bittemito

Käthe Knobloch. Bitte mit O. Erst ein Ä und dann zwei O.

Monat: März, 2016

Wellenkussmeerischkursweilchen

„Kannst du denn überhaupt noch meerisch?“ Die erste kleine Welle, die meine begummistiefelten Füße umspülte, klang etwas spottkieselkollerig. „Nun lass’se doch erstmal ankommen.“ wellte sich die nächste schlichtberuhigend heran. Ich wollte der Erstflüsterfragerin antworten, brachte aber nur ein herzkammerechoiges Seufzen heraus. „Ach, das klang doch ganz deutlich sehnsuchtssalzwasserig.“, rauschten zufriedenschäumig sich weitere Überschwangswasserchen heran. Wieder war ich nur zu einem Antwortseufzen fähig. „Lange nicht gesehen!“ Die nächste etwas größere Welle trug einen leichten schaumkammigen Vorwurf anlandend mit sich, den sie wild gegen meine Schienbeine warf. Sie kannte wohl den Schwachpunkt meiner gummistiefeliegen Wappnung und drückte mir einen unterzehngradigen Kuss auf die Haut. Eine einzelne Träne entfloh dem lidschlagig geschlossenem Wimpernvorhang und landete wangenwärts kaltwindig gekühlt in meinem Mundwinkel. Meine Handkuhle schöpfte ein wenig des immer noch murmelnden Seewassers und dann vermählten sich ein Weilchen zwei Tropfen ganzheitlich. Einen gab ich und einer wurde mir meerisch geschenkt. Manche Sprache verlernt man wohl nie.

Hinterhofharmonieheilsamfaksimiles

Manche Eindrücke müssen sich mehrsinnig durch die Synapsen ballerinen, allein ein Beschnappschussen reicht im Grunde nicht. Da muß ein Pulsen subkutan sich wellen, Gerüche sich naswärts einwalzern und eine feinste Wasserspielmelange die Lauschläppchen benoten. Die Hinterhofvögel geben gerne ein paar Takte hinzu. Hier wohnen Freundlichkeit und Lachen, manche Narbe kann so weißdünnlinig werden. Leben, es will gefeiert werden und zelebriert, der dunkelste Geist verliert seinen Schrecken. Und dennoch muß der Blick sich manchmal noch meer weiten.

Allen Besuchern ein friedvolles Osterfest, eine gute Zeit und Begegnungen, die warmflutend in die Herzkammern sich senken. Mir wird ein großer Wunsch sich erfüllen, meine Tränen können sich endlich wieder meerwärts versalzen und dadurch hoffnungsvoll verjüngen. Mein Lachen wird aufbrandend sich bäumen und gleich dem Möwenlachen auf Windschwingen landwärts ziehen. Und meine Gutmurmelworte raunen wie die Gesänge der Undinen an die Gestade und echoen zarte Resonanzen entlang der unsichtbaren Silberfäden hin zu denen, die ich liebe. Auf bald, ich nehme die, die es wollen gerne in mir mit. Hin und zurück.

Flatterzartfraktalfabulierfrönerey

Oh, was hülfe es sie zu beklagen, die Zeit, in der sich Sprache ihrer selbst enthebt. Ich keschere auf allen Wortspielwiesen und mache manches Mal mein Herz mir selbst frohbange, als würde ich nur um des Katalogisierenswillen alle diese Flatterzartfraktalfetzigkeiten feinstnadelig kladdig oder fingerkuppenstreichelnd tastaturig bannen. Freue mich mit Wimpernbravissimo und Feueräugigkeit stets über pupillige Bestaunung, so wie auch ich selbst vorsichtigstilleisejubelnd vor Flimmernschimmersilbenschnüren anderer sachtvertikalathme, nur um ja kein Silbersilbenstückchen verrückt zu machen. Es gibt ein Idealidiom universeller Schönheit, das reinnahherrlich und klarkristallig sich herztalwärts murmelt, gleich welchen rauhen Grundes es entsprang und dessen innerste Hellsilbigkeit selbst bangesten Denkpfad erleuchtet. Ob es schlichtschön formuliert ist oder flatterzartfraktalfabuliert, das ist wirklich einerley; Hauptsache, es klingt herzansaitend. Ist wie Musik.

