bittemito

Käthe Knobloch. Bitte mit O. Erst ein Ä und dann zwei O.

Monat: Mai, 2016

Marktplatz 7, Perle des Kochertals

Die Hohenloher Ebene hatte uns zuletzt friedvoll müde gemacht. Langenburg war ausgebucht an bezahlbaren Zimmern, man empfahl uns, die Jagst talig zu queren, noch einmal die Ebene zu passieren und dann ins Kochertal hinab zu fahren. Da gebe es weitere kleine Gasthöfe mit Fremdenzimmern. Und so steuerten wir den himmelblauen Trabant meiner Freundin den empfohlenen Straßen nach. Es war 1990 und wir befanden uns auf der Zielgraden einer langen Abenteuerreise, aber das wußten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Wochenlang reisten wir durch die für uns neuen Bundesländer im Süden. Arbeitssuchend und neugierfrönend gleichermaßen. Blieben ein paar Tage, wo es uns gefiel und nahmen jedwede Arbeit an. Gönnten uns Übernachtungen oder schliefen kaputt im Trabbi ein. Ließen uns aushalten oder halfen für umme einer Gastgeberin im Haushalt. Erhielten Bleibeangebote und verliebten uns sogar. Doch immer wollten wir noch ein Stückchen weiter. Die ganze Geschichte kann ich nicht alleine erzählen, ich warte, bis ich meine Freundin eines Tages wiedersehe.

An diesem Abend fuhren wir also schlußendlich die serpentinige Straße gen Kochertal hinunter. Erste Häuser klebten am Hange und leuchteten warm in der spätsommerigen Dämmerung. Immer dichter zeigte sich die Besiedlung und im Ortskern präsentierten sich hübsche Fachwerkhäuschen und lebendiges Sein. Der „Löwen“ war gut besucht und wir hungrig wie ebensolche. Erstmal was essen und dann um Übernachtung kümmern, so die Devise. Zur Not tat es in den lauen Nächten noch einmal das Pappautomobil. Doch wir bekamen zunächst die ersten Käsespätzle unseres Lebens, woraus eine Ewigliebe wurde und dann ein preiswertes Zimmer. Wir beschlossen ein Weilchen zu bleiben.

Aus dem Weilchen wurden für mich 4 fantastische Jahre und das Dörfchen zu meiner ersten westdeutschen Heimat. Viele wichtige Entscheidungen traf ich dort und begegnete einigen Menschen, die mithalfen, die Weichen meines weiteren Weges festzustellen. Marktplatz 7, das Dachkämmerchen für uns zwei, der Schlusspunkt unserer gemeinsamen Reise. Alleine zogen wir dann weiter, ich zunächst nur talwärts ein Stückchen und wohin es Dich getrieben hat, das weiß ich nicht. Ich denke oft an Dich und ganz besonders heute.

Fassungslos schaue ich die Bilder und verwackelten Filmchen, die bezeugen, was meine Ohren sich weigerten aufzunehmen. Die Perle des Kochertals, eine meiner Heimaten ist teilweise unter Schutt begraben. Ich sehe die Häuser, erkenne sie wieder und das eine Foto vom Dachkammerzuhause läßt endgültig Tränen fließen. Selbst bei jedem unterm Geröll und Schlamm erkennbaren Autokennzeichen, quält sich ein Schluchzen die Brust hinauf. Wie ein Wunder erscheint es mir, keine Opfer in den tosenden Dreckmassen, keine Verletzte, so das Haller Tagblatt. Mein Denken und Bitten fliegt gen Braunsbach und mit ihnen meine hoffende Kraft.

Ramsi betet heute nicht für mich

„Kann nicht beten heute für dich.“ Seine nikotin- oderwasauchimmerverfärbten Finger umklammern den spendierten Pappbecher und lassen den Kaffee schier überschwappen. Unwillkürlich verlassen meine Augen seine und ich trete einen Schritt zurück. Die graue Jacke mit den umgekrempelten Ärmeln hockt mehr auf seinen Schultern, als daß er sie trägt. Die ehemals schwarzen Hosen beulen sich gräulich um seine Storchenbeine, die ohnehin viel zu fragil für sein schwer ausschlagendes Geschaukel erscheinen. Ramsi.

