bittemito

Käthe Knobloch. Bitte mit O. Erst ein Ä und dann zwei O.

Monat: August, 2015

Montagsmorgenfrohmachmomente

*Der Spiegelmondbruder sendet Fernfreundlichgrüße vom geliebten Orion, meinem immer schon Liebstwinterbegleiter. Und die veränderten Nachtgeräusche künden vom Ende des Hochsommers. Kaum noch ein Nachtvogel, stattdessen Igelgeschnauf und Waschbärgefauch. Bauchvollschlaggeräusche. Und ich teile meinen Baldachin mit etlichen Spinnen, die große Wespenspinne komplimentierte ich jedoch hinaus…

augustmond

*Frieden liegt über jedem Fitzelchen meines Thuns. Das Erwachen athmet tiefe Harmonie, die kein Alarm kreischend zerreißt. Die Morgengymnastik freiwillig draußen und der erste Kaffee auch, die Terrassentür weit offen, keine Angst vor Eindringlingen. Der Kühlküchenknecht zum Bersten voll, die Stullenboxen für das Tagwerk kann ich reichlich füllen , Obst und Gemüse frisch dabei. Friedliebeflüstergespräche umhüllen uns…

*In der Stadt ist es nur Neubaulärm, der die Morgenstille zerschneidet, nicht das Weggescharre von Trümmern. Die Bauarbeiter rufen sich Kurzknappanweisungen zu und ich kann ein prustendes Lachen nicht in mir behalten als der Baggerfahrer seinem Kollegen laut zuruft:“ Vorsicht! Ich komm‘ jetzt von hinten!“ Die anderen fallen in mein Lachen ein, ich eile hochrotkopfig aber breit grinsend weiter…

*Der Weltenlastträger, dessen Namen ich inzwischen weiß, wartet gerade und offenblickig auf mich am inzwischen gewohnten Platz. Heute braucht er nichts weiter als ein paar freundliche Worte und eine Hand, die seine kurz hält. Wie stets verspricht er für mich zu Allah zu beten und ich verneige mich dafür vor ihm. Ich kann sein Genuschel jetzt fast komplett verstehen…

*Der ältere Eiligdürrmann, der schon so oft meinen Morgenweg kreuzte und immer nur kurzknappnickte, paßt sich heute in Richtung und Tempo meinem Gang an und macht mir unerwartete Hochkomplimente, die meine Wangen erneut aufflammen lassen. Schnarrend rußlanddeutscht er mir achtungsvoll seine Freude über meinen bepannipünkteten Anblick entgegen und ich danke auch ihm, eine Verbeugung andeutend…

*Mein Floratelier läßt mich wie immer glückseufzend seine Türen öffnen, ich fange an zu fegen und zu räumen, da pfeift es mir aus dem Langgang fröhlich entgegen. Der bisweilen sehr spröde gehetzte Postbote ruft mir ein „Heute schon wieder Schönpost für Sie, sogar aus dem Ausland!“ zu und läßt sich bereitwillig stellvertretend umhalsen…

*Ich klappe nach kurzer Abstinenz die Schleppapparatur auf und werde mit Freundlichliebworten und Mutmachsilben überhäuft. Ich denke an Saheds Worte: „Es gibt überall böse Menschen, die sind meistens die lautesten. Halte dich an die stillen, feinen, die bewirken leise Gutes.“. Und bin für einen Riesenmoment einfach nur sehr froh, ein minifitzelkleiner Teil vom Großenundganzen zu sein. Montagsmorgenfrohmachmomente eben…

Obacht! Furie quert um Contenance ringend…

Ich hätte es nicht tun sollen. Mich weiter der medialen Flut entziehen müssen. Ahnte doch längst aus den unvermeidlichen Schnippselchen, die eines jeden Augen und Ohren besudeln müssen, in welchem Unrat und geistigen Dünnschiss man da ersaufen kann. Aber ich wollte recherchieren. Der Lichtundschattentext war nur ein kleiner Anfang. Ich habe meinen Opa da gesucht und ich habe ihn für mich gefunden. In Bautzen, verurteilt von einem russischem Militärschnellgericht. Vorher Naziknast, danach Stasibunker… Die Geschichte ist jedoch noch nicht erzählbereit. Aber ich erzähle nur umrissen allen gerne die andere, die meiner Ominkel. Nein, gerne erzähle die eigentlich nicht, denn Wut diktiert mir die Fingerkuppen…

Bäuerin, zwei kleine Mädchen, noch keine zehn Jahre alt; mit einem Leiterwagen auf der Flucht. Quer durch Deutschland. Mann und Sohn irgendwo im Krieg verschollen. Angst um Leib und Seele. Heimat und Habe zurückgelassen, angewiesen auf fremde Hilfe. Bettelnd jeden Abend um einen Platz in einer Scheune. Weggeschickt mit abfälligen Bemerkungen und einem zynischen „Mit Kleinkindern? Bloß nicht!“. Am Straßenrand Leichen und ständiges Geballere aus irgendwelchen Hinterhalten. Die blonden Zopfmädchen wurden gierig beglotzt und Ominkel einmal mehr zur Löwenherzmutter…