Mama Löwenherz reisebarmt wohlgemuth

Kind, liebes, ein wenig gräme ich mich doch. Dass ich da nicht uffgepasst habe, wegen Ostern und so. Wir könnten uns sehen… Wie? Ja, klar freue ich mich auf die Reise, das wird bestimmt schee mit der Renaten, trotzdem… Sicher ist das auch entspannter für dich, ich weiß ja deinen Stress immer, erst im Laden und dann die Gurkerei hierher. Wie lange fährste denn bis zu deinen Freunden auf der Insel? … Ach, das geht ja, da haste ja auch mehr Zeit zum Erholen. Ich bin ganz schön uffgeregt wegen der Fliegerei nochmal. Is zwar nicht so lange, aber ich bin nich mehr im Flieger unterwegs gewesen seit dem Tod vom lieben Herbert, ach, Herbertl… Ich kann gar nich glauben, dass das so lange her ist. Hoffentlich muß ich nich wieder so schlimm brechen. Beim letzten Mal, ich hab mich so geschämt. Wie bitte? Ja, Kaugummi nehme ich diesmal mit… Und was? Kompressions…?! Kind, ich ziehe doch solche Altweiberstrümpfe nicht an! Ich habe mir extra Leggins gekauft, so dichte, enge. … Nein, die schnüren nicht ein, die sitzen perfekt. Mit Naht hinten runterlang. Wenn das dein Vater sehen könnte, verrückt isse wieder geworden auf ihre alten Tage, aber das warse ja schunst immer. … Ach, ich freue mich ja doch schun ganz schee auf die Insel. Paarunzwanzig Grad sagt der Wetterbericht. Ich hab schunst alle Shirts gewaschen, liegen auf Vatis Bett, ich muß bloß noch zusammenpacken. Ich bin so wintermüde, ich brauche nu echt Sonne. Wie? … Ja, das war schon immer eins der wenigen Dinge, die uns unterscheiden, da kommste echt nach deinem Vat… schon gut, ich weiß ja, entschuldige bitte. … Fürn Flieger nehme ich wieder den langen Flatterrock. Ja, da lachste! Weeßte och warum? Klar weeßte das… Ach, Kind, liebes, jetzte muß ich bißchen weenen. Nee, die Renaten werd ich nich anne Hand nehmen wie den Vati oder den lieben Herbert, wenns anfängt zu rumpeln, aber wer weeß! Und wennma abstürzen, dann hab ich ja meinen Flatterrock… Jetzt fängste och noch an zu schniefen! Meene Kleene, wennde ma vorherst nimma drieber lache kinnst, später kinnstes erst recht nimmi… Was? Wie Ominkel? Ich klang grade wie Ominkel? Na, dann hab ich ja alles richtsch gemacht. … Ja, ich dich auch. Ich melde mich nochmal vor Ostern. Tschau, bis dann und immer lieb sein!

Verwegene Verse XXXII

 

Jüngst durchbebte ich etliche langschwere Nächte,

sie waren echt grausambrauniger als ich je dächte,

dass graubraune Nächte mir so erscheinen können;

da kam der eine Morgen dann endlich hellersönnen.

Ja, ich schrub hellersönnen und nicht hellerleuchtet,

denn was mich schließlich so sanft augenbefeuchtet,

waren weder der Jubelmorgen mit all seinen Sonnen

noch die tirilierenden vorlenzigen Vogelsangwonnen.

Ohkee, Vogelwonnen hätte ich auch nicht verachtet,

vor allem, wenn mit Pünktchen sie o-wärts bedachtet,

doch ich fand mich bettlagerstättig ganz alleine wieder.

Ergo besönnte ich mich auf meine ganz eigenen Glieder,

streckte und rekelte mir ab das nachtbraune Gesumpfe,

frühsportelte wie immer, ohne Kleidchen und Strumpfe

und dehnte und lockerte mir Fleisch und die Behäutung.

Bald subkutante sich in mir warm eine neue Bedeutung

dessen, was die sachten Fingerkuppen da heranstrichen.

Erossirrende Phantastereyen sich ins Kopfkino schlichen,

schneller bebsenkten sich die Rundwölbungen vorderlich,

bekamen ihren Fingerspitztango natürlich ganz für sich

und auch die Rundungen rückseits so wohl erschaffen,

mußten nicht unbeachtet in Kühlheit erschlaffen:

Po gespannt, der Athem schnellste Melodie,

heiß die Haut; eine Fingertangosinfonie,

musterzeichnend voller Lust,

meine rechte Hand

und dann…

Frust!

