegales Retten so mancher dieser armen Kreaturen. Worte, deren rostroter Blutanteil jedwede Blausehnsucht zu einem schmierigen Gemisch in seiner Stimme ertränkten. Heide war über alle diese erschütternden Worte Kurve um Kurve im Parkhaus gefahren und stand seit einiger Zeit in der Auffahrt der Blauen Ebene. Blickte stummlauschend auf die abendsonnenüberflutete Wand.

blauwand

Irgendwann schwieg auch Fred, als wäre seine Stimme endgültig abgesoffen in diesem leidgetränkten Erinnerungsmorast. Lange Zeit starrten beide auf die Lichtspielereien in den verschiedensten Blautönen, bis Heide noch eine  Frage stellte…

Warum Heides desaströser Anblick anerkennende Blicke auslöst und wie die Blue Lady in diese mißliche Lage kam, kann gerne nachgelesen werden unter dem Schlagwort

Farbstudiengeschichten

Geschichtsträchtigeschönprächtiggeschichte

Es war ein unmögliches Gedränge und Geschiebe. So mancher Nerv lag schon blank und wir  umgingen die Stände mit dem Nepp, verweilten geraume Zeit bei einem charmanten Kürschner und beobachteten die vorbeiziehenden Menschenströme an unserem Tee nippend. Famose Mannsbilder und hübschig gewandete Langhaardamen waren zum Glück mehr als genug in der Masse auszumachen. Die Sparrenburg in der Stadtwonichtgibt lud ein zum Ritterfest. Mein Begier lag hauptaugenmerklich bei den für den frühen Abend angekündigten Spielleuten. Und hauptherzklopfig bei einem. Bei dem, der mir vor Jahren kohleäugig die Füße sich in den weichen Waldboden eintanzen ließ. Tanzwut hieß passenderweise die damalige Kapelle. Aber das ist eine andere Geschichte…

Heute also die Könige der Spielleute und der Kohleäugige wieder dabei. Der Liebstlieblingsfamosgeselle zog seiner eigenen Wege, wohl wissend um meine Schmachterey bei inniger Treue und garantiert entfesselter Tanzlust. Doch diesmal war ich nicht ganz vorne mit zugange, hielt mich zurück, den ich äugte nebenbei nicht nur nach dem meinigen Kohleaugenkönig, sondern auch nach einer Silbersilbenfee. Keine Verabredung, ein vages Tragebrombeerigenlack und Habeeineasterimhaar sollte zum sich Finden genügen. Immer wieder riss mich die Musik hinfort und dann bekam ich auch mein Schwarzaugenblinzeln. Mein Juchzen darob schwingschwangschwungte sich bis in ein fabelhaftes Atelier. Doch auch das ist eine ganz  andere Geschichte…

Immer wieder drehte ich mich um mein eigenen Leib, meine Augen suchten nach denen, die einen Teil meines Wesens wiederspiegelten, doch nirgends sah ich sie. Die Könige der Spielleute füllten inzwischen williges Volk mit Met aus langen Schläuchen ab, da erblickte ich rechts von mir ein wildweichschönes Wesen. Das ist sie! Wie sie den sanft geschwungenen Hals zu dem blondbezopften wunderschönem Mädchen neben ihr bog, ihm lächelnd etwas zu erklären schien. Wie ein langer, weichglänzender Zopf über die nackte Schulter sich legte und das Tuch des zipfeligen Wildfeinkleides einen grazilstarken Körper umhüllte, das mußte sie sein. Ich schaute solange in ihre Richtung, bis sie den Blick zu mir erhob und erkannte mich in ihren Augenspiegeln. Lächelte, hob die Hand und beugte meinen Kopf, um sie die Aster in meinen mittlerweile zerzausten Haargewusel sehen zu lassen. Und damit fing sie an, eine ganz neue Geschichte…

Und die Silbersilbenversion dieses modernen Märchens finden Sie bei der Karfunkelfee, kwasi als andere Sichtgeschichte. Mit Bildern obendrein. Und dem entzückendsten Burgfräulein, das ich je sah…