„Heute nicht. Dann wieder.“ Mein Blick wandert zurück von den abgetretenen Schuhen hinauf an der ganzen so queren Lumpenerscheinung, bis sein flackernder Blick mich zu bannen versucht. „Heute nicht beten, heute weinen.“ Ich zwinge meine Pupillen in sein Antlitz, lasse sie den zerfurchten Zügen folgen. Sie wundern sich noch über seine geschorenen Schwarzgraulocken und dann entdecke ich seinen Kummer. Er irrlichtert zwischen seinen bebenden Wimpern und hat sein eigentliches Augenweiß gelb verfärbt wie seine Fingerspitzen.

„Morgen. Du gehst wieder hier?“ Ich lese seine Frage eher in seinen schier morastigen Augen, als daß ich sie vernehme und nicke stumm. Nein, meine Augen müssen genickt haben, denn er wendet sich bannlösend ab und geht ein paar Schritte weiter. Bleibt an der Ecke stehen und vollführt von mir abgewandt seinen erst schulterigen Veitstanz, der dann seine ganze Krummheit offenbart und schließlich flehend seinen Kopf gen Himmel zucken läßt. Ich schaue ihm nach, die ganze Stadt steht für einen Moment still mit ihm und mir, so deucht es mich. ‚Prangertag‘ durchfährt es mich. Und ich frage mich, ob Ramsi deswegen heute nicht für mich beten kann und was ihn so bekümmert.

Als hätten ihn diese Gedanken umflort, dreht er sich zuckend zu mir um und stößt einen seiner seltsamen Kehllaute aus. Ein kurzes krächzendes „Cha!“. Es könnte ein Lachen sein. Oder die Bündelung aller seiner inneren Kämpfe, die nur so aus ihm herausgepresst werden können. In den Nachhall hinein ruft er mir zu: „Morgen, meine Blume, morgen ich bete für dich!“ Dann dreht er sich wieder weg und nimmt seine ewige Wanderung durch die Straßen der Stadt wieder auf. Ramsi, der Weltenlastträger, wie ich ihn nenne. Ich sende ihm stumme Bittgesänge hinterdrein und bilde mir ein, sein Buckelrücken begradige sich ein ganz klein wenig…

Frohgemuthseelenstadtfamosfabulat

Man müßte fabulieren von prachtvollen Zeiten, deren zerbröselnder Charme einem sich erst auf den zwoten Blick erschließt. Oder gar nicht vielleicht. Es sei denn, man hat eine Seelenfreundin vor Ort. Uns empfing die weiße Stadt an der Weser in gedeckten Grautönen, die jedwedes Tourismusgetöse schon vor unserer Ankunft sanftbetucht zu haben schien. Hugenottenmarkt. Was für ein Versprechen zauberte dieser in unser Denken! Abgesagt wegen der Pfingstunwetter. Nun denn…

Durch grauwehende Regenschleier schauten wir auf das unbekümmert fließende Kurvenwasser des altwissenden Flusses und fühlten uns bereits da willkommen. Schlenderten regenbehutet  durch die Stadt und fanden eher zufällig das Atelier der Freundin, die wir Zeitchen zuvor am Markte wähnten. Allein dieser Weg war ein tiefes Eintauchen in den gemählichen Gang vergangener Zeiten…

Noch tiefer war das Sinken hinab in diese so ganz spezielle Welt von Kunst- und Werteverbundenheit, die sich in den folgenden Stunden wie von Zauberhand über unser Empfinden staubte. Wir mußten uns nur von der heimlichen Königin dieser Stadt führen lassen. (Keine Sorge, wir verraten Dich nicht, aber der Fürst und Junker Klaas haben es ja auch schon erkannt…) Es gibt Momente, die kann man nicht ungeteilt verworten, aber sie haften sich herzkammerntapezierend in einen hinein. Zum Beispiel in der Hotelbar eines aus der Zeit gefallenen Hauses…

Wir schmiegten uns satt und glücklich in tiefe Ledersitze, bestaunten das völlige Auflösen von  Raum und Zeit durch die hingebungsvoll agierenden Hände des feschen Pianisten und schlußendlich wurde sogar noch getanzt. Selbst ich finde kaum Worte für dieses Vibrieren einer solchen Seelenstadt. Und anderntags fand ich noch einen ewigen Schneekristall…

Regentropfenlebenslanglobpreisklopfgesang

Gestrig noch beharschte Rauhstengeligkeit meine nackten Sohlen. Keine Tautropfenküsse liebkosten die tanzwilligen Fesseln und kein Grünhalm neigte sich, bereit seine nachtperlige Pracht mir anzuwaden. Die Wiese harrte mitten im Maienschub ab, als schmolle sie ob meiner ersten sensigen Mahd. Leise murmelte ich Leidsilben und Hoffnungsverse, tanzte, obwohl mir scharfe Trockenstiele die wehe Aufwartung sohlwärts machten.