Die Erkenntnis kam sofortiglich wie banalös:

Falschseitig gibt es kein Beglückereygetös,

rechts wirken immer die falschen Triebe

das ist bei den Wahlen, wie bei der Liebe.

Und dann, dann habe ich links gewählt,

was weiter geschah, wird hier nicht erzählt.

Nur eines noch ganz pssstbetrefflich:

Es war schönstnebensächlich…

Danke an die fabulöse Stefanie, die den Anstoß dafür gab, das Gewölle verwegen auszuversen.

Diese Verse sind für Dich.

Ich kann nicht darüber schlafen.

Nicht mal die eine Nacht, die ich für unbedingt notwendig halte, bevor ich meine Meinung äußere. Das Geseiere der etablierten Parteien von klarem Regierungsauftrag und Wirmüssendiemenschenbesserabholen, es dient heute nicht als verläßliches Valium, was ich schulterzuckend und belächelnd schlucken könnte. Ich verstehe es nicht. Was zu befürchten war, ist eingetreten und ich durchforsche meine Hirnkammern nach Menschen, die so gewählt haben könnten. Ich finde keine. Nicht einen einzigen. Also frage ich öffentlich: Warum? Ihr bisherigen Nichtwähler, warum auf einmal diese Partei? Habt ihr euch den Forderungskatalog, der als Programm deklariert ist denn einmal durchgelesen? Habt ihr da wenigstens Ansätze gefunden, wie diese Forderungen umgesetzt werden könnten? Ich nicht. Protestwähler seid ihr. Aha. Mal schön dem Nachbarn an den Gartenzaun pinkeln, weil darüberschauen ja viel schwieriger ist, denn dafür müßte man den Blick heben. Da standen mal Piraten parat. Das war eine Chance um Protest zu zeigen, die waren zwar auch nicht viel besser sortiert, hatten aber wenigstens eine Flagge, die sie stolz nach oben hielten. Über den eigenen Horizont hinaus. Aber das könnt ihr ja nicht sehen, der Zaun ist viel zu hoch.

PS: Daphne blüht!

Mein liebwerter tasmanischer Freund,

ich denke sehr oft an Dich, nicht mehr so oft wie im sich verduftendem letzten Jahr, doch innerherzig klopfregelmäßig. Frage mich, wie es Dir geht und manchmal frage ich das dann auch Dich. Bekomme Antwort, die mich nicht wirklich beseelt. Muß sie auch nicht, denn in meiner Seele werde ich nie Deine Blicke vergessen. Nicht den allerersten, als ich durch die außenbestuhlten Tischreihen des Cafes eilte und winzigkleine Väschen mit frischen Blumen verteilte. Du warst lesend vertieft und Dein erster Blick wirkte mehr erschreckt als beglückt. Dann folgte er mir und als Du Zeitchen später in meinem Hinterhof standest, schwand das Schreckstaunen aus Deinen Pupillen und Dein Blick wandelte sich in Zwovertraulichkeit. Verging ab diesem Moment eigentlich ein Tag, an dem wir uns nicht sahen für diese langkurze Zeit, in der Du in Provinzanien weiltest? Am tieferinnerlichsten bleibt mir Deine augenwassernder Freude, die Du mir wimpernvorhanghebend beim Anblick von Daphne schenktest. Und mit der Freude quollen Deine Heimaterinnerungen aus Dir heraus. Ich konnte Ach und Hach heraushören. Lieber Freund, hast Du Deine Daphne noch? Ich habe meine gut behütet überwintert, vielleicht zu gut, denn sie schenkt mir ihren Duft bereits im Hornung. Und mit ihm flutet mich die Sehnsucht nach unserer gemeinsamen Zeit. Ich vermisse Dein helles Lachen, Deine offene Freundlichkeit, Deinen bezaubernden Akzent und Dein kokettes Kichern nach einem weißen Rioja zuviel. Erinnere mich seufzend an unsere anschulternden Hinterhofgespräche, die wir wohl durchnächtigt hätten, wären die gesellschaftlichen Zwänge nicht mit strengen Uhren gemessen gewesen. Lieber Freund,  ich darf nun jeden Tag an Dich denken,  denn Daphne erinnert mich an Dich.