Morgenerwachhachmonolog

‚…das beste am draussenschlafen ist das aufwachen… nein, das einschlafen… nee, am schönsten sind die schlafpausen, das gucken nach den sternen… die vögel am morgen, die sind lieblicher, als alles, was mich sonst jemals weckte… obwohl die nachthuschgeräusche mich aber immer lächelnd wieder einschlafen lassen… eigentlich ist das beste am draussenschlafen aber die schöne luft, das mondgeblinzel durch die wolken… die abenddämmerung, wenn der tag sich dunkeltuchig bedeckt, dann gleich ihm einzuschlafen, das ist am allerschönsten… der duft vom heuunterbett, wenn ich mich räkele so wie jetzt, vermischt mit dem schafduft vom kuschelfell… wie heimat, kindsein duftet dies… so friedvoll ist das stille denken an alle die ich liebe, das senden inniger kräfte, der herzschlag, der sich  bei manchem heiß beschleunigt dabei… das tollste ist aber die sanfte schaukeley, ein fingerstups genügt oder ein sachttasten mit den fußspitzen im feuchten gras, als hätte justamente ein schneck meinen kleinen zeh geküßt… was ja vielleicht geschah… am schönsten ist wohl das zurückschlagen des baldachin, wenn als erstes der ahorn mich zweigneigend begrüßt… und dann der blick linksrechts, ich schlief inmitten so blumiger schönheit… die meisenflugschule, das erste insektengebrumm, die duftigluft, die freien gedanken… … …‘

Bettaufbau

‚…das beste am draussenschlafen ist dieser ozean voller glücksmomente, der sich jetzt in meinem linken augenwinkel manifestiert und langsam eine glückskussspur über meine kühle wange zieht.‘

Hinterhofheavylautheadhandheygebange

Der Nacken bebt, die Füße scharren auf dem Pflaster und das Langhaar will sich entwurschteln um wild zu wehen. Eindeutige Symptome und was hülfe es, sich den Tatsachen zu entziehen: Ich bin entzügig. Eindeutig openairkrachmuggehopspogoentzügig. Dieses Jahr noch nicht die nötige Dosis eingenommen, die Lauschläppchen fordern ihren Krachanteil. Doch kein Rockfest in Sicht. Muß halt der Hinterhof herhalten für die Erstversorgung der Lautmuggeandockrezeptoren. Um die Famosnachbarn nicht zu verstören, natürlich in kleinen Häppchen. Wir beginnen sanft mit Einklatschundmitgröhlaperitif:

Na, das hat doch Spaß gemacht und die Tanzbeinschwinglaune geweckt! Der Lavendel hat sich groovig eingeschwungen und die Stockrosen scheinen den Stecken aus dem Allerwertesten gezogen zu haben. Wir bleiben schön geschmeidig lockerhüftig und bauen mal leckerschmeckig ein paar Gröhltöne mit ein:

Primaschön! Langsam quietscht das Geläuf schon nicht mehr so ungelenk. Der Nackenschwenktakt, der muß aber noch feinjustiert werden, speziell die Hängegeranien bitte noch lockerer; und es darf auch ein wenig geschmuddelt werden. Ja, auch die Edelrosen! Bierdusche jetzt bitte:

Warm genug und bereit für rhythmisches Gehüpfe und Kopfgeschwenke? Die Glockenblumen flippen gleich aus! Hey, die nächsttägige Muskelmieze wird bestimmt eine superanhänglich kuschelige! Der Rittersporn gibt hackenschlagig den Takt an. Und los:

Whoooohooo! Der ganze Hinterhof pogorempelt jetzt mit! Ey, ich habe die Fleißigen Lieschen im Moshpit gesehen! Und die Jungfer im Busche… meine Damen, ich muß doch bitten! Einmal durchathmen und das Biedermieder neu schnüren bitte. Und weiter gehts:

