bittemito

Kategorie: Outono

Liedmitsingsegen

Und dann sang ich plötzlich mit bei diesem unsäglichen Lied. Zum ersten Mal, denn ich mochte es bereits als Fünfzehnjährige nicht. Bekomme es dennoch alljährlich vor Weihnachten in die Ohren geschmiert Scheißliedchen, was es ist! Gut, ich sang es aus Gründen nur ganz leise mit. Gewisperte Freude über die Freude.

Ordnas neben mir vibrierte schon bei den ersten Takten in seinem Kindersitz. Sein schiefer Körper war fest verzurrt, doch seine Grashüpferbeine und die schlanken Arme mit den verbogenen Fingern schwoften los. Sein Köpfchen mit den unschuldig schönen Zügen eines Kleinkindes drehte sich mühsam ruckelnd zu mir. Die sonst tief ruhenden, fast zu Unnütz verdammten Pupillen leuchteten durch sein beschlagenes Visier hindurch. Begeistert zirpte er in seiner ganz eigenen Sprache seine Freude über dieses Lied hinaus. Sang den Refrain, vielmehr die Wortfetzen, die dieses Lied für ihn waren, lauthals mit. Stupste mich an: Los! Singstumi! Lachend ließ ich die Worte in meinen Mundschutz taumeln: Laaast Krissmas, ei gäv ju mei hard…

Zeitchen später begriff ich begeistert, dass Ordnas auch Metallica mag. Wir tanzten zarten Sitzpogo und ich half ihm behutsam, mit seinen flatternden Fingern eine Metalhand zu formen. So haben wir uns beide etwas beigebracht: Freude läßt sich am besten teilen.

Zum dreizehnten Mond hin

Zwölf Monde erhellten unser ruhendes Dunkel diesjährig bereits. Der dreizehnte bringt uns ans Ende eines Jahres, welches entblößt und wahre Gesichter zeigt. Ein Jahr der Offenbarungen. Gezeiten ändern dich.

Heute in der diakonischen Einrichtung. Nach vierzehntägiger Quarantäne ist sie wieder für externe Seelen geöffnet. Der Betreuer, der meinem Schützling zugewiesen ist, sieht müde aus. Berichtet schlagwortartig, es ist keine Zeit für lange Umschreibungen: Dreiundreißig Klienten, zwanzig Mitarbeiter, alle infiziert. Krisenmanagment funktioniert bis an alle möglichen Grenzen. Halbehalbe zwischen leichtem und schwerem Verlauf. Zwei intubiert. Keine Todesfolge bislang. Er schluckt, mir steigt Augenwasser auf. Er liest die darin schwimmende Frage, nickt und sagt: ‚Klar machen wir weiter, was denn sonst…‘ Ich antworte bebend: ‚Bis morgen… und Danke.‘

Während die einen Mensch bleiben als soziales Wesen, leugnen andere unabdingbare Notwendigkeiten. Bringen sich und andere unnötig in Gefahr. Es macht mich fassungslos, was Wohlstand aus uns zu machen vermag. Noch die kleinste freiwillige Einschränkung trifft auf harschen Widerstand. Manche fühlen sich gar als Opfer, wähnen sich diktatorisch beherrscht. Was bleibt uns denn als Gemeinsamkeit? Reden. Schreiben. Verstehen. Und beten.

Ich bete zum dreizehnten Mond der Milde, er möge Erbarmen in sein Strahlen legen. Und Weisheit. Sende Bittworte an Jupiter und Saturn, sie mögen uns mahnen in ihrem innigen Kusse gerade in diesem Jahr. Und ich denke die gut an, die trotz Sorge für uns sorgen. Ich glaube an die Menschlichkeit, immer.

Das Herz kriegt keinen Schnupfen

Die Tomatensträucher entblößten sich im kühlen Novemberlicht. So viele Früchte noch grün gewölbt, leicht errötet in raren Sonnenstunden. Gilbendes Laub darbte von Schutz- zu Schatzmeister, bis drohende kalte Nächte mich Sonnengut bergen ließen.