Daphnes Dank

Diesen Brief schrub ich Zeitchen bevor und irgendwas hielt mich davon ab, ihn abzusenden. Du hättest Deine Daphne ja irgendwo über Berlin, London oder sonstwo verlieren können und ich wollte Dich keineswegs brüskieren. Doch nun kam diese Deine SMS. Mit dem für mich oberallerbonfortionösestem PS: „Daphne blüht!“ Und dieser Duft enthält ein Versprechen: Wir werden uns dieses Jahr wiedersehen!

Schweinhorn und Staungesichter

Schlechte Nachrichten, zum Bersten angespannte Nervensträngelchen und Ärger mit allzu gierigen Kuchenabhabenwollern. Agressive Dummheit  auf den Straßen und Stammtischparolen, die ihre schmuddeligen Eckkneipen salbadernd verlassen. Eigene  Mahre, die sich plötzlich aus mariannengrabentiefen Abgründen erheben und ein Berg von Kleinstsörgelchen, die sich aufgebahren, als wären sie teutonischer Kammart. Dazu ständiger Fisselregen und tagwerkbedingte Pudelnassklammkälte, die in die wehen Fingergelenke kriecht und sie schmerzlich krümmt. Der Nacken krümmt sich solidarisch mit und senkt den Blick so automatisch etwas tiefer als gewohnt. Da findet er dann Staungesichter, die er bis dato hinterhöfisch nicht bemerkte. Ich mache die Staungesichter nach, ziehe Schnute und grimassiere vor mich hin, bis daraus ein Lächeln erwächst. Richte mich auf und sende ein schallendes Lachen gen hausbevierecktem Grauhimmel.

Nachmittags lasse ich die eine Praktikantin vor sich hinfriemeln, Stillbeschäftigung im Floratelier. Draußen werkele ich im Dauerregen lieber selbst weiter, da springt die Ladentür auf und die kwietschpubertierende Stimme überschlägt sich fast eingeschenkeingeschenkrufend. Stolz präsentiert sie ihre Basteley und erklärt auf meinen erheiterten, aber etwas verständnislosen Blick ihr Werk: „Das ist ein Schweinhorn! Sie mögen doch Einhörner nicht, lieben aber Schweine. Also habe ich Ihnen ein Schweinhorn als Glücksbringer gebastelt!“ Fassunglos blicke ich das Grandiosgör an, woraufhin nun ihr hellklingendes Lachen sich in den Grauhimmel spiralt. Und ich? Ich sah wohl aus, wie eines meiner hinterhöfigen Staungesichter.

Schweinhorn

Zwölf Fragen, für die es nur eine Antwort gibt.

Weißt du eigentlich, daß Sturzbäche aufwärts fließen können? Sich herzgeboren kaskadig ergießen, als stünde das Leben plötzlich Kopf? Und kennst du die ganz eigene innewohnende Irritation, weil alles salzerne langsam den Tränen entflieht? Diese Kruste, die salinisch deine bebende Brust subkutan umfaßt, das lebendliebene Herz will sie hinwegspülen und zerbricht sie erst kratzigstürmisch, fühlst du sie? Ersäufst du schier in den Wellen, die sich innendrinnig über dich erbrechen und nur Schreie dich Luft bekommen lassen? Spürst du den Schmerz, den dein Herz dann pumpend verursacht, weil es die Rauhklumpen durch den viel zu engen Kanal drückt, der deinen Hals sich beugen läßt und bis in die Schläfen wellt? Und dass deine Pupillen bald rotwehmüde und deine Nase noch immer voller berstschmerzender Salzkristalle ist? Die dein Herz weiter pulsflutend aus dir ergießen läßt? Kennst du das Gefühl, wenn das Leben erstmal genug vom Kopfstehen hat und dir auf die Beine helfen will? Weißt du eigentlich noch, wie dieser Moment sich anfühlt, wenn deine Tränen nicht mehr salzig schmecken, sondern mildsanft deine Wangen umstreicheln? Lebst du diesen Moment der Erkenntnis, wenn die Zungenspitze mundwinkelig eine vorerst letzte ebbige Süßperle auftippt und damit postscriptisch die eigentliche Botschaft erhält? Kannst du diese dann auch verstehen?