Verdammte Scheiße, das ist erst ein weiteres Omaleben her! Und dann wagen es unreife Spacken, ihren unflätigen dummen und niveaulosen Hirnschiß in die Welt zu pöbeln?! Elende Klappspaten, konsumverkleisterte Unklugschisser! Ohne diejenigen, die unseren Omas und Mamas die Hand, Brot und Wasser gereicht hätten, gäbe es euch gar nicht! Nur dank der Menschlichkeit dieser Unvoreingenommenen hielten sie durch, kehrten zurück und bauten neu auf, was der Grundstock unseres Wohlstandes nun ist. Auf dem ihr euch den Arsch breitsitzt und die Daumen krummdaddelt. Weil es ja so einfach und bequem ist, anonym zu ‚haten‘. Ich will mich nicht schämen, weil ich nichts für euer Geseiere kann, mir bleibt nur eines: Euch zu wünschen, in einer ähnlichen Notlage zu stecken und dann zu erfahren, was Menschlichkeit wirklich heißt! Eure Mama könnte ich gewesen sein und wir alle existieren nur dank der Nächstenliebe, nicht wegen des Hasses, den ihr gepachtet zu haben scheint. Schämt euch selbst und eure beschissene Kleingeistigkeit, ich habe dafür keine Zeit, ich will noch zu Sahed, fragen, wie es ihm geht…

…weil nur Schatten sein kann, wo das Licht ihn duldet.

Ich badete in Lichtgedanken, schwamm in Lichterseen und lichtete sogar einen dunklenschlammigen Anker. Davon wird noch weiter zu berichten seyn. Doch immer schwang auch ein Schatten mit. Ich habe ihn geahnt, bevor ich ihn sah. Er ist ja da, ein steter Begleiter. Dort und an anderen Orten. Als Ahnung oder als manifestierte Gestalt. Ein Wimpernschlag genügt, ein kurzer Seitenblick und das Bild verändert sich. Japsend ringt man dann um jeden Augenaufschlag, hofft, das Dunkle erleuchtet sich. Doch wo Licht und Schatten sich treffen, wird es manchmal Grau. Grauenhaft gar. Deduldet dennoch nur vom Lichte. Den vielen Lichtspendern sei gedankt…

Damit wir die Schatten nicht vergessen:

Gedenkstätte Bautzen

Wikipediageteiltes Wissen

Frauwürziglichfantastösfetzigwortfragen

Der Hochsommer ging und erste Stöcker werden wieder in die Vorgärten gelegt, um ordentlich Klafterholz für die Heizsaison zu stapeln. Hier macht die fabulöse Frau Meertau den Anfang und schubkarrte mir kwasi ihr Holz vor die Hütte… ähem, oder so. Danke dafür und frischdrauflos:

>In welchem Land würdest Du gerne ein Jahr verbringen und was tätest Du dort?

In Portugal, speziell auf Madeira. Ich würde mir ein Häuschen mit ein wenig Land anschaffen, im Nordwesten der Insel und versuchen, mich zu integrieren. Vielleicht als Inselbegleiter für interessierte Reisende mich anbieten und aktiv gegen die Kreuzfahrtmassentourikübelei ankämpfen.

>Beruf – Berufung – Job – Work-Life-Balance….. wie hälst Du es?

Arbeits-Lebens-Balance, ich übe weiter auf diesem manchmal sehr wackeligem Drahtseil. Es klappt gerade sehr gut, weils im Moment nicht so stürmt und das Seilchen heftig hinundherschwingen läßt. Und ein Schirmchen dabeizuhaben, ist immer nützlich, wenns doch mal runterpustig wird. Mit Punkten. Der Schirm, nicht das Seil.

>Natürlich bist Du ein freundlicher Mensch. In den seltenen Ausnahmen, …. welches ist Deine favorisierte Dominanzstrategie?

Ich betone energisch meinen eigenen Tanzbereich und verweise den Aggressor daraus. Wie? Tief Luftholen, Brust raus, gerade machen, Arme mit offenen Handflächen strikt durchgedrückt auf Schulterhöhe von den Seiten aus nach vorne führen, bis die Daumen sich kreuzen und laut und fest sagen: „Das ist mein Tanzbereich und du kommst hier nicht rein!“ Ob das dominant ist, weiß ich nicht, bei mir dominiert die Freundlichkeit. Es gab Situationen, in denen ich arg schlimm auf Übergriffe reagierte, allerdings möchte ich die nicht als beschreibenswert hier darstellen. Stellen Sie sich bitte einfach einen überzwerchten Terrier vor.

>Hast Du Pflanzen? Wie gehst Du mit Ihnen um?

Ich achte und ehre sie, wie fast alle Lebewesen, die mich auf meinem Weg begleiten. Langjährige Weggenossen bekommen sogar Namen, so habe ich eine Sanseverie namens Yoda, eine Strelitzie, die Regina heißt oder auch… Mooooment, der Aeschynanthus bittet errötend um Diskretion. Naja, Schamblumen halt.