Jaaa, ein wenig Pathos muß ja auch mal sein. Die Schwarzäugige Susanne nickt zustimmend. Speziell für sie und um die Hinterhofbewohner nicht ganz zu verstören, lassen wir dieses kleine Fastfestivalfakefantastösfest gediegen ausklingen. Oder auch nicht:

Was’ne Party! Orbitösflipflopflatterösbonfortionös! Was? Neee, Photos habe ich keine gemacht von den pogorempeligen Chlorophylligen, war ja Teil des Ganzen. Aber hier ist noch ein Beweis, selbst die Zuschauer am Rande beifallten muggegabelig mit:

Heavyhinterhof

Und soeben hat mich WordPress pokalüberreichend aufmerksam gemacht: Diese gediegene kleine Tanzteefeier hat sogar einen Anlass! Dafür erlaube ich mir eine ganz spezielle Zugabe für Bittemito:

Danke für’s Bewohlworten, Anregen, Bepuscheln, Aufregen, Behachen, Kümmern und manchmal auch nur für das stille Mitlesen. Es ist mir ein großes Vergnügen, hier Silbenbasteley zu betreiben. Und dazu zu pogorempeln natürlich…

Blaupause- Frau Liebling fährt (Farbstudie I)

Mit den peitschenhiebigen Schüssen schienen kalte Winde unter die vorher so friedlichen Baumkronen gerauscht zu sein. Heide zog das verwaschene Leinenhemd fester um ihren nun fröstelnden Oberkörper. Sie wollte mit nach dem Tier rufen, brachte jedoch nur ein krächzendes Schluchzen hervor. Die Eichelhäher verstummten ebenfalls und Freds Stimme katanasierte förmlich die unwirkliche Stille des eben noch sinnlichen Ortes. Selbst der Bach schien sein Gemurmel eisig verstummen lassen zu wollen.

Freds Schultern sackten wie unter einer unsichtbaren Last mit jedem Ruf, der nicht durch das helle Bellen erlösend beantwortet wurde, weiter nach unten und in Heide quoll eine Traurigkeit auf, die alle ihre vorherigen Gefühle wie eine Masse aus Geröll, Schlamm und Dreck umhüllte. Stumm wollte sie zu dem zu einem anklagenden Fragezeichen verbogenen Mann gehen, als sich das Dickicht neben dem Bachlauf raschelnd teilte. Die Hündin humpelte vorsichtig aus dem Unterholz, zwischen ihren nun nach unten gebogenen Lefzen schimmerte ein blauschwarz gebandeter Fittich hervor. Heide blinzelte ihre Tränen weg und erkannte den toten Vogel in der Schnauze von Lady. „Ein Eichelhäher! Blau und Blau! Fred, sieh doch, deine Lady, sie ist hier! Ein Eichelhäher!“ Sie hatte ihre kruden Gedanken wohl laut herausgeschrieen, denn Fred drehte sich augenblicklich zu ihr um und war mit ein paar Schritten bei ihr und dem inzwischen zu ihren Füßen zusammengebrochenem Tier.

„Meine Lady, meine Schöne, meine Bluebluelady…“ mehr gemurmelt denn gesprochen klangen seine Worte dennoch wie einzigartiges Liebeslied. Er war neben der Hündin auf den Waldboden gesunken und hielt ihren Brustkorb sorgsam umfangen. Erst jetzt erblickte Heide den dünnstromigen Rotfluß der sich die linke blauschimmernde Schulter hinabzog. Und auch der tote Vogel, der jetzt wie sorgsam abgelegt auf dem Moos ruhte, wies in seiner Brust einen ähnlichen Rotstreifen auf. Heides Gedanken überschlugen sich förmlich und ihr Mund absorbierte aus diesem Wirrwarr zunächst nur ein einziges Wort:  „Tom“.

