bittemito

Monat: August, 2015

Lastenträgerswarmleichtmachlächeln

Das Floratelier hatte ich vorabendlich schon wieder hübschig gemacht. Nach sieben Stunden Verkehrschaos nur flugs das Automobil gewechselt und ab zum Großmarkt, dann Neuerwerb an Blumigkeit versorgen und Altbestand betun. Den Kopf und noch mehr das Herz voller Neualtgeschichten, zu müde alsbald, um noch irgendeine aufzuschreiben. Das spätabendliche Telephonat mit Mama Löwenherz wird zum langen Dankaustausch und neue kleine Weißtdunochs werden behutsam ausgesäat.

Gestrig früh dann mit frohgemuthem Leichtsinn am gewohnten Blauebenenplatz geparkt und mit aufsteigendem Gluckslachen die Ringeltreppe heruntergeeilt. Da stand er an der Kreuzung. Der Weltenlastträger, gebeugt wie eh, die Arme schlapp herunterhängend. Eine Marionette, der irgend jemand die Fäden zerschnitt. Unwillkürlich suchte mein Blick nach Sveni, doch der war nirgends zu sehen. Warum auch, zu zweit nahm ich sie nur ein einziges Mal wahr.

Der schwäbelnde Mann saß alleine vorm Bäcker und freute sich offensichtlich, mich zu sehen. Wir wechselten wie gewohnt ein paar vergnügliche Gutwünschworte, da stand der krumme Kraushaarige wieder wie aus dem Nichts neben mir. Sein Schwarzblick fixierte mich und er stellte mehr fest, als daß er es fragte.“Du bist wieder da.“ Ich nickte ihm lächelnd zu. „Warst weg.“, so seine nächste Feststellung bei der sein flackernder Blick etwas weniger lodernd erschien. Ich nickte wieder und lud ihn auf einen Kaffee ein. „Kann ich später?“ fragte er. „Ja, klar.“ antwortete ich schlicht, ging nach drinnen und ich zahlte mit meinem Brot auch wieder einen Kaffee für ihn. Als ich den Laden verließ, war er nicht mehr zu sehen.

Meine Anfrage nach der Teilnahme an diesem famosen Projekt, auf das mich die bonfortionöse Frau Christiane hinwies, verlief sich wahrscheinlich in den inkompetenten Fäden der Filialnetzerei des Bäckereikette. Erneutes Nachhaken bewirkte nur ein Achselzucken seitens der Verkäuferin. Eigeninitiative ist jedoch die feinkleine Alternative. Man kennt mich, man kennt den Weltenlastträger, ich zahle einen Kaffee, er holt ihn sich, wenn er will. Ob das funktioniert, ich wußte es nicht, ich tat es einfach.

Heute Morgen eile ich wieder die Ringelreigentreppen hinab, sehe ihn an der Ecke vorm Bäcker stehn. Zuckend, sein Blick fleht gen Himmel und sein Kopf kippt schier unnatürlich weit in seinen Nacken. Als er mich um die Ecke kommen sieht, begradet sich sein gekrümmter Rücken, der Kohleblick wird warmscheinend und ein vorsichtiges Lächeln fließt in das Delta seiner Augenfalten. „Du hast mir Kaffee gegeben“ formuliert er behutsam stockend. „Ich danke Allah und dir. Und bete für dich.“ Ich nicke ihm augenwassernd zu und verspreche ein Wiederthun, so er es denn möchte. Sein Lächeln tropft in seine Mundwinkel, nicht zu vergleichen ist die Schönheit dieses Lächelns mit den bisherigen schmalen Schiefversuchen. Und es flutet auch mich. Lächelnd gehen wir weiter, er begleitet mich ein kurzes Stück und beim Abbiegen in Richtung Teestube dankt er mir allahpreisend noch einmal. Ich trage dieses Lächeln seitdem in mir drin und nein, diesmal ist keinerlei Anflug von Scham darin. Ich bin hier willkommen und heiße andere willkommen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit im ganz eigenen Minikosmos gelebt und, wie der immer tiefsinnige Alltagsphilosoph so trefflich ergänzte; durchzogen von den zartsanften Lächelfäden der Dankbarkeit. Was könnte in diesem Moment wertvoller sein?