>Welches sind Deine 2-5 persönlichen (Kindheits-)Helden?

Ominkel und Mama Löwenherz als reale Helden, Panni Pünktchen, Lütt Matten und Tuppi Schleife als Buchfiguren, dann kam Harka und dann war ich viel zu zeitig erwachsen.

>Womit vertrödelst Du gerne Deine Zeit?

Ich liebe dieses Wort: Vertrödeln! Danke dafür und es kann nur drölfzichtausenddrollich Antworten darauf geben: Ich verschönheitspupilliere, verfunkelaugenblitze, verlachfaltendeltaiere, verseufzjubiliere, verhachbuchstabiere, vertraumtanzwalzere, verflatterherzgaloppiere, verflinkfingertastatuiere, vertröstarmumhalse, verfeinstdrehfoppjustiere, versilbersilbenlawiniere, verflitschsteineiere, verrumhängemattiere, verzwiegesprächflüstere, verrundstaunbeäuge, verflipflopflippe… ähem, wie war nochmal gleich die Frage.. ach so, meine Zeit…

>Was liest Du gerade?

Fabulöszeitvertrödelndefragen.

>Du schreibst, weil….?

… ich es endlich wieder kann.

>Wie möchtest Du Deinen 77. Geburtstag feiern?

Das weiß ich heute noch nicht, doch ich weiß wie er enden soll, nämlich wie jeder andere zuvor: Mit einem Dankesgruß ihn erlebt zu haben, möglichst mit den Liebstmenschen um mich herum und einem Innigdank an die, die nicht außenhüllig dabei sein konnten, doch unter meiner Haut ordentlich mitmazurkaten.

>Hättest Du ein Schiff…. welches wäre es, welchen Namen trüge es?

Ein eigenes Schiff? Uik, ein Katamaran vielleicht. Mit Segeln, wenn es das gibt. Beim Namen bin ich jedoch sicher, ich pinselte ihn eigenfreihändig klecksblauleuchtend an: Esperança.

>Das Wesen der Liebe…?

Für eine Antwort darauf dürfen Sie mich in einem meiner schönsten Träume begleiten:

Sachtes Wellenanlanden murmelt sich in Ihr Ohr, die Luft ist feinsamtwürzig, Kinderlachen suppensalzt diesen Sinnengenuß und ab und an ein Juchzen. Sonnenstrahlen küssen warmkribbelnd Ihre Schultern und die Schwarzkiesel zu Ihren Füßen sind wohlrund und spielend leicht kollernd auszubalancieren. Tief und vertikal die Athemzüge, unter Ihrer Haut möchten tausend Gärten erinnerlicht aufblühen. So intensiv ist dieses Fühlen, daß Ihr Wimpernvorhang beginnt zu flattern, möchte all das Sehnen und Sinnen bestaunen und eindioptrenieren. Einen Moment noch kosten Sie diese Sehensucht aus, dann öffnen sich Ihre Lider. Und Ihr Blick bleibt kurz an dem Schiff hängen, das gerade knapp vor dem Horizonte Ihre Sicht quert. Wandert weiter, zu denen, die Sie von Herzen lieben, sichtbar, oder nur als vager Schatten für diesen einen kostbaren Moment und kehrt doch zurück zu diesem besegeltem Gefährt, auf dessem Seite blauleuchtend dieser Name steht: Esperança. Stillseufzend erkennen Sie ein Wesen der Liebe, die Hoffnung, die niemals stirbt. Eines von vielen nur, doch vielleicht das wichtigste…

Statt neuer Fragen gebe ich diese meertauigen gerne weiter, weil sie wirklich gut sind und die Denkapparatur in Schwung bringen. Ich bitte um reichliche Beteiligung bei gewogenem Interesse und nominiere wie immer nur einen, aus Tradition und weil das Vergnüglichkeitsbeenebaumelgör was von Sehnsucht und blöden langweiligen Einhornpupstrostlosweiden mault, so ohne seinem Lieblingsumdenhalsschmeißer. Herr Guinness, ich darf doch mal wieder bitten?!

Und weil das innere Spielkind dank dem immer überraschenden Faktoiden gerade juchzend auf Zehenspitzen ballerinasiert und zu einer ordentlichen Nabelschau auch passendes Bildmaterial gehört, hier noch ein Porträt der Fragenbeantworterin, welches doch recht trefflich ist:

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Wasserfließgeschichten- Teil I Mein Bach

Mein Bach wurde eigentlich ‚Bache‘ genannt. Baaache mit langgezätschtem a. „Passt ock uff, Kindersche, kummt nu nie zu nahe anne Baaache! Die Gebauers Marie kummt sunst und holt euch nunder!“ so rief Ominkel es uns hinterher, wenn wir zum Spielen ausschwärmten im Gehöft an der Biegung des Flusses. Denn eigentlich war der Bach tatsächlich ein Fluß. Benamst sogar als ‚Weißer Schöps‘. Doch er blieb für uns die Bache. Und die Gebauers Marie eine stetige Mahnung. Es wird erzählt, die Kirchglocken im Niederdorfe hätten von alleine angefangen zu läuten, als der gellende Schrei ihrer Mutter durch die Flußaue hallte. So mancher Trunkenbold fand über die Zeiten in ihm sein nasses Ende, doch die Marie schwebte als Rotnaßkleidbündel warnend über unseren wasserinspirierten Spielen.

