bittemito

Monat: Juli, 2015

Sachtesolesanftgischtschmeichelsucht

Sperrungen der provinzstädtischen Straßen zwingen mich zu längeren Umwegen. Ein anderes, weiter entferntes Parkhaus muß erlaufen werden, das Tagwerk neu getaktet, weil manchmal jede Minute zählt. Sie mögen notwendig sein, diese Baumaßnahmen, mir sind sie ein Dorn im Auge. Genauermaßen ein Schwarzdorn, wie ich nun feinlächelnd bemerke. Was ich hadernd begann, wandelte sich mal wieder in ein anderes Getue. Ein Glücklichmachgetue. Denn nun komme ich jeden Tag am Gradierwerk vorbei:

Der Sommer liegt heißflimmertuchig über der Stadt. Siebenmeilenstiefelig muß ich dennoch sein, die Zeit, die Zeit und ihr Sauseschritt! Verlasse meine kühle Hinterhofidylle und quere die unter den Sonnenheißschwüren wie gelähmte Stadt. Passiere flache Brunnenanlagen mit frischeverheißend funkelnden Fontänen, lächle ein klein wenig gönnneidisch über das Geplansche der Kinder und eile weiter. Ich kann sie riechen, bevor ich sie erreiche, die über die Schwarzdornzweige rieselnde Sole. Und Zeitchen später fühle ich ihre erfrischenden Kühlhauchküsse auf meiner Haut. Mein Athem vertikalisiert sich ganz von allein und meine Füße streifen die Siebenmeilenstiefel ab und werden mäusetappig. Ganz nah flaniere ich nun mit gesenktem Wimpernvorhang an der Sachtegischt vorbei, werde sekundenlang zur Urlauberin an fernen Schwarzkieselgestaden, die mich schon so oft in meinen Träumen zu sich riefen. Meine Hand streicht über Rauhfeuchtholz und mein Denken wird weit. Ich ergebe mich ihr dankbar innehaltend immer öfter, meiner Sachtesolesanftgischtschmeichelsucht.

Obacht! Furie quert in eigener Sache…

Bevor mir die Contenance durchdengelt, eine flugse Bitte an die Liebmenschen, die Bittemito gerne folgen und noch lieber lesen: Was für eine Lektürezeit wird euch zum Beispiel bei dem mir so wichtigen Hundertgeöffnetundeinernuroffentext offeriert? Der neue Lesebefehlsknecht von WordPress scheint die Aufmerksamkeitsspanne nun vorempfehlen zu wollen.

Beispiele:

Der sehnsüchtig erwartete neue Knochenkalletext der fabulösen Sabine > 40 Sek. Lektüre

Herr Mersmanns wieder anregender Geistreicheintrag > 2 Min. Lektüre

Die fabelhaftfantastöse Photographie von Herrn Lubrich > 30 Sek. Lektüre

Ich könnte mich jetzt halsschlagaderklopfend durch meinen Reader pflügen, doch bevor ich etwas furios abwatsche meine Frage an meine Leser: Wollt ihr das? Eine Lektüreempfehlung, nach Sekunden getaktet? Wofür ist das gut? Folgt jemand diesem Schwachsinn und wenn ja, warum? Ich jedenfalls beliebe zu lesen wo und wie lange ich will. Einzig meine Umsonstplattformdankbarkeit verhindert sofortige Furienfuchteley. Auch gelange ich nicht mehr direkt auf die individuellen Seiten, deren Gesamtgestaltung ich immens schätze. Verdammich, ich brauche keine gefeedete Gleichschaltseite und eine Lektürezeitempehlung noch viel weniger. WordPress, du bester aller Bloganbieter, ich hadere immens! Dennoch befolge ich mein selbstauferlegtes Nocheinenachtdrüberschlafprinzip…

Zwei drübergeschlafene Nächte später nach diesem Kübelschnellschuß hat sich zwar eine gewisse Gewöhnung eingetaktet, doch die Lektürezeithinweise ärgern mich immer noch. Bin ich zu empfindlich? Findet irgendjemand das gut? Ha, mir fällt ‚was Gutes dazu ein: Endlich mal wieder ein Umfrageanlass! Also los:

Geöffnet für Hunderte, doch offen dann nur für eine…

Es rappelvollt sich im Floratelier und in den restlichen Räumlichkeiten. Lächeln, Lachen und Komplimente verheddern sich zu einer berauschenden Wolke, die zu den Klangpirouetten des Saxophonisten im bonfortionösen Hinterhofe gen Himmel tanzen will, nur um mit den applaudierenden Tropfen regentuchig wieder auf uns herunter zu kaskadieren. Ich lächle immer wieder über die Schirmkapitulationen, denen schulterzuckende Ergebenheit folgen und freue mich weiter über jeden neu durch den schlitternassen Gang hereindräuendem Neugierstrupp. Sie jedoch habe ich nicht kommen sehen.