Zeitungen, deren Ungeheuerlichkeiten ich meinen Pupillen verbat, horteten plötzlich  unreifen Luxus und gewährtem ihm die nötige Zeit. Schnee von gestern bettete unsere Sonnenkinder und all die gedruckte Narrheit legte sich schlafen.

Zeitchen vergingen, Geduld ruhte wie eine schnurrende Katze am warmen Ofen und draußen leerte der Spätherbst Beete und Rabatten. Die Natur gibt keinen Nachlass, sie hat noch nicht mal Listenpreise. Alles ist ein Geschenk.

Ein Sommeressen Ende November. Thymian, Oregano und Basilikum sind draußen unter Glas geborgen, ich eile durch den kaltnebeligen Abend. Ziehe zurück in der duftschwangeren Küche fröstelnd die Schultern hoch. Warm macht mich Dein Blick.

In Deiner Stimme schwingt die Sorge mit. Bitte nicht erkälten, bitte nicht jetzt. Im Kerzenlicht leuchtet unser Sommergut. Sommerglutgut so rot. Der Geschmack lässt das Augenwasser aufsteigen. Und ich sage leise: Egal, was noch kommt ~ das Herz kriegt keinen Schnupfen.

Adventspezialansinnenappetenz

‚~~~Hiermit, Sie oberallerfingerfertige Blumenverwandlerin, bestelle ich einen Adventskranz gebunden aus Rosmarinzweigen und Feigenästen. Umwunden mit goldenen Seidenfäden, Hagebuttenstängelchen und Zanderflossen. Aufgehängt an Saffianfäden mit Schleifen aus Färberweid. Und nichts weniger. Und keine Kerzen, bitte schön.~~~‘

Zeitchen zuvor wurde mir dieser Wunsch von einem hochwertgeschätzten Herrn mit Hut angetragen. Natürlich eilte ich röckeraffend solch hohes Begehr zu erfüllen. Was mir auch fast gelang. Kein Zander gab freiwillig seine Flossen dafür her, was ich tiefherzig verstehe. Und auf Schleifen verzichtete ich aufgrund einer temporären Scheißschleifchenscheu.

Stattdessen fügte ich einheimisches Gehölz hinzu und als besonderes Kleinod meiner Wertschätzung eine kostbare Feder vom blauen Vogel der Glückseeligkeit. Rotbackenäpfelchen zieren den Kranz ebenso wie sie dem Pragmatiker als Wegzehrung dienen können. Die Feigen hingegen müßten noch mehr Sonne atmen für treffliche Verzehrbarkeit.

 

Allen Buchstabenballerinen und Letterngesellen wünsche ich einen ruhigen und friedlichen Advent. Besinnen wir uns auf unsere ureigene Kostbarkeit und dass dies uns manchmal zur Genüge reicht. Ein paar gute Worte, ein Lächeln, das in Pupillen schimmert und eine stille Dankbarkeit. So wunderbar gewichtig leicht.

Leisegrenzganggedankenreise

Es war eine kleine Reise, doch ihre Route folgte den Pfaden der großen Geschichten, denen letztlich unsere eigene, gemeinsame Historie entstammt. Bestünde diese Grenze noch heute, wie die diktatorischen Machthaber sie planten und viele Mitläufer ausführten, es wären  Meilen der Ödnis mitten durch Deutschland. Und durch unsere Herzen. Doch auf dieser kleinen Reise sahen wir ein heilsames Wachsen. Sprachen mit Menschen, die sich öffneten und einander die Hände reichten. Sahen alte Narben langsam verblassen und absurd gezogene Risse sich wieder schließen. Vielfalt in Natur und Menschlichkeit. Die drohenden Schwären, die Deutschland erneut durchziehen, sie sind ost- wie westwärts gleich. Es ist hohe Zeit, gemeinsam zu heilen. Anfangs vielleicht mit einer kleinen Reise.