Gestrig noch benotwasserte ich Topf und Beet, durstend blickten mir die neu gesetzten Floralesken entgegen. Die vorjährigen und immerwiederkehrenden hielten sich bislang knospig zurück, warteten auf den liebkosenden Regen. Die lenzzeitigen wollten sich noch samend ergießen, doch staubtrocken war kein Leben weiterzugeben. Nur eine hatte lange vor ihrer Zeit geblüht und ließ mich nun Blätter treibend innehalten und über manche Wunder nachdenken.

Gestrig noch sehnsuchtete ich nach Dir und Deiner Anwesenheit, ahnte nachspürend Deine Reisen, Dein ganzes Sein. Daphnes Odeur mag längst verflogen sein, doch hat es uns noch fester verbunden. Wie seltsam doch die Wege manchmal sind, wie unwahrscheinlich klein die Pforten dazwischen, deren Klinken in unsere Hände sich schmiegen. Wagen wir den sanften Druck, eröffnen sich mitunter Paradiese, auch wenn sie zeitchenweise staubtrocken erscheinen.

Heute bist Du da und bleibst mir nah. Und mit Dir der lebensbejahende Regen. Weil das Leben immer weiter geht und die Liebe sein i-tüpfelnder ewiger Begleiter ist. Regentropfenlebenslanglobpreisklopfgesang.

Steinkieslawinenabstiegsreich

Glattdunkel schimmert das Schwarzgewässer tief unter den hell leuchtenden Felsen, die du eben herzpumpend erklommen hast. Seidig, dieses Wort fällt dir als erstbeste Beschreibung ein und du lachst bitter in dich hinein. Seidig scheint es, doch die spitzscharfen Grate der unter der ruhigen Oberfläche wartenden Steine, die hast du genügend fleischgestreichelt. Deren Narben zieren dich reichlich, etliche nähgemustert obenauf und noch vielmehr unsichtbar subkutan. Spring doch, verführerisch schmeichelt sich dir die Tiefe an und du ahnst um seine mariannengrabeneske Traumverführbarkeit. Doch du bleibst stehen, da am scharfklippigen Rande und schaust den kleinen Steinen hinterher, die statt deiner den Absprung wagen. Wagen müssen, denn deine nackten wunden Füße denunzieren sie. Sie ruhten hier viel länger als du in diesem deinem kleinen Schnellathemmoment und doch wagst du es, sie hinwegzuzehen. Du fängst an nachzudenken. Beim Aufstieg, wieviele hast du weggetreten, nur um voranzukommen? Wieviele Lawinen hast du ausgelöst? Auch mit deinen hektisch nach Halt suchenden Fingern, die dann deinen gesenkten Nacken überrollten? Und wieviel dieser Steinkieslawinen hast du schlußendlich nur scheinbar bezwungen? Nicht springen, so klingt es auf einmal wahrnehmbar innenkraterig in dir und dann, dann tust du einen ersten Schritt zurück. Wagst, den Weg zu nehmen, der dir nie gewiesen ward. Den Abstieg. Er wird kein Rückschritt sein für dich, sondern ein weiteres Vorankommen. Zurück zu dir. In deine ureigene Tiefe. Und wenn du drohst lawinig zu werden, dann sind da alle diese Steine.

Sie werden dich halten, sie werden dich besicherfußen und sie werden dich schützend begleiten, egal welche Pfade du fürderhin nimmst. Bis du erkennst, wie steinreich du eigentlich bist.

Steinreich

Mariposa/organistrum/mandola/andro/momente

♥ Einwöchentlich nur die Entscheidung, die jüngst kennengelernten Musiküsse zu engagieren, um aus purem Tagwerkstreß einen formidablen Nachmittag zu machen, schietegal zunächst die knappe Zeit der offertlichen Bekanntmachung und die zusätzliche Aufhalsung von Gastgeberverbindlichkeiten. Ein Fest soll es werden. Mariposa heißen der Barde und die Lerchensanggleiche.

♥ Fast zeitgleich die Entscheidung eine Fee dabei haben zu wollen, nicht irgendeine, sondern die karfunkelige. Rückblickend der schönste Start in einen sonnigen Tag mit Knappquerung und retoure in den orangesinnigen Teutowald. Dazwischen lagen Stunden voller Lachen und Flinkfüßigkeit. Ein Fest war dieses schon alleine. Danke für Deine Hilfe, Du Funkellachzopfzurückschmeißerin.

