Claras Chronik 12.08.2015

von kaetheknobloch

Mein lieber Victor, ach, selbst die Anrede fällt mir nun schon schwer, wie das Heben des hitzemüden Kopfes, um nach dem Schwirrgeflatter der längst klagenden statt jubilierenden Lerche zu schauen. So tief sah ich sie noch nie auf den klippennahen Feldern suchend rufen. Und wie die flirrenden Wackelbilder über den bereits verdorrten Feldern, flirrt die Trägheit auch in mir. Ich bin selbst ein Wackelbild. Oh bitte, bangen Sie nicht um mich, falls Sie überhaupt… nein, solcher Frevel darf nie und nimmer mit meinen süßen Tränen auf die gebleichten Papiere fallen, die sich in der Sonnenglut aufwölben, wie die verbrannte Erde, kurz bevor sie harsche Risse durchzieht. Die Tinte, sie ist so schnell trocken, die Feder spreizt sich, als möchte sie dieses Notat gar nicht verfassen. Ich selbst, mein Innerstes spreizt sich ebenso. Victor, ach, Victor, soviele Tränen sind geweint, das Salz, es hat sich herausgewaschen. Das Meer, es ist süß geworden. Trocken das Gestade, zerzackt die Schwarzkiesel und unter grüner Algenschicht begraben. Tote Fische, weißbäuchig gebläht treiben, nein, stecken in ebenso toten Sträuchern fest und ein süßlicher Brodem durchzieht die mühsam zu athmende Luft. Süß, wie meine Tränen mir schmecken, wenn denn eine den rissigen Mundwinkel erreicht. Haben Sie je süße Tränen geweint? Es erschrickt mich jedesmal bis in die innersten Fasern meines Seins und dann  renne ich an den Uferstreifen, der nicht mehr der ist, wo ich gelobte, auf Sie zu warten, grünschwarzspitzig, stinkend und voller Tod und dennoch muß es das eine Gestade sein, an dem einst und allezeit die tränengeschmackige Brandung anrollte.  …Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schon hier verharre, Victor, Victor, ich habe es Ihnen geschworen. Tausendfach. Und schier tausendfach auch die Zweifel, mich in Wellen überschwemmend, als müßte der Zweifel das einstige Getobe des Meeres ersetzen, das nun wie ein müdtrübträges Spiegelbild seiner selbst zu meinen Füßen liegt. Victor, ich flehe Sie an, ein Zeichen, nur ein einziges. Wie können Sie mich an diesem verfluchten Ort alleine lassen?! Keine Musik, nicht mal das Geflüster von Wellengischtspitzen labt meine versandeten Ohren, nicht nur die Lerche gibt sich krähenartig, nein, auch die Seeschwalben, deren munteres Gezwitscher irgendeine höhere Macht mit Schmirgelpapier aufgerauht hat; alles, alles kratzt sich hinein in meinen Kopf, der schwerer und schwerer wird dadurch. Was hier mal Leichtigkeit war, sicheres Wissen und unbändige Freude, es ist mir Last und Kummer geworden. Ohne jedes Zeichen von Ihnen, mein treuteurer Victor, ist mir als wäre ich selbst nun zum Zeichen verdorrt. Ein dürres, karges, in dem kein Leben mehr pulsen möchte und kein Lachen sich flatternd in die Lüfte geysiert. Wie auch, so ohne der Hoffnung Zartschwingen, getragen von auflandenden Winden… ach, Victor, so müde sind meine Augen und die verqollenen Finger halten kaum mehr die Feder, die ohnehin sich ausgedünnt hat, wohl gerade so wie ich… Ein Zeichen, ich bitte Sie, einen Schwingengruß, der meiner Esperança neue Kraft verleiht. Ich bin so matt, so schwer von Sorge, grau und marode wie alles um mich herum. Ich sehe Sie nicht mehr, Ihr Bild, es entbuntet sich. Habe ich zulange sicher und glücklich verharrt und darob Sie begonnen zu vergessen? Nein, nein, wie könnte Undenkbares je geschehen? Der Bernstein, er glimmt doch jeden Tag in meinen Händen, ich bleibe doch die, die ich bin. Immer die Ihre. Victor? Victor…

Claraskummer

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