Claras Chronik 13.08.2015

Ein Flügel?! Mein lieber Victor, ich verstehe nicht! Heute Morgen liegt nun ein sanftpuderbunter Flügel neben meinem müdwehem Kopfe. Ist dies ein Zeichen von Ihnen? Ein Flügel… Was soll ich denn mit einem Flügel? Zum Emporschweben bedarf es doch immer zweier, um die Balance zu halten und genügend Kräfte zu entfalten… Ein Flügel. Eine Gabe von Ihnen? Victor, niemand hilft mir, eine Antwort zu finden. Noch nie war ich einsamer, als an diesem Gestade. Erinnern Sie sich an die klagenden Hähne, von denen ich Ihnen unlängst schrieb? Es gibt keinen mehr. Weniger und weniger wurden sie, gingen vorneweg den erlösenden Pfad, der einzig gangbare aus dieser alles erstickenden hitzigen Einsamkeit. Ich halte den letzten Federkiel in meinen schmutzigen Händen und auch dieser birst mir alsbald endgültig. Ein Flügel. Farbig schimmert er. So wie einst die leuchtenden Sonnenuntergänge hinter den sich überrollenden Wellen, die frisch und salzig sich brachen und leiseflüstrig dann durch die Schwarzrundkiesel anmurmelten, um meine dankbaren Füße zu umhüllen. Der Bernstein schimmerte in diesem leuchtenden Orange, wenn ich mich Ihnen am nahesten fühlte. Jetzt glimmt er ockerbraun, fast gleich der Erde, die hier einst reich und lebendig war. Der Stein dunkelte, die Erde brach und mit ihnen mein Gemüth. Ein Flügel. Eine Schwinge, so puderzart und weich und so wundervollbringend, doch nicht eine alleine kann dieses Sein bewirken. Zwei, zwei der gleichen Art müssen es doch sein. Ach, mein Victor, warum kamen Sie nie hierher? Eine Rettung für mich und die Gewissheit, dies müßte das Gestade sein, an dem wir uns endlich finden, wie schon tausendtraut in meinen Träumen. Ich harrte Tag um Tag, baute Paläste  auf aus erdachten Gesprächen und möbilierte sie mit empfundenen Liebkosungen. Ein Flügel. Einer, um den nun mein ganzes Sinnen sich wölbt. Muster darauf, gleich einer Landkarte. Ich ziehe behutsam die Linien nach. Da, ein Gestade mit anlandenden Wogen, dunkel durchzogen, gleich dem hiesigen… Victor?! Im Nordwesten, der hellere Fleck, ist das die Bucht, begrenzt von den steilen Klippen? Und die orangenen Ebenen, die verdorrten Felder und Wiesen, die ich nie weiter durchschritt, weil unerbittlich die Sonne brannte da droben, sind das die, auf die ich jetzt fassungslos blicke? Und dann weiter, die schwarzen Flecken? Berge? Gen Osten dann ein Tal, dahinter ein weiteres Gestade, sanft und schaumkronig betüncht? Oh mein Victor! Ich begreife und begreife es nicht. Mein Herz, es sprengt mir fast die Brust, mein Athmen möchte den Brodem verlachen und die Füße, ach, kein Tanzkarteneintrag ließe sie zappeliger werden! Victor, mein Victor, mein treuer, liebfeiner Kamerad und Freund! Der Bernstein, er schimmert jetzt heller, er fühlt Sie genau wie ich in sich drin. Ein Flügel, mein Victor, ein Flügel alleine, der mich  schweben läßt! Ich danke Ihnen und verstehe nun, daß mein Ausharren mich stumpf werden ließ. Ich törichtes Ding, zu glauben, angekommen zu sein und nur warten zu müssen! Im Stillstand, der nur Grauen in sich trägt und Trägheit! Victor, mit dem endgültigen Bersten meiner letzten Feder erneuere ich mein ewiges Vesprechen: Ich finde Sie, wo auch immer Sie sind, meine Suche wird nimmer vergebens sein. Ich verbleibe erfüllt von neuer Hoffnung, immer die Ihre, Clar♦∗∼·

clarasfluegel

Gleich meiner  Clara tragen auch die meinigen Füße mich fort in eine freiwillige Famoskurzklausur und kein Rechenknecht wird mich begleiten. Was? Nee, nix Geschriebenes wird zu lesen sein bis dahin, auch kein Mail. Aber es gibt ja genügend Altlesestoff, Claras Wege durch die Zeiten zum Beispiel. Ich nehme auf meine Wege eine Kladde mit und den Schnischnappschussapparat. Und innendrinnig natürlich die fabulösesten Silbenballerinas und grandiösesten Wortsatzgesellen wo gibt. Alles Liebe, auf bald, Käthe Knobloch, kwietschvergnügt und bitte mit o, solbstvorstondloch.