Hände werden mir entgegengestreckt, Fragen erfordern konzentrierte Aufmerksamkeit, das hier, das bin ich und mein Tagwerk und es will beworben werden. Ich eile treppauf, treppab, stelle vor, erkläre, hole neue Gläser und zwinkere meinen Lieben zu, die mich in diesem Tun begleiten. Bade in Bewunderung und Zugeneigtheit, wie könnte ich dieses Wonnegefühl in Worte fassen? Photoapparaturen blitzen auf, mancher möchte doch noch ein Sträußchen mit nach Hause nehmen, also wieder hinein ins Floratelier und flugs die blumigen Zutaten zusammengesucht. Und da entdecke ich sie.

Sie sitzt still in dem Bequemsessel, schaut auf ihre Hände, die aneinander Halt zu suchen scheinen. Adrett wie immer und doch wirkt sie anders als sonst. Ich binde mein Bouquet fertig und verabschiede dankend die Besucher, die voll des Lobes sind, zu voll, um ein Ende zu finden. Ich murmele was von Notdurft und stillem Örtchen und eile doch nur, zwei Proseccogläschen zu füllen. Dränge mich durch die schwatzenden Menschen und hocke mich auf den Hocker vor dem Sessel. Achbitte, darf ich hier ein Weilchen sitzen bleiben, ich schaffe es sonst nicht bis nach Hause, flüstert sie, während ihre hellblauen Augen von Tränen geflutet werden. Das erste Glas trinkt sie in einem Zug.

Solange Sie möchten, antworte ich und erkenne langsam pupillenwandernd die Andersheit dieser sonst so stolzen, aufrechten Dame. Ihr Weißhaar ist wie stets perfekt frisiert, nur an den Schläfen haben sich einzelne Strähnen gelöst, als hätten haltsuchende Hände an ihr gerührt. Der oberste Knopf an der immer picobello sitzenden Steifbluse steht offen und auf dem hellgrauen Rock sind verriebene Flecken zu sehen. Mein Blick kehrt zu ihrem schönen Gesicht zurück und nun sehe ich auch die dickgeweinten Augenlider. Fast quälend mühsam senkt sie ihren längst entschwarzten Wimpernvorhang. So hören Sie doch, so eine schöne Musik. Die hat mich hereingerufen.

Mich rufen meine Pflichten, ich nicke ihr nochmals schlicht zu und muß dann doch weitereilen. Doch immer wieder lenken mich meine Schritte in das Floratelier hinein, ja, da sitzt sie. Still in sich versunken, der nächste Anblick ein angeregt unterhaltsamer, dann sogar ein kicherndes Junggesicht, das durch den Fältchenvorhang blitzt. Langsam neigt sich der Sonntag seiner Abendruhe entgegen und mit ihm verebbt der Besucherstrom. Mit zwei neuen Gläschen lasse ich mich erneut bei ihr nieder und habe nur eine Replik auf ihre Glückwünsche. Aber Sie, Sie sehen so traurig aus.

Da bricht es aus ihr heraus: Er erkennt mich bald nicht mehr. Seit Wochen nervt er mich, weil er nicht im Heim bleiben will. Hol mich nach Hause, immer hat er das gefleht. Aber das kann ich doch nicht, ihn pflegen, ich habe doch selber keine Kraft. Und heute, heute hat er mich gefragt, wer ich bin. Wer ich bin! Wissen sie, wie schwer das ist? Ich habe ihn geschüttelt und geküßt und dann fragt der, warum ich denn weine! Ich habe keine Kraft mehr und ich schäme mich so dafür und dann bin ich gegangen. Und dann war hier diese Musik. Der bin ich einfach gefolgt und nun haben Sie mich an der Backe.

Ich reiche ihr stumm ein Taschentuch. Eine Weile sitzen wir still beieinander, ich heule inneräugig mit ihr, doch mein Momentanglück läßt keine bittermandeligen Tränen zu. Sie schluchzt noch einmal und wischt sich dann über das müde Gesicht. Gladiolen, ich sitze hier unter Ihren Gladiolen, er hat mir immer welche geschenkt. Ach, ich muß jetzt gehen, Sie haben doch zu tun. Mir bleibt nur, ihr durch den immernoch rutschnassen Gang zu helfen. Dann schaue ich ihr ein Weilchen nach, wie sie die Straße hochgeht, die einzelne heimlich zugesteckte Gladiolenrispe winkt mir aus ihrer Tasche zustimmend zu.

