Ein Gefühl wie leergefüllt

von kaetheknobloch

Dieser eine verdammte Moment, in dem sich die Erde aufzutun scheint und all dein Sein in eine große Leere wandelt. Ein großes schwarzes Nichts, nur dein Wimmern und die schießenden Tränen zeugen noch von deinem Menschsein. Deine Denkapparatur versucht zu erfassen, was die Stimme am Telephon eben eher beiläufig in das bislang freundlich plätschernde Geburtstagswünschgespräch hineintropfen ließ. „E.? Dem gehts ja wohl schon besser. Hammse leidlich zusammengeflickt. Sitzt jetzt im Rollstuhl…“ Dein jäh entflammtes Entsetzen kaskadiert sich in gestammelte Neinneinneins, während deine Sinne nach diesem einen verdammten Moment der Leere plötzlich explodieren. Hörst Bremsen quietschen, riechst auslaufendes Benzin, siehst einen Körper zerschmettert auf der Straße liegen, schmeckst sein Blut, weil du dir die Lippen zerbeißt und fühlst, wie der Schmerz eherne Ringe straff um dein Herz zieht. „Scheiße, du hast das gar nicht gewußt?!“ „Er war doch im Sommer noch bei mir…“, mühsam presst du diese Worte heraus, spürst die Hitze nochmal schweißtropfig deinen Rücken herunterrinnen.

Presst auch die Hand deines Liebsten, der hilflos ob deines Kummers neben dir steht und gar nicht weiß, was da gerade diesen friedlichen Abend inferniert. Und du bringst sie kaum über die Lippen, die Worte, die dein Kopf sich weigert zu verstehen. „E. hatte einen Motorradunfall. Koma. Alles zerschmettert…“, es ist nicht deine Stimme die da krächzt, nein, du kennst diese Stimme nicht, die so unmögliches von sich gibt. Tränend steht der Liebste, während die Stimme am Telefon sich Mühe gibt, dir Einzelheiten behutsam zu schildern. Fast tot. Innere Organe teilweise weg, die Beine zertrümmert, ach so viele Knochen gebrochen. Aber es geht aufwärts. Liegt nun zur Pflege. Soll zur Reha. Er hat doch überlebt, hörst du, Käthe, er hat doch überlebt. E. ist doch zäh, du weißt es doch am besten, er ist wie du. Er lebt. Er kann im Rollstuhl sitzen. Es ist ein noch verdammterer Moment der Leere, als du begreifst, wie knapp das gewesen ist mit der Fürallewigkeit.

Füllst diese Leere nun mit stillen Schluchzern. Bekommst langsam wieder schmerzhaft Luft in deine Lungen und auch dein Denken setzt wieder ein. Fragst nach Wissen um Erreichbarkeit, stöhnst auf bei der Verneinung. Beendest das Gespräch irgendwie und starrst durch all den Tränennebel auf das dunkle Telefon in deiner Hand. Seine Nummer müßte doch auch nach all den Jahren noch im Speicher sein. Ist sie, du horchst dem Kurzgepiepe und siehst dazu innendioptrenisch eine  pulsierende Herzschlaglinie zackend. Eine Frau nimmt ab, du zitterstimmst dich durch eine versuchte Erklärung. E. ist der fremden Frau unbekannt, entschuldigungsbittend legt du wieder auf. Der Liebste hängt längst vor dem Rechenknecht und sucht nach anderen virtuellen Fußstapfen von ihm. Ohne Erfolg. Herz, gib Ruhe, denkst du und weißt im gleichen verdammten Moment, das es das nicht tun wird, denn E. war eine lange Zeit dein erster Herzensmensch. Und wieder füllst du dich mit hallender Leere.

