bittemito

Tag: Abschied

Vor einem Jahr ~~~ Mai

Im Mai liegt stets ein ganzes Werden und Gehen geborgen. Im Zauber des Beginns welken schon die Frühblüher sich entblätternd dahin. Ein Trost, sie behutsam zu bündeln, ein Wartenur raunend dabei. Gleichzeitig dräuen die zwinkernden Vergißmeinicht in alle Gartenecken. Akeleien brüsten sich und wo gerade noch Narzissen duftend ihr Revier markierten, polstert sich Phlox gewinnend auf. Samenkinder flüchten erdwärts zurück. Und in mancher Blume ist all diese Geborgenheit selbst für uns unwissende Menschenkinder in einem Blick zu sehen.

Maienblick zurück:

Derzeit reichen mir die unzähligen Mohngrünlinge gerademal wadenwärts. Kein Stiel wölbt sich knospend empor und keine rote Spur blühender Verschwendung ist zu erahnen. Sonne fehlte. Regen fiel seit Tagen. Sein stiller Jubel ist stets verschwenderisch labend. Und unbändig ansteckend sind nun all die warmen Sonnenküsse. Warte nur, warte ~~~ so raunen die Mohnblattjungfern an meine winterbleichen Waden. Ein Wadenrotgelübde behübscht mir ein Zeitchen auch die Wangen. Und ein Maisonnenhusch.

Vor einem Jahr ~~~ Februar

Die erste Reise des Jahres wies uns nachhaltig auf unsere Nichtigkeit hin. Den Strelasund fußwärts zu queren, diesen Wunsch übergaben wir beizeiten dem orkanigen Wind und den gefühlt eisigen Temperaturen. Auf der Brücke schrieen wir gegen das Tosen an und stemmten uns immerhin bis Dänholm gegen die Böen. Die Blicke zurück zum Festland waren überwältigend. Unsere Erschöpfung auch. Also harrten wir wie verirrte Haubentaucher am Wegesrand aus. Keine Raubmöwe wollte uns ans durchnässte Gefieder, ein gewogener Busfahrer nahm uns auf.

Stralsund im Februar. Kein Tourismusgetue, hart und karg und ebenso ehrlich und zugewandt erschien uns diese Stadt. Spontan erkundigten wir uns für die frühe Sommerzeit nach einem möglichen Quartier. Staunende Ratlosigkeit bei den freundlichen Gastgebern. Alles ausgebucht und überhaupt! Wollen Sie wirklich in der Saison…? Die ernüchternde Antwort wußten wir sofort: Verzicht.

Andere Antworten suchen wir seit letztem Februar. Einige werden weiterhin ungehört verklingen. Weil man manchmal einfach nicht hinhören mag oder kann. Etliche haben unser Handeln inzwischen in Obhut genommen. Und die eine begleitet uns gut spürbar seit einem Jahr: Verzicht.

Es ist eine gute Antwort in all dem Überfluss. Hören wir genau hin.

Häuser aus Tränen

Jedes Haus besteht aus Tränen. Von Pupillenquellen gespeist und durch Zahmzähren gehalten bietet es Schutz und Heimat. Ich habe viele Heimaten und dennoch schmerzt jeder Blick zurück, wenn er mich den letzten deucht. Augenwassernd passieren die Erinnerungen, spiegeln sich verzehrend, verzerrend gar, wenn sie so lange flossen. Wo gute Geister in Augenspiegel tauchten und Wimpernvorhänge sich schwerend schlossen. Jedes Haus aus Tränen ist different gebaut, manche sind süßwassermild und doch lauern jammervolle Seufzersümpfe in ihnen. Andere klagen stürmisch salzend die Ewigtide an oder ihre Oberlichter zerspringen eisklirrend in tausend wehe Splitter. Es gibt auch die, die sind aus unstetem Augensand gebaut. Unfassbar in Gezeiten verloren.  Dieses ist meines. Ich werde es wie meinen Augapfel an meinen innerstenen Tränengestaden hüten.

Dreimalhinsehdreizehnsinn

Minuten, Stunden und gar Tage verstoben zuletzt. Wir fühlten uns sicher in einer ureigenen Zeitblase umfangen. Vorgestern rief ich nächtens staunend die anderen herbei, hatte wohl meinen Zeitgeist überraschend verlassen: Der Dreizehnte mondete uns wolkenblinzelnd an.

Gestern strahlte für einen glückseeligen Blick der Mondenbruder über Fluss, Schleuse und Brücke. Warf dann seinen samtenen Vorhang aus Wolkengeflecht vor unsere applaudierenden Augen und verschwand.

Heute sah ich Zeitchen zuvor noch ein Leuchten, liess rasselnd wieder den Fensterladen hoch. Staunte still und stumm am offenen Fenster. Sandte Gebete jedweder Art für ein Mondenzwinkern hinaus. Nun ist nach Mitternacht. Meine Lieben und ich haben den dreizehnten Mond um vieles gebeten. Was davon in unsere Pupillen fließt, bleibt mondendes Geheimnis.

Obsoletphotographiepanorama

Sich in alte Photographien fallen lassen. Den Farben nachspüren und Stofflichkeiten mit den Pupillen ertasten. Die Stimmung subkutan aufnehmen. Dem Frieden inmitten arbeitsamer Betätigung gewahr werden. Floralnamen flüstern und deren Nimbus erkennend fühlen. Erinnerungen sind in Freude gewoben. Sie sind leise Gesänge aus Tagen, die in gleichen Tönen komponiert worden sind. Und dann die warme Ahnung um kommende Bilder in diesen Farben der Renaissance. Mit ihr flutet der Dank für mehr als das bloße Abbild meine Pupillen.