Der hilflos irritierte Blick von Fred ließ sie einfach die Initiative ergreifen. Rasch sammelte sie die Picknickutensilien zusammen, hieß Fred an, die Hündin aufzunehmen und lief vorneweg den Moostrampelfad folgend, der sie hierher geführt hatte. Bald hatten sie den himmelblauen Volvo erreicht und Heide wies nur kurz kopfnickend auf die Fahrerseite. Fred antwortete mit einem Neigen seines Kopfes auf seine linke Seite. Sie ging vor Mann und Hund in die Kniee und fischte kurzentschlossen den Autoschlüssel aus der Jeanshosentasche. Öffnete dann die Beifahrertür und von innen die Rücksitztüre. Fred legte den japsend athmenden Hund vorsichtig hinein und rutschte sogleich hinterher, um den Kopf seiner Gefährtin auf seine Beine zu betten. Heide hatte inzwischen die Fahrerseite geentert und stellte sich flugs Sitz und Spiegel ein. „Tom. Wir fahren jetzt zu Tom. Er hat zwar sein Veterinärstudium abgebrochen, aber er kann uns helfen. Einverstanden?“ Ihr Blick suchte Freds im Rückspiegel und dessen Pupillen erwärmten sich hoffnungsvoll blautarierend.

Sie startete den Motor und lenkte den ungewohnten Wagen vorsichtig zurück gen der Silhouette der Stadt. Und mit dem Einschalten der Musikanlage erklangen wieder Töne, die sie so noch nie vernommen hatte…

Frau Lieblings ganze Bluebirdgeschichte findet sich unter dem Schlagwort

Farbstudiengeschichten

Danke an den immer beguckens- und hörenswerten Herrn Haase für die Bebilderungserlaubnis des Eichelhähers und die damit einhergehende Inspiration dieser Wendung der Geschichte. Muserichküsse sind bonfortionös!

Sachtesolesanftgischtschmeichelsucht

Sperrungen der provinzstädtischen Straßen zwingen mich zu längeren Umwegen. Ein anderes, weiter entferntes Parkhaus muß erlaufen werden, das Tagwerk neu getaktet, weil manchmal jede Minute zählt. Sie mögen notwendig sein, diese Baumaßnahmen, mir sind sie ein Dorn im Auge. Genauermaßen ein Schwarzdorn, wie ich nun feinlächelnd bemerke. Was ich hadernd begann, wandelte sich mal wieder in ein anderes Getue. Ein Glücklichmachgetue. Denn nun komme ich jeden Tag am Gradierwerk vorbei:

Der Sommer liegt heißflimmertuchig über der Stadt. Siebenmeilenstiefelig muß ich dennoch sein, die Zeit, die Zeit und ihr Sauseschritt! Verlasse meine kühle Hinterhofidylle und quere die unter den Sonnenheißschwüren wie gelähmte Stadt. Passiere flache Brunnenanlagen mit frischeverheißend funkelnden Fontänen, lächle ein klein wenig gönnneidisch über das Geplansche der Kinder und eile weiter. Ich kann sie riechen, bevor ich sie erreiche, die über die Schwarzdornzweige rieselnde Sole. Und Zeitchen später fühle ich ihre erfrischenden Kühlhauchküsse auf meiner Haut. Mein Athem vertikalisiert sich ganz von allein und meine Füße streifen die Siebenmeilenstiefel ab und werden mäusetappig. Ganz nah flaniere ich nun mit gesenktem Wimpernvorhang an der Sachtegischt vorbei, werde sekundenlang zur Urlauberin an fernen Schwarzkieselgestaden, die mich schon so oft in meinen Träumen zu sich riefen. Meine Hand streicht über Rauhfeuchtholz und mein Denken wird weit. Ich ergebe mich ihr dankbar innehaltend immer öfter, meiner Sachtesolesanftgischtschmeichelsucht.

Obacht! Furie quert in eigener Sache…

Bevor mir die Contenance durchdengelt, eine flugse Bitte an die Liebmenschen, die Bittemito gerne folgen und noch lieber lesen: Was für eine Lektürezeit wird euch zum Beispiel bei dem mir so wichtigen Hundertgeöffnetundeinernuroffentext offeriert? Der neue Lesebefehlsknecht von WordPress scheint die Aufmerksamkeitsspanne nun vorempfehlen zu wollen.

