Frackt euch doch selber!

von kaetheknobloch

Zu einer selbst für Frühaufsteher ungewohnten Zeit frästen unsere Scheinwerfer Lichtschneisen in die herbstlichen Seitenstreifen der Landstraße gen Stadt, wo es eigentlich nicht gibt. Ziel: Einer der Sonderzüge nach Berlin, um sich in die Reihen der zahlreichen Demonstranten gegen TTIP und CETA einzufügen. Bielefeld war der letzte Halt und der Zug dementsprechend voll. 50.000 sollten zusammenkommen, eine Ahnung stieg in uns auf, als wir nur noch auf den Notsitzen einen Platz fanden. Kuschelten uns zusammen und ließen uns in den beginnenden Tag kutschieren. Sahen im verwurschtelten Warnbild des Abteilfensters ein treffliches Zeichen: Kopf nicht verlieren, Saufkumpanen aus dem Weg gehen und immer schön zusammenbleiben.

Berlin begrüßte uns menschenmassig, gut gelaunt und bitter kalt. Wir nutzten Seitenwege und -blicke und gelangten dementsprechend spät zur Sammelstelle am Hauptbahnhof. Nach vergeblichen Versuchen von verschiedenen Seiten uns heranzupirschen, beschlossen wir flugs zu Seiteneinsteigern zu werden. Die Ahnung um die Größenordnung dieses Protestes verdichtete sich allmählich. Zurück zur Friedrichstraße, Berlin verstärkte seine Willkommenskultur mit Hilfsbereitschaft und Lockerheit. Keine Spur von Genervtheit ob der Sperren und der überfüllten Verkehrsmittel. Und dann ließen wir die ersten tausenden Demonstranten an uns vorbeiziehen.

Was für ein großartiger bunter, friedlicher und lächelnder Haufen! Immer wieder gingen wir bei einer der vielen Gruppierungen ein Stückchen mit, klatschten zu Livemusikke von einem der Wagen, lauschten begeistert einem Bagpiper oder riefen bei einem der Sprechchöre mit. Die Vielfalt der Menschen, bei der Herfahrt bereits festgestellt, mehrte sich im Stadtbild. Und auch die Ahnung um die Größenordnung manifestierte sich. Nur Nazis, die sahen wir nicht. Ey, Spiegel! Den Polemikscheiß verlinke ich nicht nochmal, Herr Bludgeon war schneller. Ein paar versprengte AfD-ler wurden konsequent zur Seite gedrängt. Kreative Plakate und Aktionen unterbrachen die Flut der Anti-TTIP-Flaggen. Und auch am Straßenrand gab es viel Kreativität zu entdecken.

Wir liefen ein Stück hinter der lunteanzündenden Frau Merkel her und ich fand mein Lieblingsplakat, dessen Träger durchaus der bereits erwähnte mitlaufende Herr Bludgeon hätte sein können und das ich nicht schaffte vernünftig abzulichten, da der ganze Pulk bisweilen sehr wild sich verströmte: Frackt euch selber! Entzückend fotogen hingegen der kleine Tipiträger, der kurze Zeit vor uns lief. Dann überholten uns die NABU-Trommler, die uns sich wie dem Hamelner Pfeifer folgen ließen und wir tanzten, klatschten und schrieen uns durch das Regierungsviertel, so daß die innere Demonstrantendirne ihre Freude hatte. Ja, dafür waren wir hergekommen! Die ersten Teilnehmerzahlen machten die Runde und die vorherigen Ahnungen waren längst überholt.

Die NABU-Störche zeigten uns den Weg, ich löste bei ihrem Anblick mein Wildgans’sches Versprechen ein und tanzte ein Zusatzgetrappel für alle die, die uns ihre guten Wünsche auf diesen Protestweg mitgegeben. In den engen Häuserzeilen schwangen sich die Protestgesänge gen kreisende Hubschrauber, man meinte sie schier mitsummen zu hören. Und selbst hier waren wohl welche unserer Meinung, vielleicht lagen hinter den Spiegelfenstern ja die Büros der Rechten, die diese Demo nach Meinung diverser Berichterstatter organisiert hatten? Statt solchem offensichtlichem Blödsinn lieber ein echtes Statement: Danke für diesen Gänsehautmoment! Ein Fastviertelmillionenteilmoment!

Ich könnte noch zigfache Begegnungen und Herzlichmomente beschreiben, Augenblicke des Nachdenkens und Ahaaufblitzer. Auch den Kontrast zur Konsummeile am Potsdamer Platz oder weitere Berliner Szenen. Selbst die Nachtzugfahrt zurück birgt sowohl Famosmomente als auch Empörungsgetue. Und das Fußwehmüdaugengejammer behalte ich eh wohlweislich für mich. Aber das macht ja nüschte, beim nächsten Mal ist ja hoffentlich der geneigte Leser selbst dabei. Oder, um beim Gewerkschaftssprech der Abschlusskundgebung an der Goldelse zu bleiben: Macht mit, liebe Schreibkolleginnen und Schreibkollegen! Die Viertelmillion will bestätigt werden.

Unter einem lichtvollen Himmel kehren wir in die Provinz zurück, gleich dem Dunkelgewölbe über uns mit vielen hellen Innerpünktchen gefüllt und gefühlt. Erfahren erst da von den friedlichen Demonstranten in dem anderen Land, denen Haß und Dummheit dieses Recht  auf Leben, Gesundheit und vielleicht nur den Glauben an die Demokratie nahmen. Ich erschauere und fühle deren Angst, als wäre heute mein 1989 gewesen. Doch in mir leuchtet die erlebte Hoffnung…

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