Gladiole

Blaupause- Frau Liebling fühlt (Farbstudie I)

Sie mußte nicht lange warten, Fred, wie sie ihn inzwischen denkwärts nannte, war alsbald wieder bei ihr. Verblieb in gebührlichem Abstand und warf ihr sein Ersatzhemd zu. Kein reinweißes, nein, das Linnen schien verwaschen blau zu sein. ‚Absicht? Fred ein heimlicher Batiker?‘ fragte Heide sich. Bloß nicht, von den Typen kannte sie genügend. ‚Oder war er ein achtloser Wäschewascher?‘ Stirnrunzelnd betrachtete sie die verfärbten Stellen.

Ihre Skepsis schien Fred nicht zu stören: „Meine Liebe, Sie haben jetzt zwo Möglichkeiten: Entweder ziehen Sie das Hemd über und gehen den Picknickplatz bewachen oder Sie bleiben fast Eva gleichend hier hocken und schauen Adam beim Baden zu!“ Mit diesen Worten zog er sich sein Hemd unaufgeknöpft über den Graukopf und fing an, seine Jeans zu öffnen. Heide warf sich das Hemd über, raffte ihren Rock an sich und sprang auf. „Wenn Sie mich fragten, ich offerierte Ihnen eine dritte Möglichkeit…“ sagte Fred, nun wieder in diesem tiefen Bariton, der Heide so aus der Fassung brachte. Sie verharrte kurz. „Hemd wieder aus und nochmal ins Wasser, das wäre mir am liebsten…“ Heide schaute für einen Moment in seine jetzt sehr dunkel schimmernden Augen und meinte darin eine Sehnsucht zu fühlen, die ihrer glich. Unwillkürlich kreuzte sie die Arme vor ihrer Brust, in der sich diese Sehnsucht manifestieren wollte und wandte sich ab. „Äh, nein, ich gehe, ich glaube, ich, ich muß mich setzen…“ Mit diesen Worten ergriff sie schier die Flucht und eilte den Bachlauf zurück. Ein kurzer Ruf von Fred genügte und Lady sprang ihr hinterher.

Um Athem ringend ließ sie sich an der Stelle fallen, wo Fred inzwischen einen Festschmaus vorbereitet hatte. Auf dem blaukariertem Schnupftuch, das er wohl sorgfältig ausgewaschen hatte, denn Heide konnte keine ihrer Heulspuren vom Parkdeck mehr entdecken; lagen in Eis gebettet die von Herrn Emrah erworbenen Köstlichkeiten. Eine halbe Wassermelone, Schafskäse, bereits stückig zerbrochen und auf einem Farnblatt süß duftende Sesamkringel. In dem emaillierten Eimer ruhte noch immer die Schlankflasche mit dem azulnen Verschluss im bereits schmelzendem Eis. Und noch etwas fing sich in Heides staunendem Blick.

Blaukaufmann

Im Bach, ganz am Rande unter einer Wurzel eingeklemmt, schimmerte eine türkisfarbene Dose. Heide beschloß in diesem Moment, sich über gar nichts mehr zu wundern und diesem seltsamen Herrn Schatz einfach weiter zu vertrauen. ‚Was anders bleibt dir ja auch nicht übrig, du Moosröslein, du halbverwelktes!‘ dachte sie beim Anblick ihrer immernoch rotleuchtenden Beine. Das Bachwasser hatte gutgetan, doch jetzt spürte sie die Wärme wieder schmerzhaft die Schienbeine hochkribbeln. Und Durst hatte sie, elenden Durst.

Warjaklardenkend bemerkte sie, daß genau in diesem Moment Fred neben ihr auftauchte. Die Haare wildnass und das Hemd feucht, genau wie die Jeans. Er mußte sie auch kurz durchgewaschen haben, doch offensichtlich geschickter als sie. ‚Moosröslein, ein trotteliges noch dazu…‘ Heide ließ ihren Kopf auf die angezogenen Beine sinken. Ein sachtes Klirren und darauf folgendes verheißendes Plätschern ließ sie wieder aufblicken. Fred hatte wortlos zwei Trinkgläser befüllt und hielt ihr eines entgegen. „Hier, trinken Sie. Heißer Minztee wäre zwar besser, aber ich will hier kein Feuer entfachen. Also nicht offenes…“