Beispiele:

Der sehnsüchtig erwartete neue Knochenkalletext der fabulösen Sabine > 40 Sek. Lektüre

Herr Mersmanns wieder anregender Geistreicheintrag > 2 Min. Lektüre

Die fabelhaftfantastöse Photographie von Herrn Lubrich > 30 Sek. Lektüre

Ich könnte mich jetzt halsschlagaderklopfend durch meinen Reader pflügen, doch bevor ich etwas furios abwatsche meine Frage an meine Leser: Wollt ihr das? Eine Lektüreempfehlung, nach Sekunden getaktet? Wofür ist das gut? Folgt jemand diesem Schwachsinn und wenn ja, warum? Ich jedenfalls beliebe zu lesen wo und wie lange ich will. Einzig meine Umsonstplattformdankbarkeit verhindert sofortige Furienfuchteley. Auch gelange ich nicht mehr direkt auf die individuellen Seiten, deren Gesamtgestaltung ich immens schätze. Verdammich, ich brauche keine gefeedete Gleichschaltseite und eine Lektürezeitempehlung noch viel weniger. WordPress, du bester aller Bloganbieter, ich hadere immens! Dennoch befolge ich mein selbstauferlegtes Nocheinenachtdrüberschlafprinzip…

Zwei drübergeschlafene Nächte später nach diesem Kübelschnellschuß hat sich zwar eine gewisse Gewöhnung eingetaktet, doch die Lektürezeithinweise ärgern mich immer noch. Bin ich zu empfindlich? Findet irgendjemand das gut? Ha, mir fällt ‚was Gutes dazu ein: Endlich mal wieder ein Umfrageanlass! Also los:

Geöffnet für Hunderte, doch offen dann nur für eine…

Es rappelvollt sich im Floratelier und in den restlichen Räumlichkeiten. Lächeln, Lachen und Komplimente verheddern sich zu einer berauschenden Wolke, die zu den Klangpirouetten des Saxophonisten im bonfortionösen Hinterhofe gen Himmel tanzen will, nur um mit den applaudierenden Tropfen regentuchig wieder auf uns herunter zu kaskadieren. Ich lächle immer wieder über die Schirmkapitulationen, denen schulterzuckende Ergebenheit folgen und freue mich weiter über jeden neu durch den schlitternassen Gang hereindräuendem Neugierstrupp. Sie jedoch habe ich nicht kommen sehen.

Hände werden mir entgegengestreckt, Fragen erfordern konzentrierte Aufmerksamkeit, das hier, das bin ich und mein Tagwerk und es will beworben werden. Ich eile treppauf, treppab, stelle vor, erkläre, hole neue Gläser und zwinkere meinen Lieben zu, die mich in diesem Tun begleiten. Bade in Bewunderung und Zugeneigtheit, wie könnte ich dieses Wonnegefühl in Worte fassen? Photoapparaturen blitzen auf, mancher möchte doch noch ein Sträußchen mit nach Hause nehmen, also wieder hinein ins Floratelier und flugs die blumigen Zutaten zusammengesucht. Und da entdecke ich sie.

Sie sitzt still in dem Bequemsessel, schaut auf ihre Hände, die aneinander Halt zu suchen scheinen. Adrett wie immer und doch wirkt sie anders als sonst. Ich binde mein Bouquet fertig und verabschiede dankend die Besucher, die voll des Lobes sind, zu voll, um ein Ende zu finden. Ich murmele was von Notdurft und stillem Örtchen und eile doch nur, zwei Proseccogläschen zu füllen. Dränge mich durch die schwatzenden Menschen und hocke mich auf den Hocker vor dem Sessel. Achbitte, darf ich hier ein Weilchen sitzen bleiben, ich schaffe es sonst nicht bis nach Hause, flüstert sie, während ihre hellblauen Augen von Tränen geflutet werden. Das erste Glas trinkt sie in einem Zug.