Angeln, käschern, Buden in den Weiden bauen und die Uferbäume beklettern, wie waren immer draußen. Im Winter führte unser Schulweg auf Kuven flußaufwärts und ach, allein über die jährlichen Hochwasser gäbe es Seiten zu füllen. Doch meine Erinnerung bleibt im Sommer stehen. Beim Fische anfüttern, zumindest in frühen Jahren, dann ließ der unkontrollierte Abwasserzufluss den Schöps umkippen. Es sollte Jahre dauern, bis der Fluß sich erholte. Jetzt kann man zumindest wieder beenebaumeln und der Eisvogel ist zurück, ich habe es jüngst gesehen. Rotaugen, Flußbarsche und auch Hechte werden wieder geangelt und Mama Löwenherz und ich erwogen sogar, eine Schwimmrunde zu wagen. Aber die erfolgte erfrischenderweise andernorts…

Zurück zu meinem Erinnerungsschub: Zum Fluß gehörte die sogenannte ‚Schöppe‘, einst als Wäscheanlaufstelle gebaut und als Bootseinstieg, war sie fast einen Sommer lang mein Lieblingsort. Bäuchlings lag ich auf ihr und spähte aufmerksam in das Wasser unter mir. Ich war schon immer geduldig in meiner Vorfreude, doch hier tat sich leider wochenlang nichts. Nur Matschpampe im abgeschnittenen und verknotetem Nylon von Mama. Ich hatte aufgeschnappt, daß ihre tolle sanftleuchtende Bernsteinkette aus Baumharz entstanden war und wollte mir so was Schönes auch zu eigen machen. Fing das Harz des Kirschbaumes auf und hing es versteckt unter der Schöppe in die Bache. Und wartete, wartete, wartete…

Das Gelächter des Großbruders schallte wohl auch sehr laut durch die Aue, nachdem ich stolz von meinem Getue berichtete und der Herr Papa schüttelte einmal mehr sein Haupt über den Kwatschkram des jüngsten Sippenkindes. Ich weiß bis heute nicht, ob er mich Zeitchen später meinen ersten echten Bernstein im Ostseeurlaub absichtlich finden ließ, doch zuzutrauen wäre es ihm. Ach Papa, ich hätte noch viel mehr Fragen gehabt, doch antworten wolltest du nie…

Meine Bache, mein Fluß, für ein paar Stunden brauche ich dich bei jedem Besuch für mich alleine. Du hast mich als erstes gelehrt, daß Wasser immer fließt, so wie die Wellen der Zeit. Und daß Kostbarkeiten manchmal verdammt lange wachsen müssen, ehe man sie als solches begreift.

Kaum zurück von meiner zwostündigen Rudertour, fiel dann endlich der sehnlichst erwartete Regen. Damit das Wasser immer weiter fließt…

Lastenträgerswarmleichtmachlächeln

Das Floratelier hatte ich vorabendlich schon wieder hübschig gemacht. Nach sieben Stunden Verkehrschaos nur flugs das Automobil gewechselt und ab zum Großmarkt, dann Neuerwerb an Blumigkeit versorgen und Altbestand betun. Den Kopf und noch mehr das Herz voller Neualtgeschichten, zu müde alsbald, um noch irgendeine aufzuschreiben. Das spätabendliche Telephonat mit Mama Löwenherz wird zum langen Dankaustausch und neue kleine Weißtdunochs werden behutsam ausgesäat.

Gestrig früh dann mit frohgemuthem Leichtsinn am gewohnten Blauebenenplatz geparkt und mit aufsteigendem Gluckslachen die Ringeltreppe heruntergeeilt. Da stand er an der Kreuzung. Der Weltenlastträger, gebeugt wie eh, die Arme schlapp herunterhängend. Eine Marionette, der irgend jemand die Fäden zerschnitt. Unwillkürlich suchte mein Blick nach Sveni, doch der war nirgends zu sehen. Warum auch, zu zweit nahm ich sie nur ein einziges Mal wahr.

Der schwäbelnde Mann saß alleine vorm Bäcker und freute sich offensichtlich, mich zu sehen. Wir wechselten wie gewohnt ein paar vergnügliche Gutwünschworte, da stand der krumme Kraushaarige wieder wie aus dem Nichts neben mir. Sein Schwarzblick fixierte mich und er stellte mehr fest, als daß er es fragte.“Du bist wieder da.“ Ich nickte ihm lächelnd zu. „Warst weg.“, so seine nächste Feststellung bei der sein flackernder Blick etwas weniger lodernd erschien. Ich nickte wieder und lud ihn auf einen Kaffee ein. „Kann ich später?“ fragte er. „Ja, klar.“ antwortete ich schlicht, ging nach drinnen und ich zahlte mit meinem Brot auch wieder einen Kaffee für ihn. Als ich den Laden verließ, war er nicht mehr zu sehen.