Wieder dieser bestimmte Ton und der mariannengrabentiefe Blick, Heide mußte den ihren senken. Sah im Glas Eiswasser mit hinreißend zart schmelzendem Klümpchen und obenauf eine ganz hauchblaue trübmilchige Schicht. Sie schnupperte und erkannte eine Spur Anis. Ohne weiter zu zögern nahm sie einen tiefen Schluck und meinte, noch nie etwas erfrischenderes und zugleich betörenderes getrunken zu haben. Mit einer einladenden Geste wies Fred auf die anderen Köstlichkeiten und griff selber zu. Heide folgte seinen Beispiel und erfuhr kleine Geschmacksexplosionen in vollkommener Harmonie miteinander. Und nahm immer wieder große Schlucke aus dem Glas, das Fred gerne wieder mit dem schmelzenden Eis aus dem Eimer und einem winzigen Schluck aus der Schlankflasche befüllte. „Raki,“ erklärte er „nur einen Hauch als ergänzenden Geschmack zu süß, salzig und fruchtig.“ Ansonsten genossen sie schweigend. Lady japste immer wieder nach Melonenstückchen, die sie ihr abwechselnd zuwarfen.

Ewig hätte Heide so still sitzend genießen können, doch Fred unterbrach das Schweigen mit einem Verweis auf ihre Beine. „Ich habe immer eine Creme für solche Hautirritationen dabei, meine Liebe. Darf ich bitten?“ Bei diesen Worten fischte er die türkisfarbene Dose aus dem Flüsterwasser, setzte sich bachrandig tiefer vor sie und legte sich ihre Füße auf die Knie. Heide wollte protestieren, doch er hatte schon die Cremedose aufgedreht und fing an, die kühle Wohltat auf ihren brennenden Fußrücken behutsam zu verreiben. Sämtlicher innewohnender Protest wandelte sich sofort in ein lange vermißtes Wohlgefühl. Heide schloß die Augen und fühlte bald nur noch die sanften Berührungen auf ihrer Haut. Ein mildfeiner Geruch begleitete dieses Empfinden. Wieder und wieder wellten sich Freds Hände ihre Unterschenkel entlang, umfaßten ihre Fesseln ganz, umwölbten die Rundungen ihrer Waden, zeichneten zartfingerkuppig den empfindlichen Grat ihrer Schienbeine nach und umrundeten ihre Knie. Senkten sich in die Kuhlen dahinter, hielten kurz, aber behutsam ihre angespannten Sehnen fest, als wöllten sie ihr auf die Beine helfen und hielten dann inne. Ihr Athem tat gleiches, fast meinte sie vor Anspannung zu zerspringen. Heide öffnete ihre Augen und versank geradezu in Freds escuroazuligem Blick. Der Druck in ihren Kniekehlen verstärkte sich sanft, aber bestimmt und mit einer leichten Drehung zog er sie über den moosigen Waldboden langsam in seine Richtung. Bald saß sie mit geöffneten Beinen direkt vor ihm und ohne den Augenkontakt zu unterbrechen schmeichelten seine warmen Hände sich auf der Unterseite ihrer Schenkel weiter hinauf. Heide sah und fühlte nur noch Verlangen. Absolut natürliches, unabdingbares Verlangen und beugte sich diesem langsam entgegen, als ein Knall die stille Ruhe des Waldes hallend teilte.

Ein Schuß? Ein Schuß! Sie sprang auf und auch Fred federte blitzschnell auf seine Füße. „Lady? Lady? My blue Lady!“ Suchend rief er nach seiner Hündin, doch der war wohl langweilig geworden. Nirgendwo war der beeindruckende Blauschimmer des Tieres zu sehen. Da krachte ein zweiter Schuß durch die friedlich sich wiegenden Baumkronen. Eichelhäher kreischten ihre Warnrufe hinterdrein und auch Fred rief immer verzweifelter nach seiner Gefährtin. Mit jedem Ruf verstahlte sich seine Stimme in hellere Blautöne, bis sie klirrend durch den jetzt ansonsten schweigenden Wald damaszenerte…

Wer von Anfang an lesen möchte, folge diesem Schlagwort:

Farbstudiengeschichten

Ruhepulspupillenbehachungspralinchen

Lesen strengt an, Schreiben noch viel mehr. Tagwerken erfordert jedwedes Zipfelchen Konzentration, aber was wirklich immer, immer, immer geht, ist:

Blümchenguggen!

 Ohkee, die Muscheln murrten, sie wären auch pupillenkussgenussig…

Ein leichtes Kopfweh mahnt mich sanft zur Ruhe. Jaja, du alter Mechanikmatsch, schon gut, ich geh ja schon weiter Blümchen schauen…