Solange Sie möchten, antworte ich und erkenne langsam pupillenwandernd die Andersheit dieser sonst so stolzen, aufrechten Dame. Ihr Weißhaar ist wie stets perfekt frisiert, nur an den Schläfen haben sich einzelne Strähnen gelöst, als hätten haltsuchende Hände an ihr gerührt. Der oberste Knopf an der immer picobello sitzenden Steifbluse steht offen und auf dem hellgrauen Rock sind verriebene Flecken zu sehen. Mein Blick kehrt zu ihrem schönen Gesicht zurück und nun sehe ich auch die dickgeweinten Augenlider. Fast quälend mühsam senkt sie ihren längst entschwarzten Wimpernvorhang. So hören Sie doch, so eine schöne Musik. Die hat mich hereingerufen.

Mich rufen meine Pflichten, ich nicke ihr nochmals schlicht zu und muß dann doch weitereilen. Doch immer wieder lenken mich meine Schritte in das Floratelier hinein, ja, da sitzt sie. Still in sich versunken, der nächste Anblick ein angeregt unterhaltsamer, dann sogar ein kicherndes Junggesicht, das durch den Fältchenvorhang blitzt. Langsam neigt sich der Sonntag seiner Abendruhe entgegen und mit ihm verebbt der Besucherstrom. Mit zwei neuen Gläschen lasse ich mich erneut bei ihr nieder und habe nur eine Replik auf ihre Glückwünsche. Aber Sie, Sie sehen so traurig aus.

Da bricht es aus ihr heraus: Er erkennt mich bald nicht mehr. Seit Wochen nervt er mich, weil er nicht im Heim bleiben will. Hol mich nach Hause, immer hat er das gefleht. Aber das kann ich doch nicht, ihn pflegen, ich habe doch selber keine Kraft. Und heute, heute hat er mich gefragt, wer ich bin. Wer ich bin! Wissen sie, wie schwer das ist? Ich habe ihn geschüttelt und geküßt und dann fragt der, warum ich denn weine! Ich habe keine Kraft mehr und ich schäme mich so dafür und dann bin ich gegangen. Und dann war hier diese Musik. Der bin ich einfach gefolgt und nun haben Sie mich an der Backe.

Ich reiche ihr stumm ein Taschentuch. Eine Weile sitzen wir still beieinander, ich heule inneräugig mit ihr, doch mein Momentanglück läßt keine bittermandeligen Tränen zu. Sie schluchzt noch einmal und wischt sich dann über das müde Gesicht. Gladiolen, ich sitze hier unter Ihren Gladiolen, er hat mir immer welche geschenkt. Ach, ich muß jetzt gehen, Sie haben doch zu tun. Mir bleibt nur, ihr durch den immernoch rutschnassen Gang zu helfen. Dann schaue ich ihr ein Weilchen nach, wie sie die Straße hochgeht, die einzelne heimlich zugesteckte Gladiolenrispe winkt mir aus ihrer Tasche zustimmend zu.

Gladiole

Blaupause- Frau Liebling fühlt (Farbstudie I)

Sie mußte nicht lange warten, Fred, wie sie ihn inzwischen denkwärts nannte, war alsbald wieder bei ihr. Verblieb in gebührlichem Abstand und warf ihr sein Ersatzhemd zu. Kein reinweißes, nein, das Linnen schien verwaschen blau zu sein. ‚Absicht? Fred ein heimlicher Batiker?‘ fragte Heide sich. Bloß nicht, von den Typen kannte sie genügend. ‚Oder war er ein achtloser Wäschewascher?‘ Stirnrunzelnd betrachtete sie die verfärbten Stellen.

