bittemito

Monat: März, 2016

Ich kann nicht darüber schlafen.

Nicht mal die eine Nacht, die ich für unbedingt notwendig halte, bevor ich meine Meinung äußere. Das Geseiere der etablierten Parteien von klarem Regierungsauftrag und Wirmüssendiemenschenbesserabholen, es dient heute nicht als verläßliches Valium, was ich schulterzuckend und belächelnd schlucken könnte. Ich verstehe es nicht. Was zu befürchten war, ist eingetreten und ich durchforsche meine Hirnkammern nach Menschen, die so gewählt haben könnten. Ich finde keine. Nicht einen einzigen. Also frage ich öffentlich: Warum? Ihr bisherigen Nichtwähler, warum auf einmal diese Partei? Habt ihr euch den Forderungskatalog, der als Programm deklariert ist denn einmal durchgelesen? Habt ihr da wenigstens Ansätze gefunden, wie diese Forderungen umgesetzt werden könnten? Ich nicht. Protestwähler seid ihr. Aha. Mal schön dem Nachbarn an den Gartenzaun pinkeln, weil darüberschauen ja viel schwieriger ist, denn dafür müßte man den Blick heben. Da standen mal Piraten parat. Das war eine Chance um Protest zu zeigen, die waren zwar auch nicht viel besser sortiert, hatten aber wenigstens eine Flagge, die sie stolz nach oben hielten. Über den eigenen Horizont hinaus. Aber das könnt ihr ja nicht sehen, der Zaun ist viel zu hoch.

PS: Daphne blüht!

Mein liebwerter tasmanischer Freund,

ich denke sehr oft an Dich, nicht mehr so oft wie im sich verduftendem letzten Jahr, doch innerherzig klopfregelmäßig. Frage mich, wie es Dir geht und manchmal frage ich das dann auch Dich. Bekomme Antwort, die mich nicht wirklich beseelt. Muß sie auch nicht, denn in meiner Seele werde ich nie Deine Blicke vergessen. Nicht den allerersten, als ich durch die außenbestuhlten Tischreihen des Cafes eilte und winzigkleine Väschen mit frischen Blumen verteilte. Du warst lesend vertieft und Dein erster Blick wirkte mehr erschreckt als beglückt. Dann folgte er mir und als Du Zeitchen später in meinem Hinterhof standest, schwand das Schreckstaunen aus Deinen Pupillen und Dein Blick wandelte sich in Zwovertraulichkeit. Verging ab diesem Moment eigentlich ein Tag, an dem wir uns nicht sahen für diese langkurze Zeit, in der Du in Provinzanien weiltest? Am tieferinnerlichsten bleibt mir Deine augenwassernder Freude, die Du mir wimpernvorhanghebend beim Anblick von Daphne schenktest. Und mit der Freude quollen Deine Heimaterinnerungen aus Dir heraus. Ich konnte Ach und Hach heraushören. Lieber Freund, hast Du Deine Daphne noch? Ich habe meine gut behütet überwintert, vielleicht zu gut, denn sie schenkt mir ihren Duft bereits im Hornung. Und mit ihm flutet mich die Sehnsucht nach unserer gemeinsamen Zeit. Ich vermisse Dein helles Lachen, Deine offene Freundlichkeit, Deinen bezaubernden Akzent und Dein kokettes Kichern nach einem weißen Rioja zuviel. Erinnere mich seufzend an unsere anschulternden Hinterhofgespräche, die wir wohl durchnächtigt hätten, wären die gesellschaftlichen Zwänge nicht mit strengen Uhren gemessen gewesen. Lieber Freund,  ich darf nun jeden Tag an Dich denken,  denn Daphne erinnert mich an Dich.

Daphnes Dank

Diesen Brief schrub ich Zeitchen bevor und irgendwas hielt mich davon ab, ihn abzusenden. Du hättest Deine Daphne ja irgendwo über Berlin, London oder sonstwo verlieren können und ich wollte Dich keineswegs brüskieren. Doch nun kam diese Deine SMS. Mit dem für mich oberallerbonfortionösestem PS: „Daphne blüht!“ Und dieser Duft enthält ein Versprechen: Wir werden uns dieses Jahr wiedersehen!

