bittemito

Monat: November, 2017

Und manchmal dieser alte Schmerz

Und manchmal taumelst du für einen Moment unverhofft an den Rändern deiner einstigen Verzweiflungen entlang, streifst die Nähte deiner Versäumnisse und die groben Flicken der Vergangenheit scheinen gilb und harsch. Ein Gefühl, wie wenn ein einsames Herbstblatt scheinbar bangend seinen letzten Reigen tanzt. Lautlos vom kargen Baume sich lösen will. Es braucht den Sturm, dieses brausende Tosen der Lebendigkeit, Furcht kennt es nicht, nur die Ruhe die das vermeintliche Chaos in sich trägt. Kein Opfer, keine falsche Klage vibriert in diesem Sinken. Hingabe trägt es auf seinen Schwingen und Erneuerung über sich selbst hinaus. Wie du. Ein neues Pflaster um irgendwas zu flicken, nein, das brauchst du nicht. Sie waren nämlich gut, diese alten Zeiten. Die Zweifel waren deine eigenen Gräben und die Ränder mit Zorn vielleicht ausgerissen. Fugenlos ist jetzt dein Fühlen und Flickwerk brauchst du nicht. Und gleichwohl dann manchmal dieser alte Schmerz, doch eine Mildheit hat ihn wärmend übertüncht und lind gemacht, das fühlst du jetzt.

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Im Frieden deiner Sinne

Liebster, mich narrt der Regentropfen Klang,

sie tropfen und klopfen wie mein pulsend Blut.

Ich lausche beiden in ihrem rauschend‘ Gesang

während die Sehnsucht in meinen Adern ruht.

 

Liebster, mich irritiert der Lichter Geglänze,

sie leuchten zu früh deine Wege hierhin aus.

Oh, erstrahlten sie doch deiner in aller Gänze

und flackerten wie meine Seel‘ uns voraus.

 

Liebster, mich dürstet bei gefülltem Glase,

bitter der Wein und schal des Wassers Klar.

Lügnerin heißen mich Gaumen als auch Nase,

nur die bittere Einsamkeit schmeckt so wahr.

 

Liebster, die Wärme des Herdes flackert kühl

und tausend Kerzen erstarren in ihrem Schein.

Und alles, alles, was ich nun sehnend erfühl‘

 gebiert nichts als schmerzendes Alleinesein.

 

Liebster, des Puders Duft brüskiert die Haut

als wäre er nur schnöder Staub in fein und apart.

Nur warmen Beugen und Runden ist er vertraut,

in kalter Einsamkeit fehlt sein Duft so zart.

 

Mein Liebster, huldvoll schattiert sich die Nacht.

Meine ersten Sinne will ich achtsam in sie legen

und bin so mit den deinen friedvoll bedacht.

Mein Sehnen wird still der reinste Segen.

 

Vom Singen fast vergessener Lieder

Die alten Schatten machen sich lang im Herbst. Und mit ihnen mein Sinnen. Gefühle kann man nicht widerrufen, sie zu spiegeln, das wäre ein wahrhaft reiches Unterfangen. Wie die klitzekleinen Flöhe aus dem Hühnerstalle, wo der Frieden unter weichem Gefieder und in glucksendem Nachtgeplauder wohnte; springen mich Erinnerungsdötzchen an. Der saure Duft von eingeweichtem alten Brote und der feine puderige Korngeruch, wenn man das Futter mischte. Die körperwarmen Eier in den Kinderhänden, behutsam unter dem fiedrigen Bauche wegstiebitzt. Ominkels Lächeln in den Augenfältchen, wenn ich scheinbar fleißiger beim Einsammeln war. Ab und an ein Staunaugen verursachendes weiches Fließei, rares Kleinod ohne den kalkweißen Schutz. Das raschelnde Stroh beherbergte das Gold des vergangenen Sommers.

Das immer zeitigere Verschließen der ebenerdigen Hühnerluken im sich neigenden Jahr und das vorherige Absuchen der tiefästigen knorrigen Apfelbäume auf der ganzen Hühnerhalbinsel nach Emma. Immer hieß das Huhn Emma, welches freiheitsliebend mehr hüpfend als fliegend einen Baum als Schlafstatt erkor. Und welches dann unter empörten Gekreische das weitere Stutzen der Flügel über sich ergehen lassen mußte. Eines Nachts dann doch Aufruhr im Stalle. Ich hatte wohl überm Spielen die Hühnerluken vergessen. Der Fuchs nutzte seine Chance. Das Entsetzen ob des Gemetzels mischte sich mit tief empfundener Schuld. Die Wucht dieser Empfindung schattiert noch heute meine Erwachsenenhaut.

Die alten Schatten machen sich lang im Herbst. Doch bange machen sie mich nicht. Ich brauche meine Schatten, um zu erkennen, wer ich bin. Tief in den Wassern ruht die Vergebung und ich singe gerne die fast vergessenen Lieder.