Claras Chronik 12.08.2015

Mein lieber Victor, ach, selbst die Anrede fällt mir nun schon schwer, wie das Heben des hitzemüden Kopfes, um nach dem Schwirrgeflatter der längst klagenden statt jubilierenden Lerche zu schauen. So tief sah ich sie noch nie auf den klippennahen Feldern suchend rufen. Und wie die flirrenden Wackelbilder über den bereits verdorrten Feldern, flirrt die Trägheit auch in mir. Ich bin selbst ein Wackelbild. Oh bitte, bangen Sie nicht um mich, falls Sie überhaupt… nein, solcher Frevel darf nie und nimmer mit meinen süßen Tränen auf die gebleichten Papiere fallen, die sich in der Sonnenglut aufwölben, wie die verbrannte Erde, kurz bevor sie harsche Risse durchzieht. Die Tinte, sie ist so schnell trocken, die Feder spreizt sich, als möchte sie dieses Notat gar nicht verfassen. Ich selbst, mein Innerstes spreizt sich ebenso. Victor, ach, Victor, soviele Tränen sind geweint, das Salz, es hat sich herausgewaschen. Das Meer, es ist süß geworden. Trocken das Gestade, zerzackt die Schwarzkiesel und unter grüner Algenschicht begraben. Tote Fische, weißbäuchig gebläht treiben, nein, stecken in ebenso toten Sträuchern fest und ein süßlicher Brodem durchzieht die mühsam zu athmende Luft. Süß, wie meine Tränen mir schmecken, wenn denn eine den rissigen Mundwinkel erreicht. Haben Sie je süße Tränen geweint? Es erschrickt mich jedesmal bis in die innersten Fasern meines Seins und dann  renne ich an den Uferstreifen, der nicht mehr der ist, wo ich gelobte, auf Sie zu warten, grünschwarzspitzig, stinkend und voller Tod und dennoch muß es das eine Gestade sein, an dem einst und allezeit die tränengeschmackige Brandung anrollte.  …Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schon hier verharre, Victor, Victor, ich habe es Ihnen geschworen. Tausendfach. Und schier tausendfach auch die Zweifel, mich in Wellen überschwemmend, als müßte der Zweifel das einstige Getobe des Meeres ersetzen, das nun wie ein müdtrübträges Spiegelbild seiner selbst zu meinen Füßen liegt. Victor, ich flehe Sie an, ein Zeichen, nur ein einziges. Wie können Sie mich an diesem verfluchten Ort alleine lassen?! Keine Musik, nicht mal das Geflüster von Wellengischtspitzen labt meine versandeten Ohren, nicht nur die Lerche gibt sich krähenartig, nein, auch die Seeschwalben, deren munteres Gezwitscher irgendeine höhere Macht mit Schmirgelpapier aufgerauht hat; alles, alles kratzt sich hinein in meinen Kopf, der schwerer und schwerer wird dadurch. Was hier mal Leichtigkeit war, sicheres Wissen und unbändige Freude, es ist mir Last und Kummer geworden. Ohne jedes Zeichen von Ihnen, mein treuteurer Victor, ist mir als wäre ich selbst nun zum Zeichen verdorrt. Ein dürres, karges, in dem kein Leben mehr pulsen möchte und kein Lachen sich flatternd in die Lüfte geysiert. Wie auch, so ohne der Hoffnung Zartschwingen, getragen von auflandenden Winden… ach, Victor, so müde sind meine Augen und die verqollenen Finger halten kaum mehr die Feder, die ohnehin sich ausgedünnt hat, wohl gerade so wie ich… Ein Zeichen, ich bitte Sie, einen Schwingengruß, der meiner Esperança neue Kraft verleiht. Ich bin so matt, so schwer von Sorge, grau und marode wie alles um mich herum. Ich sehe Sie nicht mehr, Ihr Bild, es entbuntet sich. Habe ich zulange sicher und glücklich verharrt und darob Sie begonnen zu vergessen? Nein, nein, wie könnte Undenkbares je geschehen? Der Bernstein, er glimmt doch jeden Tag in meinen Händen, ich bleibe doch die, die ich bin. Immer die Ihre. Victor? Victor…