Schweinhorn und Staungesichter

Schlechte Nachrichten, zum Bersten angespannte Nervensträngelchen und Ärger mit allzu gierigen Kuchenabhabenwollern. Agressive Dummheit  auf den Straßen und Stammtischparolen, die ihre schmuddeligen Eckkneipen salbadernd verlassen. Eigene  Mahre, die sich plötzlich aus mariannengrabentiefen Abgründen erheben und ein Berg von Kleinstsörgelchen, die sich aufgebahren, als wären sie teutonischer Kammart. Dazu ständiger Fisselregen und tagwerkbedingte Pudelnassklammkälte, die in die wehen Fingergelenke kriecht und sie schmerzlich krümmt. Der Nacken krümmt sich solidarisch mit und senkt den Blick so automatisch etwas tiefer als gewohnt. Da findet er dann Staungesichter, die er bis dato hinterhöfisch nicht bemerkte. Ich mache die Staungesichter nach, ziehe Schnute und grimassiere vor mich hin, bis daraus ein Lächeln erwächst. Richte mich auf und sende ein schallendes Lachen gen hausbevierecktem Grauhimmel.

Nachmittags lasse ich die eine Praktikantin vor sich hinfriemeln, Stillbeschäftigung im Floratelier. Draußen werkele ich im Dauerregen lieber selbst weiter, da springt die Ladentür auf und die kwietschpubertierende Stimme überschlägt sich fast eingeschenkeingeschenkrufend. Stolz präsentiert sie ihre Basteley und erklärt auf meinen erheiterten, aber etwas verständnislosen Blick ihr Werk: „Das ist ein Schweinhorn! Sie mögen doch Einhörner nicht, lieben aber Schweine. Also habe ich Ihnen ein Schweinhorn als Glücksbringer gebastelt!“ Fassunglos blicke ich das Grandiosgör an, woraufhin nun ihr hellklingendes Lachen sich in den Grauhimmel spiralt. Und ich? Ich sah wohl aus, wie eines meiner hinterhöfigen Staungesichter.

Schweinhorn

Zwölf Fragen, für die es nur eine Antwort gibt.

Weißt du eigentlich, daß Sturzbäche aufwärts fließen können? Sich herzgeboren kaskadig ergießen, als stünde das Leben plötzlich Kopf? Und kennst du die ganz eigene innewohnende Irritation, weil alles salzerne langsam den Tränen entflieht? Diese Kruste, die salinisch deine bebende Brust subkutan umfaßt, das lebendliebene Herz will sie hinwegspülen und zerbricht sie erst kratzigstürmisch, fühlst du sie? Ersäufst du schier in den Wellen, die sich innendrinnig über dich erbrechen und nur Schreie dich Luft bekommen lassen? Spürst du den Schmerz, den dein Herz dann pumpend verursacht, weil es die Rauhklumpen durch den viel zu engen Kanal drückt, der deinen Hals sich beugen läßt und bis in die Schläfen wellt? Und dass deine Pupillen bald rotwehmüde und deine Nase noch immer voller berstschmerzender Salzkristalle ist? Die dein Herz weiter pulsflutend aus dir ergießen läßt? Kennst du das Gefühl, wenn das Leben erstmal genug vom Kopfstehen hat und dir auf die Beine helfen will? Weißt du eigentlich noch, wie dieser Moment sich anfühlt, wenn deine Tränen nicht mehr salzig schmecken, sondern mildsanft deine Wangen umstreicheln? Lebst du diesen Moment der Erkenntnis, wenn die Zungenspitze mundwinkelig eine vorerst letzte ebbige Süßperle auftippt und damit postscriptisch die eigentliche Botschaft erhält? Kannst du diese dann auch verstehen?