Meine Anfrage nach der Teilnahme an diesem famosen Projekt, auf das mich die bonfortionöse Frau Christiane hinwies, verlief sich wahrscheinlich in den inkompetenten Fäden der Filialnetzerei des Bäckereikette. Erneutes Nachhaken bewirkte nur ein Achselzucken seitens der Verkäuferin. Eigeninitiative ist jedoch die feinkleine Alternative. Man kennt mich, man kennt den Weltenlastträger, ich zahle einen Kaffee, er holt ihn sich, wenn er will. Ob das funktioniert, ich wußte es nicht, ich tat es einfach.

Heute Morgen eile ich wieder die Ringelreigentreppen hinab, sehe ihn an der Ecke vorm Bäcker stehn. Zuckend, sein Blick fleht gen Himmel und sein Kopf kippt schier unnatürlich weit in seinen Nacken. Als er mich um die Ecke kommen sieht, begradet sich sein gekrümmter Rücken, der Kohleblick wird warmscheinend und ein vorsichtiges Lächeln fließt in das Delta seiner Augenfalten. „Du hast mir Kaffee gegeben“ formuliert er behutsam stockend. „Ich danke Allah und dir. Und bete für dich.“ Ich nicke ihm augenwassernd zu und verspreche ein Wiederthun, so er es denn möchte. Sein Lächeln tropft in seine Mundwinkel, nicht zu vergleichen ist die Schönheit dieses Lächelns mit den bisherigen schmalen Schiefversuchen. Und es flutet auch mich. Lächelnd gehen wir weiter, er begleitet mich ein kurzes Stück und beim Abbiegen in Richtung Teestube dankt er mir allahpreisend noch einmal. Ich trage dieses Lächeln seitdem in mir drin und nein, diesmal ist keinerlei Anflug von Scham darin. Ich bin hier willkommen und heiße andere willkommen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit im ganz eigenen Minikosmos gelebt und, wie der immer tiefsinnige Alltagsphilosoph so trefflich ergänzte; durchzogen von den zartsanften Lächelfäden der Dankbarkeit. Was könnte in diesem Moment wertvoller sein?

Claras Chronik 13.08.2015

Ein Flügel?! Mein lieber Victor, ich verstehe nicht! Heute Morgen liegt nun ein sanftpuderbunter Flügel neben meinem müdwehem Kopfe. Ist dies ein Zeichen von Ihnen? Ein Flügel… Was soll ich denn mit einem Flügel? Zum Emporschweben bedarf es doch immer zweier, um die Balance zu halten und genügend Kräfte zu entfalten… Ein Flügel. Eine Gabe von Ihnen? Victor, niemand hilft mir, eine Antwort zu finden. Noch nie war ich einsamer, als an diesem Gestade. Erinnern Sie sich an die klagenden Hähne, von denen ich Ihnen unlängst schrieb? Es gibt keinen mehr. Weniger und weniger wurden sie, gingen vorneweg den erlösenden Pfad, der einzig gangbare aus dieser alles erstickenden hitzigen Einsamkeit. Ich halte den letzten Federkiel in meinen schmutzigen Händen und auch dieser birst mir alsbald endgültig. Ein Flügel. Farbig schimmert er. So wie einst die leuchtenden Sonnenuntergänge hinter den sich überrollenden Wellen, die frisch und salzig sich brachen und leiseflüstrig dann durch die Schwarzrundkiesel anmurmelten, um meine dankbaren Füße zu umhüllen. Der Bernstein schimmerte in diesem leuchtenden Orange, wenn ich mich Ihnen am nahesten fühlte. Jetzt glimmt er ockerbraun, fast gleich der Erde, die hier einst reich und lebendig war. Der Stein dunkelte, die Erde brach und mit ihnen mein Gemüth. Ein Flügel. Eine Schwinge, so puderzart und weich und so wundervollbringend, doch nicht eine alleine kann dieses Sein bewirken. Zwei, zwei der gleichen Art müssen es doch sein. Ach, mein Victor, warum kamen Sie nie hierher? Eine Rettung für mich und die Gewissheit, dies müßte das Gestade sein, an dem wir uns endlich finden, wie schon tausendtraut in meinen Träumen. Ich harrte Tag um Tag, baute Paläste  auf aus erdachten Gesprächen und möbilierte sie mit empfundenen Liebkosungen. Ein Flügel. Einer, um den nun mein ganzes Sinnen sich wölbt. Muster darauf, gleich einer Landkarte. Ich ziehe behutsam die Linien nach. Da, ein Gestade mit anlandenden Wogen, dunkel durchzogen, gleich dem hiesigen… Victor?! Im Nordwesten, der hellere Fleck, ist das die Bucht, begrenzt von den steilen Klippen? Und die orangenen Ebenen, die verdorrten Felder und Wiesen, die ich nie weiter durchschritt, weil unerbittlich die Sonne brannte da droben, sind das die, auf die ich jetzt fassungslos blicke? Und dann weiter, die schwarzen Flecken? Berge? Gen Osten dann ein Tal, dahinter ein weiteres Gestade, sanft und schaumkronig betüncht? Oh mein Victor! Ich begreife und begreife es nicht. Mein Herz, es sprengt mir fast die Brust, mein Athmen möchte den Brodem verlachen und die Füße, ach, kein Tanzkarteneintrag ließe sie zappeliger werden! Victor, mein Victor, mein treuer, liebfeiner Kamerad und Freund! Der Bernstein, er schimmert jetzt heller, er fühlt Sie genau wie ich in sich drin. Ein Flügel, mein Victor, ein Flügel alleine, der mich  schweben läßt! Ich danke Ihnen und verstehe nun, daß mein Ausharren mich stumpf werden ließ. Ich törichtes Ding, zu glauben, angekommen zu sein und nur warten zu müssen! Im Stillstand, der nur Grauen in sich trägt und Trägheit! Victor, mit dem endgültigen Bersten meiner letzten Feder erneuere ich mein ewiges Vesprechen: Ich finde Sie, wo auch immer Sie sind, meine Suche wird nimmer vergebens sein. Ich verbleibe erfüllt von neuer Hoffnung, immer die Ihre, Clar♦∗∼·