Dir fällt die Frau ein, der du geholfen hast, unglücklich zu werden und mit der du seitdem nicht mehr gesprochen hast. Sie hatten doch immernoch Kontakt, das hat E. doch im Sommer erzählt. Warum hast du da verdammtnochmal nicht nach seiner neuen Telefonnummer gefragt?! Da taucht der Kerl urplötzlich auf und du bist so perplex, daß du nicht an das naheliegenste denkst. Aber er hat doch deine neue Visitenkarte mitgenommen und schieflächelte ein Aufbald. Warum hat er sich nicht gemeldet? Und auch deren Nummer findet sich noch im Speicher. Neinjaneinja, deine Gedanken sind jetzt karusselig, doch die Fingerkuppen streichen schon über die Tasten. Sie freut sich raussprudelig und erzählt die vergangenen Jahre in Minuten. Deine Bitte um Verzeihung dessen was war, läßt sie kehlig auflachen. „Die Dinge sind wie sie sind und ruf‘ wiedermal an, wir haben einiges auszusprechen…“ schließt sie eine so nicht erwartete Leere hinterlassend ab. Auf dem Zettel vor dir stehen zwei unter Tränen gekritzelte Zahlenfolgen.

Ein S. steht vor der ersten. Du hast sie kennengelernt und sie hat deutlich klargemacht, was sie von dir hält… Nein, dieses Fitzelchen an Kraft findest du heute Nacht nicht mehr. Du suchst das eine Hoffnungspuzzleteil, welches dieser Leere eine Ecke füllen könnte als auszubauender Anfang und dein Denkapparat pausiert noch immer. Du wählst die zweite Nummer, vor der ein E. steht. Das Jabitte ist unverwechselbar seine Stimme. Ich bins, Käthe, was machst du denn für eine Scheiße! Ey, schimpf nicht mit mir, ich bin hier das Opfer. Dein Weinen wölbt sich auf zu einem bebenden Schluchzer, der auch aus Freude hätte so tönen können und wird zum stillen Rinnen, als er gewohnt flappsig die fürchterlichen Sachen aufzählt, die seinem Körper geschahen. Doch etwas schwingt mit in dieser so vertrauten Stimme. Du kennst diesen Unterton, du hast ihn selbst geraume Zeit in der Stimme getragen. E. hat jetzt diesen Schattenhall der anderen Seite. Und du dein Samenkorn Hoffnung, welches anfängt in die Leere auszutreiben, weil du ja mit ihm sprichst.

Ihr könnt sogar zusammen lachen, gepaart mit Schmerzenstöhnen, seine Flappsigkeit tut unfassbar gutweh in diesem Moment, das hat sich nicht geändert. Dann schweigt ihr beide, weil die Erinnerung gleichzeitig einsetzt. Damals war es andersherum. Deine Wunden noch tiefweh und unvernarbt und er die reine Lebenslust. Du hattest ihn vorher nur ein einziges Mal gesehen und mit dem ersten Blick gewußt, er wird der Deine werden. Eine Sehnsucht überschwemmt plötzlich diese immernochige Leere in dir und du stammelst sie einfach heraus. Er lacht. My black girl, weißt du es noch? Du wolltest mich nicht sehen da im Krankenhaus. Wolltest nicht, daß ich dich so sehe. Denkst du, mir geht es jetzt anders? Ich bin ein Krüppel, gib mir Zeit, mich wiederzufinden. S. ist immer an meiner Seite. Es ist wie es ist. Wir beide hatten damals unsere Chance, wir hätten es fast richtig gemacht. Aber eben nur fast. Jetzt ist es gut, so wie es ist. Wir sehen uns wieder, wenn ich stark genug bin.

Ja, so machen wir das, mein Schiefnasigkohleäugigschöner. Weil es wirklich gut so ist, wie es ist. Zumindest gut genug für diesen verdammten Moment. Ich habe dich lieb, bitte bescheide mich, wenn du so weit bist. Du spürst sein satyriskisches Lächeln, als er dich an seine Überraschungsliebe erinnert und lächelst mit. Und auch der Liebste, der im Türrahmen lehnt, zeigt endlich ein erleichtertes Lippenspiel. Die tosende Leere in dir füllt sich mit dankbarer Liebe und was dich schwach machte wandelt sich in unglaubliche Lebenslust und dein ganzes Sinnen gibt nach und zerfließt in tausend weitere Tränen, die dein Samenkorn Hoffnung üppig begießen, bis du dich leergefüllt fühlst.

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