Ihre Skepsis schien Fred nicht zu stören: „Meine Liebe, Sie haben jetzt zwo Möglichkeiten: Entweder ziehen Sie das Hemd über und gehen den Picknickplatz bewachen oder Sie bleiben fast Eva gleichend hier hocken und schauen Adam beim Baden zu!“ Mit diesen Worten zog er sich sein Hemd unaufgeknöpft über den Graukopf und fing an, seine Jeans zu öffnen. Heide warf sich das Hemd über, raffte ihren Rock an sich und sprang auf. „Wenn Sie mich fragten, ich offerierte Ihnen eine dritte Möglichkeit…“ sagte Fred, nun wieder in diesem tiefen Bariton, der Heide so aus der Fassung brachte. Sie verharrte kurz. „Hemd wieder aus und nochmal ins Wasser, das wäre mir am liebsten…“ Heide schaute für einen Moment in seine jetzt sehr dunkel schimmernden Augen und meinte darin eine Sehnsucht zu fühlen, die ihrer glich. Unwillkürlich kreuzte sie die Arme vor ihrer Brust, in der sich diese Sehnsucht manifestieren wollte und wandte sich ab. „Äh, nein, ich gehe, ich glaube, ich, ich muß mich setzen…“ Mit diesen Worten ergriff sie schier die Flucht und eilte den Bachlauf zurück. Ein kurzer Ruf von Fred genügte und Lady sprang ihr hinterher.

Um Athem ringend ließ sie sich an der Stelle fallen, wo Fred inzwischen einen Festschmaus vorbereitet hatte. Auf dem blaukariertem Schnupftuch, das er wohl sorgfältig ausgewaschen hatte, denn Heide konnte keine ihrer Heulspuren vom Parkdeck mehr entdecken; lagen in Eis gebettet die von Herrn Emrah erworbenen Köstlichkeiten. Eine halbe Wassermelone, Schafskäse, bereits stückig zerbrochen und auf einem Farnblatt süß duftende Sesamkringel. In dem emaillierten Eimer ruhte noch immer die Schlankflasche mit dem azulnen Verschluss im bereits schmelzendem Eis. Und noch etwas fing sich in Heides staunendem Blick.

Blaukaufmann

Im Bach, ganz am Rande unter einer Wurzel eingeklemmt, schimmerte eine türkisfarbene Dose. Heide beschloß in diesem Moment, sich über gar nichts mehr zu wundern und diesem seltsamen Herrn Schatz einfach weiter zu vertrauen. ‚Was anders bleibt dir ja auch nicht übrig, du Moosröslein, du halbverwelktes!‘ dachte sie beim Anblick ihrer immernoch rotleuchtenden Beine. Das Bachwasser hatte gutgetan, doch jetzt spürte sie die Wärme wieder schmerzhaft die Schienbeine hochkribbeln. Und Durst hatte sie, elenden Durst.

Warjaklardenkend bemerkte sie, daß genau in diesem Moment Fred neben ihr auftauchte. Die Haare wildnass und das Hemd feucht, genau wie die Jeans. Er mußte sie auch kurz durchgewaschen haben, doch offensichtlich geschickter als sie. ‚Moosröslein, ein trotteliges noch dazu…‘ Heide ließ ihren Kopf auf die angezogenen Beine sinken. Ein sachtes Klirren und darauf folgendes verheißendes Plätschern ließ sie wieder aufblicken. Fred hatte wortlos zwei Trinkgläser befüllt und hielt ihr eines entgegen. „Hier, trinken Sie. Heißer Minztee wäre zwar besser, aber ich will hier kein Feuer entfachen. Also nicht offenes…“

Wieder dieser bestimmte Ton und der mariannengrabentiefe Blick, Heide mußte den ihren senken. Sah im Glas Eiswasser mit hinreißend zart schmelzendem Klümpchen und obenauf eine ganz hauchblaue trübmilchige Schicht. Sie schnupperte und erkannte eine Spur Anis. Ohne weiter zu zögern nahm sie einen tiefen Schluck und meinte, noch nie etwas erfrischenderes und zugleich betörenderes getrunken zu haben. Mit einer einladenden Geste wies Fred auf die anderen Köstlichkeiten und griff selber zu. Heide folgte seinen Beispiel und erfuhr kleine Geschmacksexplosionen in vollkommener Harmonie miteinander. Und nahm immer wieder große Schlucke aus dem Glas, das Fred gerne wieder mit dem schmelzenden Eis aus dem Eimer und einem winzigen Schluck aus der Schlankflasche befüllte. „Raki,“ erklärte er „nur einen Hauch als ergänzenden Geschmack zu süß, salzig und fruchtig.“ Ansonsten genossen sie schweigend. Lady japste immer wieder nach Melonenstückchen, die sie ihr abwechselnd zuwarfen.