clarasfluegel

Gleich meiner  Clara tragen auch die meinigen Füße mich fort in eine freiwillige Famoskurzklausur und kein Rechenknecht wird mich begleiten. Was? Nee, nix Geschriebenes wird zu lesen sein bis dahin, auch kein Mail. Aber es gibt ja genügend Altlesestoff, Claras Wege durch die Zeiten zum Beispiel. Ich nehme auf meine Wege eine Kladde mit und den Schnischnappschussapparat. Und innendrinnig natürlich die fabulösesten Silbenballerinas und grandiösesten Wortsatzgesellen wo gibt. Alles Liebe, auf bald, Käthe Knobloch, kwietschvergnügt und bitte mit o, solbstvorstondloch.

Claras Chronik 12.08.2015

Mein lieber Victor, ach, selbst die Anrede fällt mir nun schon schwer, wie das Heben des hitzemüden Kopfes, um nach dem Schwirrgeflatter der längst klagenden statt jubilierenden Lerche zu schauen. So tief sah ich sie noch nie auf den klippennahen Feldern suchend rufen. Und wie die flirrenden Wackelbilder über den bereits verdorrten Feldern, flirrt die Trägheit auch in mir. Ich bin selbst ein Wackelbild. Oh bitte, bangen Sie nicht um mich, falls Sie überhaupt… nein, solcher Frevel darf nie und nimmer mit meinen süßen Tränen auf die gebleichten Papiere fallen, die sich in der Sonnenglut aufwölben, wie die verbrannte Erde, kurz bevor sie harsche Risse durchzieht. Die Tinte, sie ist so schnell trocken, die Feder spreizt sich, als möchte sie dieses Notat gar nicht verfassen. Ich selbst, mein Innerstes spreizt sich ebenso. Victor, ach, Victor, soviele Tränen sind geweint, das Salz, es hat sich herausgewaschen. Das Meer, es ist süß geworden. Trocken das Gestade, zerzackt die Schwarzkiesel und unter grüner Algenschicht begraben. Tote Fische, weißbäuchig gebläht treiben, nein, stecken in ebenso toten Sträuchern fest und ein süßlicher Brodem durchzieht die mühsam zu athmende Luft. Süß, wie meine Tränen mir schmecken, wenn denn eine den rissigen Mundwinkel erreicht. Haben Sie je süße Tränen geweint? Es erschrickt mich jedesmal bis in die innersten Fasern meines Seins und dann  renne ich an den Uferstreifen, der nicht mehr der ist, wo ich gelobte, auf Sie zu warten, grünschwarzspitzig, stinkend und voller Tod und dennoch muß es das eine Gestade sein, an dem einst und allezeit die tränengeschmackige Brandung anrollte.  …Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schon hier verharre, Victor, Victor, ich habe es Ihnen geschworen. Tausendfach. Und schier tausendfach auch die Zweifel, mich in Wellen überschwemmend, als müßte der Zweifel das einstige Getobe des Meeres ersetzen, das nun wie ein müdtrübträges Spiegelbild seiner selbst zu meinen Füßen liegt. Victor, ich flehe Sie an, ein Zeichen, nur ein einziges. Wie können Sie mich an diesem verfluchten Ort alleine lassen?! Keine Musik, nicht mal das Geflüster von Wellengischtspitzen labt meine versandeten Ohren, nicht nur die Lerche gibt sich krähenartig, nein, auch die Seeschwalben, deren munteres Gezwitscher irgendeine höhere Macht mit Schmirgelpapier aufgerauht hat; alles, alles kratzt sich hinein in meinen Kopf, der schwerer und schwerer wird dadurch. Was hier mal Leichtigkeit war, sicheres Wissen und unbändige Freude, es ist mir Last und Kummer geworden. Ohne jedes Zeichen von Ihnen, mein treuteurer Victor, ist mir als wäre ich selbst nun zum Zeichen verdorrt. Ein dürres, karges, in dem kein Leben mehr pulsen möchte und kein Lachen sich flatternd in die Lüfte geysiert. Wie auch, so ohne der Hoffnung Zartschwingen, getragen von auflandenden Winden… ach, Victor, so müde sind meine Augen und die verqollenen Finger halten kaum mehr die Feder, die ohnehin sich ausgedünnt hat, wohl gerade so wie ich… Ein Zeichen, ich bitte Sie, einen Schwingengruß, der meiner Esperança neue Kraft verleiht. Ich bin so matt, so schwer von Sorge, grau und marode wie alles um mich herum. Ich sehe Sie nicht mehr, Ihr Bild, es entbuntet sich. Habe ich zulange sicher und glücklich verharrt und darob Sie begonnen zu vergessen? Nein, nein, wie könnte Undenkbares je geschehen? Der Bernstein, er glimmt doch jeden Tag in meinen Händen, ich bleibe doch die, die ich bin. Immer die Ihre. Victor? Victor…