Claraskummer

Sveni, der Weltenlastträger, ich und Frau Christiane

Ausnahmsweise stelle ich eine Ergänzung mal wohlgemuth vorab, weil aus meinem schnell niedergeklickerklackerten Freudschamtext die Möglichkeit zur weiteren einfachen Hilfe erwuchs. Frau Christiane hinterlegte einen Link, den ich hier gerne einfüge, weil nicht jeder alle Kommentare liest. Bitte teilen Sie Kaffee und Link und natürlich die bonfortionöse Idee, die dahinter steckt. Ich habe mich heute registriert und werde hier in Provinzanien mit den Kaffeedealern darüber reden. Danke, liebe Christiane, bloggen fetzt!

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Sonntagmorgen, ich eile wohlgemuth die Ringeltreppe vom Parkhaus hinab. Die Sonne scheint, der gestrige Regen hat die Luft gereinigt und einem fleißfröhlichem Tag, der aufgrund des Weinfestes ein verkaufsoffener für mich ist, steht nichts bitter oder barmend gar im Wege. Komme bei dem Bäcker mit Außenbestuhlung vorbei, am ersten Tisch schlummert mal wieder Sveni, die leere Bierdose noch auf dem Schoß. Hier kaufe ich gern meine Sonntagsbrötchen, nicht weil die besonders oder gar selbstangesetzt sind, nein, ich habe noch nie erlebt, daß die Verkäuferinnen einen der Clochards hier verscheuchten. Wenn Gäste die Bestuhlung für sich beanspruchen, werden die nichtzahlenkönnenden Menschen höflich gebeten, ihren Platz zu räumen. Sveni kenne ich seit Jahren, ein Flaschensammler, er bekam schon manches Leergut von mir in seine schmutzigen Hände gedrückt. Er bedankt sich immer in einem sehr gewähltem Hochdeutsch und einem Gottessegen.

Am zweiten Tisch sitzt das freundliche Ehepaar, mit dem ich immer ein kleines Schwätzchen halte. Übers Wetter, über meine mitgeschleppten Grün- und Blühsachen aus dem Garten beim Haus am Ende des Weges und die neuesten Bauarbeitenpossen in der gerade wie durchfurchten Stadt. Sveni wird aufmerksam, blickt mich mit verquollenen Augen kurz an, erkennt mich augenscheinlich nicht, sonst hätte er wenigstens reflexartig die Hand ausgestreckt; und sackt wieder in sich zusammen. „Armer Kerl.“ sagt die Frau und murmelt weiter  was von Sauferey und wechem Verstand. Ich weise sie auf die Narbe hin, die sich von der Stirn an sichtbar über Svenis verlebtes Gesicht zieht und sage: „Wir wissen doch nichts von ihm.“ Im rechten Augenwinkel entdecke ich den Weltenlastträger.

Ich nenne ihn so, weil er alle Last der Welt auf seinen Schultern zu tragen scheint. Stets den Blick auf den Boden gesenkt, durchwandert er die Stadt, den Rücken in einem schier unnatürlichen Bogen gewölbt und die langen Arme steif nach unten gesenkt. Beim Laufen sieht er aus wie eine traurige automatische Puppe. Ich begegne ihm fast jeden Morgen. Manchmal steht er zuckend an einer Straßenecke, dann und nur dann hebt er den Kopf und reckt sein Kinn fast anklagend gen Himmel. In den Momenten schweigt er, aber wenn er durch die Strassen trottet, murmelt er unablässig vor sich hin. Ich fing eines Tages an, einen Morgengruß ihm zu schenken. Irgendwannn hob er den Blick, das heißt, er versuchte es. Schwarze Blitze flogen unter dichten Brauen und dem Schwarzkraushaar mir entgegen. Erschreckt, gehetzt, abweisend. Ich blieb vor ihm stehen und wiederholte meinen Gruß. Wie ein Vorhang fiel die Abweisung von ihm und er grüßte in gebrochenem Deutsch zurück. Ab da schien er schier auf mich zu warten, freute sich anscheinend über meinen Gruß, zumindest schenkte er mir ein schiefes Lächeln und traute sich ab und an, mir bittend die Hand entgegenzustrecken. Als Dank sagte er immer den gleichen Spruch: „Ich bete zu Allah für dich.“

