Sveni, der Weltenlastträger, ich und Frau Christiane

von kaetheknobloch

Ausnahmsweise stelle ich eine Ergänzung mal wohlgemuth vorab, weil aus meinem schnell niedergeklickerklackerten Freudschamtext die Möglichkeit zur weiteren einfachen Hilfe erwuchs. Frau Christiane hinterlegte einen Link, den ich hier gerne einfüge, weil nicht jeder alle Kommentare liest. Bitte teilen Sie Kaffee und Link und natürlich die bonfortionöse Idee, die dahinter steckt. Ich habe mich heute registriert und werde hier in Provinzanien mit den Kaffeedealern darüber reden. Danke, liebe Christiane, bloggen fetzt!

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Sonntagmorgen, ich eile wohlgemuth die Ringeltreppe vom Parkhaus hinab. Die Sonne scheint, der gestrige Regen hat die Luft gereinigt und einem fleißfröhlichem Tag, der aufgrund des Weinfestes ein verkaufsoffener für mich ist, steht nichts bitter oder barmend gar im Wege. Komme bei dem Bäcker mit Außenbestuhlung vorbei, am ersten Tisch schlummert mal wieder Sveni, die leere Bierdose noch auf dem Schoß. Hier kaufe ich gern meine Sonntagsbrötchen, nicht weil die besonders oder gar selbstangesetzt sind, nein, ich habe noch nie erlebt, daß die Verkäuferinnen einen der Clochards hier verscheuchten. Wenn Gäste die Bestuhlung für sich beanspruchen, werden die nichtzahlenkönnenden Menschen höflich gebeten, ihren Platz zu räumen. Sveni kenne ich seit Jahren, ein Flaschensammler, er bekam schon manches Leergut von mir in seine schmutzigen Hände gedrückt. Er bedankt sich immer in einem sehr gewähltem Hochdeutsch und einem Gottessegen.

Am zweiten Tisch sitzt das freundliche Ehepaar, mit dem ich immer ein kleines Schwätzchen halte. Übers Wetter, über meine mitgeschleppten Grün- und Blühsachen aus dem Garten beim Haus am Ende des Weges und die neuesten Bauarbeitenpossen in der gerade wie durchfurchten Stadt. Sveni wird aufmerksam, blickt mich mit verquollenen Augen kurz an, erkennt mich augenscheinlich nicht, sonst hätte er wenigstens reflexartig die Hand ausgestreckt; und sackt wieder in sich zusammen. „Armer Kerl.“ sagt die Frau und murmelt weiter  was von Sauferey und wechem Verstand. Ich weise sie auf die Narbe hin, die sich von der Stirn an sichtbar über Svenis verlebtes Gesicht zieht und sage: „Wir wissen doch nichts von ihm.“ Im rechten Augenwinkel entdecke ich den Weltenlastträger.

Ich nenne ihn so, weil er alle Last der Welt auf seinen Schultern zu tragen scheint. Stets den Blick auf den Boden gesenkt, durchwandert er die Stadt, den Rücken in einem schier unnatürlichen Bogen gewölbt und die langen Arme steif nach unten gesenkt. Beim Laufen sieht er aus wie eine traurige automatische Puppe. Ich begegne ihm fast jeden Morgen. Manchmal steht er zuckend an einer Straßenecke, dann und nur dann hebt er den Kopf und reckt sein Kinn fast anklagend gen Himmel. In den Momenten schweigt er, aber wenn er durch die Strassen trottet, murmelt er unablässig vor sich hin. Ich fing eines Tages an, einen Morgengruß ihm zu schenken. Irgendwannn hob er den Blick, das heißt, er versuchte es. Schwarze Blitze flogen unter dichten Brauen und dem Schwarzkraushaar mir entgegen. Erschreckt, gehetzt, abweisend. Ich blieb vor ihm stehen und wiederholte meinen Gruß. Wie ein Vorhang fiel die Abweisung von ihm und er grüßte in gebrochenem Deutsch zurück. Ab da schien er schier auf mich zu warten, freute sich anscheinend über meinen Gruß, zumindest schenkte er mir ein schiefes Lächeln und traute sich ab und an, mir bittend die Hand entgegenzustrecken. Als Dank sagte er immer den gleichen Spruch: „Ich bete zu Allah für dich.“

Heute stellt er sich genau in meinen Weg, wartet, bis ich dem Ehepaar ein Adieu sage und in den Bäcker hineingehen will. Da steht er plötzlich neben mir und traut sich, mich anzusprechen: “ Kaffee. Kaufst du Kaffee?“ Ich blicke ihn an, er senkt seinen Schwarzheißblick. „Klar, willst du einen zum mitnehmen?“ frage ich. Er nickt und folgt mir an die Theke. Während wir warten, frage ich ihn, ob er Milch oder Zucker dazu möchte, was er kopfschüttelnd verneint. Ich gebe meine Brötchenbestellung auf und einen Kaffee für ihn, den er kopfnickend entgegennimmt. Dann murmelt er was von „Nochnbecher…“ Die Verkäuferin und ich schauen uns ratlos an. „Nochnbecher, bitte.“ „Er möchte wohl noch einen leeren Becher, ich kaufe noch einen,“ sage ich zu ihr und sie reicht einen weiteren Pappbecher über den Tresen. Er nimmt ihn schnell und geht nach draußen. Sein Rücken scheint sich dabei noch tiefer zu krümmen. „Vielleicht möchte er ihn strecken, um länger davon zu haben…“ so mein eigentlich hilfloser Erklärungsversuch. Ich zahle, der zusätzliche Becher kostet nichts; und gehe mit einem freundlichen Sonntagsgruß nach draußen.

Das Ehepaar ist weg, doch einen Tisch weiter steht der Weltenlastträger vor dem immer noch schlafenden Sveni. Neigt seinen Buckel noch weiter, er ist auf Augenhöhe mit dem im Stuhl zusammengesackten Flaschensammler und nimmt ihm behutsam die leere Bierdose aus den dreckigen Händen. Stellt sie auf den Tisch und umfaßt die Schultern des Schlafenden. Murmelt irgendwas, ich verstehe es nicht, doch Sveni schlägt die Augen auf und greift gierig nach dem Becher, der ihm jetzt hingehalten wird. Der Weltenlastträger hält den zweiten in den Händen. Ich zwinkere ein paarmal, erfasse dieses Bild nicht gleich. Doch als beide vorsichtig mit spitzen Lippen probieren und dann einen gierigen Schluck nehmen, da verstehe ich. Schäme mich mit einer gleichzeitig seltsam zu nennenden Freude und drei Worte fallen mir nun ein, die mal was bedeuteten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ganz unten gelebt, wovon wir träumen. Meine Scham überwiegt nun die Freude.

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