Claraskummer

Sveni, der Weltenlastträger, ich und Frau Christiane

Ausnahmsweise stelle ich eine Ergänzung mal wohlgemuth vorab, weil aus meinem schnell niedergeklickerklackerten Freudschamtext die Möglichkeit zur weiteren einfachen Hilfe erwuchs. Frau Christiane hinterlegte einen Link, den ich hier gerne einfüge, weil nicht jeder alle Kommentare liest. Bitte teilen Sie Kaffee und Link und natürlich die bonfortionöse Idee, die dahinter steckt. Ich habe mich heute registriert und werde hier in Provinzanien mit den Kaffeedealern darüber reden. Danke, liebe Christiane, bloggen fetzt!

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Sonntagmorgen, ich eile wohlgemuth die Ringeltreppe vom Parkhaus hinab. Die Sonne scheint, der gestrige Regen hat die Luft gereinigt und einem fleißfröhlichem Tag, der aufgrund des Weinfestes ein verkaufsoffener für mich ist, steht nichts bitter oder barmend gar im Wege. Komme bei dem Bäcker mit Außenbestuhlung vorbei, am ersten Tisch schlummert mal wieder Sveni, die leere Bierdose noch auf dem Schoß. Hier kaufe ich gern meine Sonntagsbrötchen, nicht weil die besonders oder gar selbstangesetzt sind, nein, ich habe noch nie erlebt, daß die Verkäuferinnen einen der Clochards hier verscheuchten. Wenn Gäste die Bestuhlung für sich beanspruchen, werden die nichtzahlenkönnenden Menschen höflich gebeten, ihren Platz zu räumen. Sveni kenne ich seit Jahren, ein Flaschensammler, er bekam schon manches Leergut von mir in seine schmutzigen Hände gedrückt. Er bedankt sich immer in einem sehr gewähltem Hochdeutsch und einem Gottessegen.

Am zweiten Tisch sitzt das freundliche Ehepaar, mit dem ich immer ein kleines Schwätzchen halte. Übers Wetter, über meine mitgeschleppten Grün- und Blühsachen aus dem Garten beim Haus am Ende des Weges und die neuesten Bauarbeitenpossen in der gerade wie durchfurchten Stadt. Sveni wird aufmerksam, blickt mich mit verquollenen Augen kurz an, erkennt mich augenscheinlich nicht, sonst hätte er wenigstens reflexartig die Hand ausgestreckt; und sackt wieder in sich zusammen. „Armer Kerl.“ sagt die Frau und murmelt weiter  was von Sauferey und wechem Verstand. Ich weise sie auf die Narbe hin, die sich von der Stirn an sichtbar über Svenis verlebtes Gesicht zieht und sage: „Wir wissen doch nichts von ihm.“ Im rechten Augenwinkel entdecke ich den Weltenlastträger.

