Wasserfließgeschichten- Teil II Mein See

von kaetheknobloch

Mein See wurde erst diesen Sommer endgültig zu dem meinem. In meiner Kindheit spielte er eine untergeordnete Rolle, zu umlagert waren seine Steilufer und die wenigen Wasserzugangsstellen regelrecht überfüllt. Vor allem mit nahen Städtern, die mit lauter Schlagermusik aus den scheppernden Transistorradios und Hinterlassenschaften von Kippen, Flaschen und anderem Müll uns Bauernkindern nur ein Kopfschütteln verschafften. Wir radelten lieber bergwärts in die Steinbrüche, ebenso von menschlicher Hand geschaffen, wie der von uns oft ignorierte Kaolinsee. Der nun so viele Jahre später doch noch meiner wurde. Und der von Mama Löwenherz…

Dieser kurze, aber intensive Sommerurlaub gehörte vor allem Mama Löwenherz. Fast sechshundertkilometrige Nestflucht zehrzerrt immer mehr und jede Minute ist kostbar, die wir miteinander verbringen. Wobei kostbar nicht immer schmerzfrei heißt, aber davon mag ich hier nicht berichten. Nicht von den wimpernnassen Flüstergesprächen, in denen das Ringen um Verzeihung fast ersoff und nicht von den unheilvollen Weißtdunochs, die unsere Schulterblätter in gleichschmerzliche Fragezeichen sich wölben ließen. Nein, die Entdeckung unseres Sees war heilsam, labend und erquickend.

Die abendliche Radelrunde führte uns durch die noch immer drückende Hitzflirrluft zum Friedhof, die wenigen noch standhaften Sommerblüher wollten ihre tägliche Gabe. Für einen Moment suchten wir Zuflucht in der Dorfkirche, ein romanisches Kleinod, durch die baulichen Veränderungen eher an Interessantheit gewonnen und angenehm Kühllabung spendend. Mama zündete ein Kerzlein an und dachte ein stummes Gebet,  erst als wir wieder draußen in die Grabreihen unserer Lieben blinzelten, fing sie an aufzuzählen wie diese Dorfkirche ihr Leben beglitt. Ich kannte sie alle, diese Geschichten, war ja ein Teil von einigen, doch erst an diesem heißlähmenden Augustabend begriff ich richtig, warum sie so darauf beharrte, dort in den Kreislauf des Lebens zurückzukehren.

Stumm radelten wir weiter, kopfnickend wies Mama gen Oberdorf und obwohl es da arg hügelig wurde, trampelten wir die Wege hinauf. Ich stehfluchbeinig vorneweg, Mama langsam hinterdrein, japsend wartete ich auf den Hügelkuppen auf sie. Die wenigen Sachtmeterchen runter rollten wir einträchtig beieinander her. Wieder und wieder, bis fast am Ortsrand, an der letzten Neige, danach kam die sanften Felder und von weitem grüßte der umwaldete See; da sagte sie plötzlich beim Rollen: „Kind, liebes, kennst du noch den Willi? Der wohnt jetzt hier.“ Dabei zeigte sie auf das letzte stattliche Gehöft. Ich zog so heftig die Handbremse, daß ich fast über den Lenker des ungewohnten Schwägerinnenvelos abstieg. „Willi? Mein Willi?“ Dann  schaute ich angestrengt zum Wohnhause hin.

Willi war nicht nur mein Lehrmeister, er war in ruhigen Abendschichten kargkluger Lebensweisheitsmurmler. Die illegalen Fahrstunden mit dem Multicar gingen genauso auf seine Kappe, wie das Beibringen des richtigen Griffes wenn es galt die Läufer, also die Halbwüchsigen unter den Schweinen; stressfrei einzufangen. Wo andere das sechzehnjährige Gör gerne auflaufen ließen und stumm augenwinkelnd vor sich hinarbeiteten, tauchte er wortlos aber augenblaublitzend an meiner Seite auf… So wie jetzt, plötzlich, als hätte er geahnt, daß wir da stehen. „Meene Käthe, meene kleene…“ Seine Augen funkelten wie eh, umwellt von mittlerweile tausend Lachfältchen und die Premiere unserer Umarmung nach so vielen Jahren machte uns beide pupillenüberfließend…

Zeitchen später waren Mama Löwenherz und ich weiterradelnd unterwegs. Fragend ihre Blicke und dann stumm auch meine Antworten. Komm Mama, wir gehen jetzt baden, ich habe da noch soviel Dreck abzuwaschen. Was für Dreck denn, mein Kind ? Alten Schweiß, alten Staub, ach und auch der neue Dreck muß manchmal einfach runter, Mama. Komm, wir fahren zum Kaolin. Und wir bogen ab auf den holperigen Feldweg, umkreisten den halben wildverwucherten See und fanden eine Stelle, die wohl von Anglern noch besucht wurde. Der See selbst ruhte halbvergessen vor sich hin. Bis wir barkleidig und giggelnd ihn belebten und mit ihm gleichzeitig uns und unsere Lebensfreude.

Mein See

Die Heimfahrt eine heiterluftige, Mama schalt mich augenblitzend verantwortlich für diese Verrücktheit und mahnte schäkernd nachvergeblich der Gefahren, denen wir uns so leichtsinnig ausgesetzt. Was denn die Leute hätten denken sollen, wenn denn jemand uns gesehen hätte. Und ihr schwaches Herz! Und die steilen Abhänge! Und überhaupt, mit weit über die Siebzig nackert… Ach, Mama, Du bist doch meine Mama Löwenherz! Und ja, ich schreibe dieses über Dich, wenn ich es darf. Ich liebe Dich.

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