Und was nützt die Wahrheit in Gedanken?

von kaetheknobloch

Und was nützte die Wahrheit, wenn man sie nicht ausspräche? Es nicht wagte, sie in Worte zu kleiden, die womöglich kratzsilbig sind und somit durchaus irritierend zuweilen? Und falsch womöglich, weil irgendwer ja allergisch auf die Wahrheit reagierte. Erkläre mal dem Winterlamm sein achsokurzes Leben und daß die liebevoll gereichte Zusatzmilch seine letzte sein wird, weil hinterrücks schon die Messer gewetzt. Empfehle mal einem Wollallergiker ein kuschelsanftes Schafsfell, er wird zetermordioschreiend lieber nackend davon laufen, als sich damit einzuhüllen, egal wie frostig es da draußen ist. Und was nützt die Wahrheit einem hungrigen Wolfe, der genau dieses Schafsfell sich überstülpt um lammfromm zu erscheinen? Sein geblecktes Gebeiß und seine sprungbereiten Tatzen verraten ihn ohnehin. Was nützt dem friedlichruhendem Tann das alles überscheinende Mondenlicht, wenn unter ihm dann achzuviele Gedärme ausbluten und er statt vor Eisigkeit nunmehr vor Kummer ächzst? Was nützt die Wahrheit in Gedanken? Nichts. So dachte ich bisweilen. Doch ich verdachte mich. Was nützt die Wahrheit in Gedanken? Manche Wahrheit bleibt rein in einem selber drin, befeuert kein Lämmergeblöke, keine Besserwisserey und kein Zähnegefletsche. Der innere Tann bleibt still und friedvoll, wenn diese Wahrheit die Gedanken umtucht und nicht nach draußen getragen werden muß. Außer vielleicht in sachtem Quellen, porig aus Lid und Riss. Gereinigt, bereinigt gar durch das subkutane Aufrechtnetz, in dem die Wahrheit sich begradigt. Wahrheitstränen gibt es oft, die keines Besprechens mehr bedürfen, wir müssen sie nur erkennen. Und dürfen dann ganz stille mit ihnen weinen.

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