Ich nenne ihn so, weil er alle Last der Welt auf seinen Schultern zu tragen scheint. Stets den Blick auf den Boden gesenkt, durchwandert er die Stadt, den Rücken in einem schier unnatürlichen Bogen gewölbt und die langen Arme steif nach unten gesenkt. Beim Laufen sieht er aus wie eine traurige automatische Puppe. Ich begegne ihm fast jeden Morgen. Manchmal steht er zuckend an einer Straßenecke, dann und nur dann hebt er den Kopf und reckt sein Kinn fast anklagend gen Himmel. In den Momenten schweigt er, aber wenn er durch die Strassen trottet, murmelt er unablässig vor sich hin. Ich fing eines Tages an, einen Morgengruß ihm zu schenken. Irgendwannn hob er den Blick, das heißt, er versuchte es. Schwarze Blitze flogen unter dichten Brauen und dem Schwarzkraushaar mir entgegen. Erschreckt, gehetzt, abweisend. Ich blieb vor ihm stehen und wiederholte meinen Gruß. Wie ein Vorhang fiel die Abweisung von ihm und er grüßte in gebrochenem Deutsch zurück. Ab da schien er schier auf mich zu warten, freute sich anscheinend über meinen Gruß, zumindest schenkte er mir ein schiefes Lächeln und traute sich ab und an, mir bittend die Hand entgegenzustrecken. Als Dank sagte er immer den gleichen Spruch: „Ich bete zu Allah für dich.“

Heute stellt er sich genau in meinen Weg, wartet, bis ich dem Ehepaar ein Adieu sage und in den Bäcker hineingehen will. Da steht er plötzlich neben mir und traut sich, mich anzusprechen: “ Kaffee. Kaufst du Kaffee?“ Ich blicke ihn an, er senkt seinen Schwarzheißblick. „Klar, willst du einen zum mitnehmen?“ frage ich. Er nickt und folgt mir an die Theke. Während wir warten, frage ich ihn, ob er Milch oder Zucker dazu möchte, was er kopfschüttelnd verneint. Ich gebe meine Brötchenbestellung auf und einen Kaffee für ihn, den er kopfnickend entgegennimmt. Dann murmelt er was von „Nochnbecher…“ Die Verkäuferin und ich schauen uns ratlos an. „Nochnbecher, bitte.“ „Er möchte wohl noch einen leeren Becher, ich kaufe noch einen,“ sage ich zu ihr und sie reicht einen weiteren Pappbecher über den Tresen. Er nimmt ihn schnell und geht nach draußen. Sein Rücken scheint sich dabei noch tiefer zu krümmen. „Vielleicht möchte er ihn strecken, um länger davon zu haben…“ so mein eigentlich hilfloser Erklärungsversuch. Ich zahle, der zusätzliche Becher kostet nichts; und gehe mit einem freundlichen Sonntagsgruß nach draußen.

Das Ehepaar ist weg, doch einen Tisch weiter steht der Weltenlastträger vor dem immer noch schlafenden Sveni. Neigt seinen Buckel noch weiter, er ist auf Augenhöhe mit dem im Stuhl zusammengesackten Flaschensammler und nimmt ihm behutsam die leere Bierdose aus den dreckigen Händen. Stellt sie auf den Tisch und umfaßt die Schultern des Schlafenden. Murmelt irgendwas, ich verstehe es nicht, doch Sveni schlägt die Augen auf und greift gierig nach dem Becher, der ihm jetzt hingehalten wird. Der Weltenlastträger hält den zweiten in den Händen. Ich zwinkere ein paarmal, erfasse dieses Bild nicht gleich. Doch als beide vorsichtig mit spitzen Lippen probieren und dann einen gierigen Schluck nehmen, da verstehe ich. Schäme mich mit einer gleichzeitig seltsam zu nennenden Freude und drei Worte fallen mir nun ein, die mal was bedeuteten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ganz unten gelebt, wovon wir träumen. Meine Scham überwiegt nun die Freude.

Blaupause- Frau Liebling findet (Farbstudie I)

Heide reckte sich über Freds Schulter, um nach der Blautüte auf dem Rücksitz zu suchen. Kurz zuvor hatten sie flüsterstimmig wie es nur Liebende vermögen, von ihrem Rausch in die Realität zurückgefunden. Und die hieß in Heides Fall schlichtweg ‚Durst!‘ Dabei stellte sie mit ihrer Ferse versehentlich die Musikanlage an und während sie es sich mit der  ergatterten Blauflaschenbeute auf seinem Schoß gemütlich machte, um diesen Körperkontakt sich bis in die Innenhäute hineinwellen zu lassen, erklangen wieder ganz fremdvertraute Töne:

„Komm, küß mich noch einmal, du kannst mich ein bißchen befrein…, nie hätte ich geglaubt daß das möglich ist. Meine eigene Frau Liebling…“ Freds Stimme brach ab und Heide antwortet mit einem Lächeln: „Ich hielt dich für einen Ritter und fand wohl den müden Prinzen in dir. Darauf trinke ich jetzt…“

Gewiss würde die Neige der ohnehin Billigfusel enthaltenen Blauflasche abgestanden sein. Nach einem ganzen Nachmittag in einem schaukelnden Auto in der Sommerhitze noch fader schmecken, als es der Discountprosecco eh tat. Auch wenn der himmelblaue Volvo die letzte Stunde einsam in der kühlen Abgeschiedenheit der obersten Etage des Parkhauses gestanden hatte, war es noch immer heiß im Wageninneren. Bezwinkert von dem Azullächeln des bis heute Mittag völlig Fremden setzte sie mit einem mehr als seeligen Lächeln die Flasche direkt an.

Blaupause

Ende