bittemito

Monat: Januar, 2021

Firmamentskabiosenkristallkuss

Im hinteren Garteneck leuchtete Blüte für Blüte durch mondende Sommernächte und beglitt uns Zeitchen später sachte darbend in den Herbst. Dann ein kelchblättriges Aufbäumen, es mag in der Adventszeit gewesen sein. Ein Augentrauen wagten wir mehrmals, sorgten uns um rares Sommerflirren des Erinnerns; doch die Skabiose blühte unverdrossen weiter. Nicht einen azulnen Kuss haben wir verpasst. Auch nicht den kaltkristallinen im ersten Monat des neuen Jahres.

Unter grauen Januarwolken ist das Blau des Firmaments in eine zarte Blüte gefallen. Eine Stola aus Himmelsschnee hat sich sachte darüber gelegt. Wir können nur schauen und staunen. Und dankbar sein vor allem.

Vor einem Jahr ~~~ Januar

Die Menschenmasse war schier unüberschaubar, doch wir durften dank unserer lange vorher gebuchten Tickets an der zischenden und sich windenden Schlange vorbei. Privileg der Ahnungslosen, das wir hatten. Drinnen tobten bereits spürbar die Vorboten der apokalyptischen Vier, nun waren wir unleugbar ein Teil davon. Aber das ahnten wir nur vage. Gingen instinktiv gegen die massiven Ströme, nahmen andere Wege. Durften exclusive Augenblicke genießen und wähnten uns in lässiger Sicherheit. Doch die Erkenntnis tobte unter unserer Haut: Diese Massen, das Gedränge, die knipsende Begierde nach dem schnellen Kick im Klick; das kann nicht mehr lange gut gehen. Viele der Menschen sahen nicht hin, sie wollten gesehen werden. Wir verließen diesen Reigen schnell. Van Gogh to go. So gut gemacht und so unfassbar missverstanden.

Wieviel Tränen wohnen in einem einzelnen Blick?

Städel Frankfurt Ausstellung Van Gogh Januar 2020

Schneemanngezwinker

Heute hat sich eine feine Schicht zarter Kristalle über das Land gelegt. Eine Schneestola nur, so fein gewebt, ein Windhauch könnte sie verwehen. Und doch brachte sie freundliche Ruhe. Besengeräusche, so sachte wie Pinselstriche auf Seidenpapier beschmeichelten unsere Ohren. Kein harsches Gekratze oder gar mobiles Fegegetöse rückten dem bißchen Geflock auf den glitzernden Leib. Lange spazierten wir über die ruhenden Felder, beäugten Spuren, die nur der Schnee für uns sichtbar machte. Dachten auch an Spiele früherer Zeiten. Erinnerndes Schneemann-, Schlitten- und gar Eisschuh-Lächeln zierte unsere Gesichter. Zeitchen später haben wir dann vor Freude gelacht. Jemand hat auf jemandes Automobil ein Schneemännchen gesetzt.

Noch ein Zeitchen später ging ich, es näher abzulichten. Da hatte das Schneemännchen bereits seine Astärmchen verloren. Sachte vor sich hintröpfelnd schmolz es dahin. Doch mit seinen Moosaugen hat es mir zugezwinkert.

Des Nächtens schaute ich nochmal nach ihm. Arg ausgedünnt doch wacker stand es auf dem geparkten Automobil. Ein Lächeln aus Mut nahm ich mit in die Nacht. Und ein moosäugiges Zwinkern. Zwei gute Sachen in dieser Zeit. Das ist ganz schön viel.

Himmelsblaumetamorphseide

Tarsun welkt spürbar in ihrer bisherigen Seidigkeit. Schon zwei Wochen Absenz reichen zur offensichtlichen Veränderung. Sie scheint sich zu verpuppen, rundet sich und verliert ihre libellige Behendigkeit. Nur Zorn pulst noch manchmal nackenhaarsträubend auf. Die zarte Falte zwischen ihren feingeschwungenen Augenbrauen hat sich verkratert und fordert Bestand.  Ihre vertraute Lieblingshaltung eines ruhenden Buddhas schafft sie kaum noch einzunehmen, zu arg ist der Verlust der Bewegung.

Selten wogt ein Lächeln ihren kindlichen Unschuldsmund, statt dessen birst kehliges Weinen die bereits gesponnenen Schichten Einsamkeit. Ihre Hände sprechen vermehrt in Zornesgesten. Sie formulieren Fragmente von Schmerz und Wut. Meine Antworten bleiben stumm, wie könnte ich sie ihr denn angemessen übersetzen? So bleiben meine Erwiderungen als Ahnung bei mir.

Ins große Blau hinaus ließ ich heute meine eigenen Fragen fließen. Horchte plötzlich auf. Ein Geraune, das sich zum Rascheln aufbäumte. Geflatter vielleicht, ich äugte nach Vögeln. Schaute den Wingert hinauf, spähte in jedes Gereih von kahlen Reben. Da stoben Himmelsstürmer wispernd hoch ins strahlende Blau, reigten sich. Verneigten sich dann taumelnd hin zum Anfang ihres wilden Treibens. Trockene Weinblätter im Aufwind des südwestlichen Hanges, befeuert durch das Strahlen der Sonne.

Da hatte ich meine Antwort. Metamorphose. Gestalt, Form und Funktion verändern sich. Werden zu kleinen Wundern, die man nicht sofort erkennt. Davon will ich Tarsun morgen schweigend berichten. Es gibt Veränderungen, die bedürfen weder lauten Geschreies noch ständiger penetranter Wiederholung. Oft reicht ein einfaches Da-Sein. Ein Geschenk des Himmels.

 

 

 

 

 

Häuser aus Tränen

Jedes Haus besteht aus Tränen. Von Pupillenquellen gespeist und durch Zahmzähren gehalten bietet es Schutz und Heimat. Ich habe viele Heimaten und dennoch schmerzt jeder Blick zurück, wenn er mich den letzten deucht. Augenwassernd passieren die Erinnerungen, spiegeln sich verzehrend, verzerrend gar, wenn sie so lange flossen. Wo gute Geister in Augenspiegel tauchten und Wimpernvorhänge sich schwerend schlossen. Jedes Haus aus Tränen ist different gebaut, manche sind süßwassermild und doch lauern jammervolle Seufzersümpfe in ihnen. Andere klagen stürmisch salzend die Ewigtide an oder ihre Oberlichter zerspringen eisklirrend in tausend wehe Splitter. Es gibt auch die, die sind aus unstetem Augensand gebaut. Unfassbar in Gezeiten verloren.  Dieses ist meines. Ich werde es wie meinen Augapfel an meinen innerstenen Tränengestaden hüten.