Heute stellt er sich genau in meinen Weg, wartet, bis ich dem Ehepaar ein Adieu sage und in den Bäcker hineingehen will. Da steht er plötzlich neben mir und traut sich, mich anzusprechen: “ Kaffee. Kaufst du Kaffee?“ Ich blicke ihn an, er senkt seinen Schwarzheißblick. „Klar, willst du einen zum mitnehmen?“ frage ich. Er nickt und folgt mir an die Theke. Während wir warten, frage ich ihn, ob er Milch oder Zucker dazu möchte, was er kopfschüttelnd verneint. Ich gebe meine Brötchenbestellung auf und einen Kaffee für ihn, den er kopfnickend entgegennimmt. Dann murmelt er was von „Nochnbecher…“ Die Verkäuferin und ich schauen uns ratlos an. „Nochnbecher, bitte.“ „Er möchte wohl noch einen leeren Becher, ich kaufe noch einen,“ sage ich zu ihr und sie reicht einen weiteren Pappbecher über den Tresen. Er nimmt ihn schnell und geht nach draußen. Sein Rücken scheint sich dabei noch tiefer zu krümmen. „Vielleicht möchte er ihn strecken, um länger davon zu haben…“ so mein eigentlich hilfloser Erklärungsversuch. Ich zahle, der zusätzliche Becher kostet nichts; und gehe mit einem freundlichen Sonntagsgruß nach draußen.

Das Ehepaar ist weg, doch einen Tisch weiter steht der Weltenlastträger vor dem immer noch schlafenden Sveni. Neigt seinen Buckel noch weiter, er ist auf Augenhöhe mit dem im Stuhl zusammengesackten Flaschensammler und nimmt ihm behutsam die leere Bierdose aus den dreckigen Händen. Stellt sie auf den Tisch und umfaßt die Schultern des Schlafenden. Murmelt irgendwas, ich verstehe es nicht, doch Sveni schlägt die Augen auf und greift gierig nach dem Becher, der ihm jetzt hingehalten wird. Der Weltenlastträger hält den zweiten in den Händen. Ich zwinkere ein paarmal, erfasse dieses Bild nicht gleich. Doch als beide vorsichtig mit spitzen Lippen probieren und dann einen gierigen Schluck nehmen, da verstehe ich. Schäme mich mit einer gleichzeitig seltsam zu nennenden Freude und drei Worte fallen mir nun ein, die mal was bedeuteten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ganz unten gelebt, wovon wir träumen. Meine Scham überwiegt nun die Freude.

Blaupause- Frau Liebling findet (Farbstudie I)

Heide reckte sich über Freds Schulter, um nach der Blautüte auf dem Rücksitz zu suchen. Kurz zuvor hatten sie flüsterstimmig wie es nur Liebende vermögen, von ihrem Rausch in die Realität zurückgefunden. Und die hieß in Heides Fall schlichtweg ‚Durst!‘ Dabei stellte sie mit ihrer Ferse versehentlich die Musikanlage an und während sie es sich mit der  ergatterten Blauflaschenbeute auf seinem Schoß gemütlich machte, um diesen Körperkontakt sich bis in die Innenhäute hineinwellen zu lassen, erklangen wieder ganz fremdvertraute Töne:

„Komm, küß mich noch einmal, du kannst mich ein bißchen befrein…, nie hätte ich geglaubt daß das möglich ist. Meine eigene Frau Liebling…“ Freds Stimme brach ab und Heide antwortet mit einem Lächeln: „Ich hielt dich für einen Ritter und fand wohl den müden Prinzen in dir. Darauf trinke ich jetzt…“

Gewiss würde die Neige der ohnehin Billigfusel enthaltenen Blauflasche abgestanden sein. Nach einem ganzen Nachmittag in einem schaukelnden Auto in der Sommerhitze noch fader schmecken, als es der Discountprosecco eh tat. Auch wenn der himmelblaue Volvo die letzte Stunde einsam in der kühlen Abgeschiedenheit der obersten Etage des Parkhauses gestanden hatte, war es noch immer heiß im Wageninneren. Bezwinkert von dem Azullächeln des bis heute Mittag völlig Fremden setzte sie mit einem mehr als seeligen Lächeln die Flasche direkt an.

Blaupause

Ende