♥ Schon die ersten Töne eines seltsam anmutenden Instrumentes bannten unsere Lauschläppchen und die der erfreulich vielzahlig anwesenden Gäste. Liebstmenschen, Freundlichstgesonnene und Wildfremde bildeten ein poröses Zuhörgeflecht, dessen gemeinsames Erleben des klangerfüllten Hinterhofes die Synapsen lächeln ließ. Organistrum heißt das Tönewunder und dieser Name ist Programm:

♥ In allem Notenmenschgewusel den Überblick zu behalten war mir ein schmalgratiges Vergnügen und selbst verspätete Tschuldigungsgebinde gelangen bonfortionös. Die zwinkerlächelnden Juchzer galten dem augenwinkeltaligem Barden und der zweibeinigen Lerche, deren Gesänge sich in den blaublanken Himmel spiralten. Und meinen Herzensmenschen. Auch der einen, die ganz woanders weilte. Eine Mandolaklanglänge dachte ich nur an Dich:

♥ Für diese geballte Lebens- und Liebensfreude war an diesem Ort schier zu wenig Platz und so tanzten wir vom Hinterhofe kleinfingerhäkelnd durch den bonfortionösen Gang bis auf die Straße. An Dro am hellerlichten Tage zu tanzen, kopfschüttelnd forderte der Barde eine schnellmöglichst folgende Abendveranstaltung ein. Ein Fest-noz im provinziellen Hinterhofe, ja, das paßt zum Floratelier, wo eh immer wieder Wunder geschehen.

♥ All die stillen augenwassernden Momente zwischendrinnig, da man pupillenspiegelig den eigenen Herzimpuls erblicken konnte, weil er fühlgeteilt im gleichen Rhythmus bebte und kein Wort dies eigentlich beschreiben kann; sie sind mir subkutan eingewoben und parfümieren mein weiteres Sein und Wirken. Danke, du wundersames Leben.

Mein Mai bleibt rot und offen…

für vieles, aber nicht alles.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Denn wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Aus Zeitgründen suche ich nicht selbst nach der Herkunft dieser Erkenntnis, lobe aber gerne einen Wortpreis kommentatorisch aus. Ist eh mal wieder Zeit für personifizierte Verwegene Verse…

Ich wünsche allen Wortflanösen und Buchstabenrecken ein wundervolles Maiwochenende mit sich öffnenden Blüten und Menschen. Und wer mag und kann, besucht mich im floratelierigen Hinterhofe, ein weiteres Famosfest steht an mit wunderbaren Menschen an meiner Seite. Maiwonnige Grüße, Käthe Knobloch, proseccokaltstellend und tanzschuhepolierend und natürlich blütenumrankt.

Mein Mai bleibt rot

Mein Herz schlug schon immer purpurn. Vor Begeisterung, die sich dann rotpulsend bis unter die Wangenbögen wogt. Manchmal vor Zorn, vielleicht zu oft, dennoch manifestiert sich der immer besser in vernünftiger Handlung. Wenn ich liebe, ist das Rot meiner Hingabe gleich dem warmen Schein der inneren Glut. Ich denke oft in Farben und Rot steht für Liebe, Gerechtigkeit und Mut. Früher trug ich aus Überzeugung eine rote Fahne und sang ihr überliefertes Lied, nicht wegen des Systems, das mir dies antrug, sondern weil ich an die soziale Gerechtigkeit glaubte. Mit wachsendem Wissen, eigenen Konflikten und spürbar tiefer Ungerechtigkeit kamen die Zweifel und gelebter Protest. Das System hat sich selbst ad absurdum geführt, mein linkes Herz ist mir geblieben. Und glaubt weiter an das Prinzip des kleinen Wörtchens „sozial“. Wo der Verstand schwarz sehen will, sendet mein Herz ihm Rotsignale, gleich den wegweisenden Leuchtfeuern an den stürmischen Gestaden, wo das Land untergehen zu scheint. Bringt mich so erneut auf die Straße und gibt meinem kleinen Stimmchen die Möglichkeit sich zu erheben. Mein Mai bleibt rot.

Maienrot

Ein weißes Ausrufezeichen auf rotem Grund hilft mir dabei. Und Ihre Unterschrift uns allen:

campact!