Brauntropfen- Mutter weint (Farbstudie II)

von kaetheknobloch

Die Bernsteinkette meiner Mutter kam mir vor wie aufgefädelte Honigtropfen, die sie mühsam salzend ihren Augen abgerungen und dann seltsam erstarrt an Silberringlein fixiert hatte. Man erklärte mir die Herkunft des Bernsteins in der Schule, ich habe es sogar selbst versucht ihn herzustellen. Gleichwohl wußte ich schon beim Abkniepeln des Harzes vom Kirschbaum, daß das nicht stimmen konnte. Im Bache, in einer zerschnittenen Nylon schwimmend, fand ich nach ein paar Tagen die schwarzschmierige Bestätigung: Es fehlte die Salzwassermühe. Mitsamt der benötigten Zeit.

Damals wußte ich noch nicht, daß man Erinnerungen auch tränend salzreifen konnte, doch der Wunsch nach einer solchen schimmerigen Kette verließ mich nie. Die Ahnung von heller werdenden, sich versüßenden Honigtränen verstärkte sich jedoch bei jedem Blick in die Karamellaugen meiner Mutter. Sie waren nie rotgeweint wie bei Oma oder anderen vorschnell gealterten Frauen im Dorfe, sie schimmerten lichtwehend wie die Dünengräser in den hochsommerigen Flirrwochen an der Ostsee. Winters hingegen oder eben auch heimatlich glücklich maronten sich ihre Pupillen zu warmer Liebkosung gleich tiefster Herkunft und Überzeugung, genau da zu sein, wo sie sich langsam entsalzen konnte.

Es waren ihre Honigaugentropfen, die mir viel zu groß versilberkettet über die dürre Jungmädchenbrust floßen und um die ich sie beneidete. Sie salzte sie erneut augenwassernd, bis sie mir verstandeserträglich wurden und nur süße Erinnerungen fürderhin hell mir schienen. Eine solche Kette, wie töricht war es; sie jemals zu neiden!

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