Ewig hätte Heide so still sitzend genießen können, doch Fred unterbrach das Schweigen mit einem Verweis auf ihre Beine. „Ich habe immer eine Creme für solche Hautirritationen dabei, meine Liebe. Darf ich bitten?“ Bei diesen Worten fischte er die türkisfarbene Dose aus dem Flüsterwasser, setzte sich bachrandig tiefer vor sie und legte sich ihre Füße auf die Knie. Heide wollte protestieren, doch er hatte schon die Cremedose aufgedreht und fing an, die kühle Wohltat auf ihren brennenden Fußrücken behutsam zu verreiben. Sämtlicher innewohnender Protest wandelte sich sofort in ein lange vermißtes Wohlgefühl. Heide schloß die Augen und fühlte bald nur noch die sanften Berührungen auf ihrer Haut. Ein mildfeiner Geruch begleitete dieses Empfinden. Wieder und wieder wellten sich Freds Hände ihre Unterschenkel entlang, umfaßten ihre Fesseln ganz, umwölbten die Rundungen ihrer Waden, zeichneten zartfingerkuppig den empfindlichen Grat ihrer Schienbeine nach und umrundeten ihre Knie. Senkten sich in die Kuhlen dahinter, hielten kurz, aber behutsam ihre angespannten Sehnen fest, als wöllten sie ihr auf die Beine helfen und hielten dann inne. Ihr Athem tat gleiches, fast meinte sie vor Anspannung zu zerspringen. Heide öffnete ihre Augen und versank geradezu in Freds escuroazuligem Blick. Der Druck in ihren Kniekehlen verstärkte sich sanft, aber bestimmt und mit einer leichten Drehung zog er sie über den moosigen Waldboden langsam in seine Richtung. Bald saß sie mit geöffneten Beinen direkt vor ihm und ohne den Augenkontakt zu unterbrechen schmeichelten seine warmen Hände sich auf der Unterseite ihrer Schenkel weiter hinauf. Heide sah und fühlte nur noch Verlangen. Absolut natürliches, unabdingbares Verlangen und beugte sich diesem langsam entgegen, als ein Knall die stille Ruhe des Waldes hallend teilte.

Ein Schuß? Ein Schuß! Sie sprang auf und auch Fred federte blitzschnell auf seine Füße. „Lady? Lady? My blue Lady!“ Suchend rief er nach seiner Hündin, doch der war wohl langweilig geworden. Nirgendwo war der beeindruckende Blauschimmer des Tieres zu sehen. Da krachte ein zweiter Schuß durch die friedlich sich wiegenden Baumkronen. Eichelhäher kreischten ihre Warnrufe hinterdrein und auch Fred rief immer verzweifelter nach seiner Gefährtin. Mit jedem Ruf verstahlte sich seine Stimme in hellere Blautöne, bis sie klirrend durch den jetzt ansonsten schweigenden Wald damaszenerte…

Wer von Anfang an lesen möchte, folge diesem Schlagwort:

Farbstudiengeschichten

Ruhepulspupillenbehachungspralinchen

Lesen strengt an, Schreiben noch viel mehr. Tagwerken erfordert jedwedes Zipfelchen Konzentration, aber was wirklich immer, immer, immer geht, ist:

Blümchenguggen!

 Ohkee, die Muscheln murrten, sie wären auch pupillenkussgenussig…

Ein leichtes Kopfweh mahnt mich sanft zur Ruhe. Jaja, du alter Mechanikmatsch, schon gut, ich geh ja schon weiter Blümchen schauen…